Aufsicht

Konfliktzone Dreirosen: Er ist der Sheriff des heissesten Freiraums von Basel

Marc Moresi: Auf seiner Anlage hat er den Überblick.

Marc Moresi: Auf seiner Anlage hat er den Überblick.

Marc Moresi leitet das Jugendzentrum in der Dreisrosenhalle. Er hat eine Debatte um seine Anlage angezettelt. Er weiss, wovon er spricht.

Wir wollen Marc Moresi dort treffen, wo man ihn meistens sieht: in der Dreirosenhalle, dem Jugendzentrum, das er leitet. Auf dem Weg dorthin nähert sich von rechts ein Mann um die Vierzig auf einem Velo. Er fährt über das Basketballfeld, biegt vor uns scharf ab. Eigentlich schon einige Meter weiter, hält er plötzlich und dreht sich um.

Höflich fragt er auf Englisch: «Sie wollen nicht Gras kaufen, oder?» Wir verneinen, er zuckt mit den Schultern und gesellt sich zu einer Gruppe Teenager. Nur wenige Augenblicke später stösst Moresi dazu. Sicherer Schritt, die Schultern zurückgezogen, ganz der Sportlehrer, der er einst werden sollte. Moresi, 44, trägt einen kurzen Bart und gebleichte Jeans, die ein Gürtel mit riesiger Schnalle zusammenhält. Die Haare hat er zu einer Art Kamm gegelt.

Der Sheriff der Dreirosen-Anlage redet auf einen jungen Mann ein, der trollt sich, das Handy vor der Nase. Moresi kehrt zurück in die Dreirosenhalle. «So, da bin ich.»

Der junge Mann arbeite bei der Jugendarbeit, wird Moresi später erzählen. Da gehe es nicht an, dass er sich nach Feierabend mit Dealern treffe, noch dazu direkt vor der Nase aller anderen. Es sind Szenen, wie sie sich hier täglich abspielen: Da der offene Drogenhandel, dort die Jugendarbeit, die Welten mischen sich.

Die Dreirosen steht seit mehreren Monaten im Verdacht, ein gefährlicher Ort zu sein. Zwar haben hier schon immer Dealer Gras verkauft, und ab und zu führte das zu Auseinandersetzungen. Jetzt aber sei die Sachlage eine andere: «Die Situation hat sich massiv verschärft», sagt Moresi. Seit die Dealer nicht nur Gras, sondern auch Koks und andere Substanzen verticken, und sich mehrere Gruppen um die Hegemonie am bekannten Umschlagplatz streiten, seither ist die Anlage zu einem sozialen Brennpunkt geworden.

Massenschlägereien häufen sich und enden immer wieder blutig. Die Polizei rückt regelmässig aus und Eltern berichten, was die Leiterinnen der Tagesstruktur ihren Kindern bisweilen auf dem Heimweg raten: Rennt und schaut auf den Boden.

Drogen im Sandkasten und verängstigte Kinder

Die selten so offensichtlichen Probleme der Gesellschaft vertragen sich schlecht mit den Plänen, welche die Stadt für die Dreirosen-Anlage hegte: ein Ort für Familien und Kinder zu schaffen. Bereits im Sommer konnte man lesen, wie sich die Situation allmählich zuspitzt.

Ende Oktober schliesslich war es Moresi und die Jugendarbeit der Freizeithalle, die sich zu einem Hilfeschrei entschied. Moresi verfasste einen offenen Brief zuhanden der Behörden. Von «erschreckenden Gewalttaten, bewaffneten Konflikten und massiven Drogenproblemen» ist darin die Rede.

Marc Moresi spaziert über die Anlage. Zu seinem Job ist er mehr zufällig gekommen. Kurz habe er an einer Karriere als Profifussballer geschnuppert. Gereicht hat es dann nicht, auch wenn er noch immer leidenschaftlich in drei Teams kickt. «Vor vier Jahren habe ich als Vierzigjähriger noch einmal in der Zweiten Liga ausgeholfen», sagt er nicht ohne Stolz, «als Aussenverteidiger».

Seine Lieblingsposition ist aber das zentrale Mittelfeld, wo es darum geht, Verantwortung zu übernehmen. Moresi hat schliesslich Sport studiert, den Dienst verweigert und ist über den Zivildienst in der Jugendarbeit gelandet.

