Münster
Königin Anna Gertrud – die Stammesmutter der Habsburger

Das Grab von Anna Gertrud von Habsburg erinnert an die Zeit, als Basel fast Hauptstadt der Habsburger wurde. Die Zeit, als Rudolf von Habsburg der erste römisch-deutsche König war.

Simon Erlanger
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Die Wappen von Österreich, des Reiches und der Steiermark zieren das Grab der Königin Gertrud Anna, der Gemahlin Rudolfs von Habsburgs, im Basler Münster.

Die Wappen von Österreich, des Reiches und der Steiermark zieren das Grab der Königin Gertrud Anna, der Gemahlin Rudolfs von Habsburgs, im Basler Münster.

Kenneth Nars

Das einzige Königsgrab der republikanischen Schweiz ist nicht leicht zu finden. Es liegt in einer etwas versteckten Ecke im Chor des Basler Münsters. Auf dem Sarkophag aus Sandstein prangen die Farben Österreichs, der römisch-deutsche Königsadler und der steirische Panther.

Es sind die Wappen des Hauses Habsburg, einer Adelsfamilie aus dem Aargau, die vom Mittelalter bis ins Jahr 1918 europäische Geschichte prägte und von Lima über Frick bis nach Przemyśl ein Weltreich kontrollierte, in dem die Sonne nie unterging.

Stammmutter der Habsburger

Wer in dem Grab liegt, erklärt eine Inschrift an der Wand. Es ist Anna Gertrud von Habsburg (1225-1281), Gräfin von Hohenberg, Gemahlin von Rudolf von Habsburg (1218-1291), des ersten römisch-deutschen Königs.

Sie gilt als die eigentliche Stammmutter der Habsburger. Vierzehn Kinder hat sie Rudolf geboren. Der jüngste Sohn Karl, starb noch als Kleinkind und wurde in Basel beigesetzt. Er ist auf dem Deckel des Sarkophags neben seiner Mutter lebensgross dargestellt.

20 Jahre lang residierte Anna von Habsburg als Burggräfin auf der Burg Stein, dem heutigen Inseli im Rhein bei Rheinfelden und führte für ihren Mann den fürstlichen Haushalt.

Doch wie eigentlich kommt ein Habsburgergrab ins Basler Münster? Haben wir nicht eben erst am 1. August die mythische Gründung der Eidgenossenschaft im Kampf gegen Habsburg gefeiert?

Habsburger wollen Basel

Nun geht – abgesehen von der Tatsache, dass die Reichstadt Basel der Eidgenossenschaft erst 1501 beitrat – gerne vergessen, dass die Habsburger eine lokale Dynastie waren, deren Stammlande der heutige Aargau samt Fricktal sowie das Elsass waren, lange auch «Vorderösterreich» genannt.

«Ein Königshaus aus der Schweiz» nennt der Aargauer Historiker Bruno Meier denn auch seine Geschichte der Habsburger. Lange bevor die Eidgenossenschaft als politisch und militärisch handelnde Körperschaft auf den Plan trat, sei der auch aus der Legende von Willhelm Tell bekannte Rudolf von Habsburg zum unbestrittenen Leader im Raum zwischen Freiburg im Üechtland, Luzern, Basel und Konstanz aufgerückt. Und mitten drin lag Basel, als Angelpunkt des habsburgischen Territoriums. Rudolf wollte Basel daher zu seiner Hauptstadt machen.

26 Mal sollen sich Rudolf und seine Gemahlin Anna bis 1274 in Basel aufgehalten haben, nicht zur Freude des Stadtherren Bischof Heinrich III. «Rudolf von Habsburg, Du kommst hier nicht rein» soll der Bischof laut dem Historiker und Stadtführer Mike Stoll gerufen haben, als der Habsburger 1272 vor Basels Mauer aufgekreuzt sei.

Als Reaktion habe der Habsburger die Vorstadt St. Johann niederbrennen lassen. 1273 belagerte Rudolf von Habsburg Basel mit Hilfe von Zürcher Truppen. Am 20. September desselben Jahres wurde er in Frankfurt zum römisch-deutschen König gewählt, worauf ihm als rechtmässigen Herrscher die Tore Basels geöffnet wurden.