Hier arbeitet er seit dreizehn Jahren. Ein junger Mann mit tätowiertem Gesicht grüsst Moresi freundlich. Er steht in einer Gruppe junger Männer, die sich an die Mauer lehnt. «Der Vorsprung der Brücke bietet Schutz vor Regen, deswegen halten sie sich gerne hier auf», erklärt Moresi.

Deshalb, und weil sich nur wenige Meter davon Büsche befinden. «Im Sommer verstecken sie darin die Drogen.» Ein weiterer Ort ist der künstliche Bach, der quer über die Anlage fliesst. Und der Kinderspielplatz. «Wir haben auch schon Päckchen im Sandkasten gefunden.»

Eigentlich geht Moresis Engagement über seinen Tätigkeitsbereich hinaus. Er wäre nur für die Halle zuständig. «Aber es betrifft mich ja auch, wenn Kinder weinend zu mir flüchten.» Dann kann er nicht daneben stehen, dann löst er die Situation eben selber.

Wie damals, als sich ein Betrunkener vor den Kindern entblösste, um an ein Fussballtor zu urinieren. Oder er ruft notfalls die Polizei. An einem Nachmittag rief Moresi ganze fünf Mal an: Ein Mann war auf der Suche nach Vergeltung mit einem Hammer in der Hand herumgelaufen.

Gitter und Park-Ranger gegen Dealer

Beim Spielplatz stehen Bauarbeiter, die gerade ein Gitter hochziehen. Sie versperren damit einen kleinen Rückzugsort, den die Brückenpfeiler bieten, vor Blicken gut geschützt hinter der Rutschbahn. «Vor ungefähr zehn Jahren haben wir die Stadt zum ersten Mal darum gebeten, jenen Ort neu zu überlegen», sagt Moresi. Hier hätten sich die Dealer als erstes niedergelassen.

Gut möglich, dass die Vorwürfe der Jugendarbeit die Sache beschleunigt haben. Mit seinen Zeilen hat Moresi schon einiges bewirkt. Anwohner starteten eine Petition für mehr Sicherheit, es fanden Sitzungen mit dem Kanton statt und in diesen kam ein neues Konzept zur Sprache: Schon ab nächstem Jahr könnten versuchsweise Park-Ranger nach dem Rechten sehen. Eine Idee, die Moresi begrüsst.

Am Freitagnachmittag stehen Zelte und Festbänke auf dem blauen Basketballfeld. Moresi hat zum «Friedensfest» geladen. Er möchte die aktuelle Aufmerksamkeit der Medien nutzen, um noch stärker auf die Probleme vor seiner Haustüre aufmerksam zu machen.

Das gefällt nicht allen. Aktivisten aus der linksextremen Szene haben ihren Protest angekündigt. Sie befürchten mehr Polizeipräsenz und finden: Die Jugendarbeit dramatisiere. «Ich hoffe, es kommt nicht zur Eskalation», sagt Moresi. Am Ende erscheinen sieben junge Menschen, die Flyer verteilen.

Übertreibt Moresi in seinen Schilderungen? Nein, findet eine Lehrerin des benachbarten Primarschulhauses. «Er ist einer der wenigen, die überhaupt einschreiten, wenn es knallt.» Nein, findet auch eine Leiterin der Tagesstruktur. Moresi habe schon oft ausgeholfen, wenn es brenzlig wurde.

Wer mit Moresi spricht, merkt bald: Er ist kein Haudrauf. Vielmehr relativiert er so stark, dass er sich in seinen Schilderungen gerne verzettelt. Er wünscht sich nicht mehr Polizeipräsenz («Die können ja auch nicht einfach immer hier sein»), sondern eine durchdachte Strategie, wie man dem Problem Herr werde.

«Wir dürfen die Augen nicht verschliessen vor solchen Problemen und die Randständigen einfach wegweisen», sagt er. Das hängt damit zusammen, dass er viele Akteure auf diesem Platz selber gut kennt. Er weiss um den negativen Asylentscheid des jungen Dealers, und selbst einer der Linksaktivisten ist früher zu ihm in die Halle gekommen. Gerade deshalb hat sein Wort aktuell Gewicht: Hier schlägt einer Alarm, der die Situation kennt.

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