Doch schon bald wandte sich das Interesse des Habsburgers von Basel ab und Österreich zu, das er bis 1282 sukzessive erwarb. Und wurde schliesslich im Laufe der Zeit Wien und nicht das widerspenstige Basel zur Residenzstadt der Habsburger und damit zur Zentrale einer Weltmacht.

In Wien gestorben, in Basel beerdigt

In Wien verstarb denn auch 1281 Königin Anna von Habsburg. Ihr letzter Wunsch war es, bei ihrem Sohn Karl in Basel beerdigt zu werden, Rudolf erfüllte den Wunsch und liess Anna rund 700 Kilometer von Wien nach Basel bringen.

Damit der Leichnam der Königin überhaupt überführt werden konnte, musste er entsprechend präpariert werden. Ausführlich schildert der Colmarer Chronist – ein anonymer Basler Dominikanermönch – die Vorbereitungen der Überführung der Königin: «Ihrem Leichnam wurden die Eingeweide entnommen, die Bauchhöhle wurde mit Sand und Asche gefüllt, das Gesicht einbalsamiert.

Dann übergab man den Körper mit einem Wachstuch und hüllte ihn in prächtige seidene Gewänder. Eine goldene Kette zierte das verschleierte Haupt. Dann legte man die tote Königin in den Sarg, der aus Buchenholz gefertigt war, ihre Arme waren über die Brust gekreuzt. So sah der König seine Gemahlin zum letzten Male, ehe der Sarg mit eisernen Bändern verschlossen wurde.»

Der Leichenzug kam am 20. März 1281 in Basel an. «Drei Bischöfe zelebrierten das Totenamt, bei dem der Sarg senkrecht aufgestellt wurde und der Deckel geöffnet war, damit alle Anwesenden die hohe Verstorbene noch einmal sehen konnten.» Schliesslich wurde die Königin im Chor des Basler Münsters beigesetzt bei ihrem Sohn Karl.

Beim Erdbeben von 1356 wurde das Grab beschädigt und der Sarkophag an seinen heutigen Standort versetzt. Ebenfalls nach 1356 wurden dem Sarg die Überreste eines weiteren in Basel beerdigten Prinzen beigelegt. Thronfolger Hartmann war erst 18 Jahre alt, als er im Dezember 1281 bei einem Schiffsunglück auf dem Rhein ertrank. Das Münster war somit neben dem aargauischen Königsfelden eine wichtige Ruhestätte der Habsburger, erst später abgelöst durch die Kapuzinergruft in Wien.

Spätestens seit der Schlacht von Sempach 1386 konzentrierten sich die Habsburger vermehrt auf ihre östlichen Territorien. Allerdings blieb im Elsass und im Fricktal die habsburgische Herrschaft noch lange erhalten. Im Fricktal endete sie erst 1799 mit dem Einmarsch der Franzosen.

Leeres Grab seit 245 Jahren

Die Totenruhe der Anna von Habsburg und ihrer Söhne wurde aber schon vorher gestört. So öffneten im Jahre 1510 die Basler Domherren den Sarkophag und entwendeten die Krone der Königin. Diese fand Eingang in den Münsterschatz.

Im Zuge der Kantonstrennung von 1833 wurde der Schatz aufgeteilt. Die Habsburgerkrone ging an den Landkanton. Liestal – schon damals in akuten Finanznöten – verhökerte das geschichtliche Erbe für nur 351 Franken.

Basel hatte mittlerweile dem katholischen Habsburg endgültig den Rücken gekehrt. Die Stadt war eidgenössisch und reformiert geworden. 1770 schliesslich verfügte Kaiserin Maria Theresia, dass die Stammmutter des Hauses Habsburg daher nicht länger im Münster ruhen durfte.

So wurden die Überreste von Königin Anna und ihren beiden Söhnen ins habsburgische Kloster St. Blasien im Schwarzwald überführt. 1806 wurde das Kloster aufgelöst. Königin Anna wurde wiederum umgebettet und fand ihre letzte Ruhe schliesslich im Stift St. Paul im Lavanttal in Kärnten.