Plage
Krähen in Riehen - «Lärm in den Morgenstunden ist fast unerträglich»

In den Städten der Nordwest- und Westschweiz wachsen die Krähenpopulationen rasant. Das laute Krächzen, aufgerissene Müllsäcke und vollgekotete Autos bringen die Bewohner auf die Palme.

Daniel Fuchs (Text) und Sandra Ardizzone (Fotos)
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Neulich trug ich einen dieser stabilen blauen Müllsäcke vors Haus. «Wohin willst du mit diesem Sack», fragte mich die 5-jährige Tochter der Nachbarn. «Auf die Strasse, damit ihn die Kehrichtmänner einsammeln können», antwortete ich verdutzt. «Aber dann kommen doch die Krähen», wandte das Mädchen ein.

In Bern sind sogar die Kinder darauf erpicht, partout nichts draussen liegen zu lassen, was die grossen Vögel anziehen könnte.

Krähen sind hochintelligent. Und lernfähig. In der Schweiz nahm ihre Zahl in den letzten Jahren stetig zu; jene der Saatkrähen explodierte geradezu. Was nicht alle freut: Vogelfreunde enervieren sich über ausgeraubte Singvogel-Nester in ihren Gärten, Städter regen sich über zerfetzte Müllsäcke auf und Autofahrer über den Vogelkot auf ihren Karossen. Anwohnern raubt das laute Krächzen den Schlaf.

Hin und wieder hört man gar von Krähenangriffen. Etwa vom Genfer Schafzüchter, der im «Le Matin» um seine getöteten Lämmchen trauerte. Krähen sollen ihnen die Augen ausgepickt und als sie bereits wehrlos dalagen, sich an ihren Gehirnen genüsslich bedient haben.

Wirbt für ein Nebeneinander zwischen Mensch und Vogel: Adolf Fäs zählt Saatkrähen-Kolonien beim Kantonsspital Aarau.

Wirbt für ein Nebeneinander zwischen Mensch und Vogel: Adolf Fäs zählt Saatkrähen-Kolonien beim Kantonsspital Aarau.

Sandra Ardizzone

Treu ein Leben lang

Krähen sind vielen Menschen unheimlich. Nicht umsonst wurden die Aasfresser «Galgenvögel» genannt. Der US-Regisseur Alfred Hitchcock bediente auf wunderbare Art und Weise das Bild des boshaften Raben und mit seinem Horrorstreifen «Die Vögel» hat er es in unseren Köpfen auch noch zementiert.

Bewaffnet mit Notizblock und Fotokamera begeben wir uns auf Krähenjagd. Wir gehen von Bern, einem der Hotspots der Plage, nach Basel und Aarau und sprechen mit einem Ornithologen, der Kehrichtabfuhr und mit einem pensionierten Chirurgen eines Spitals, auf dessen Gelände sich eine ganze Kolonie Saatkrähen wohlfühlt.

Der Krähenspezialist bei der Vogelwarte Sempach heisst – ohne Witz – Christoph Vogel. Er weiht uns in die Welt der Rabenvögel ein. Denn Krähe ist nicht gleich Rabe und umgekehrt. Zur Familie der Rabenvögel gehören verschiedene Gattungen.

Rabenkrähen und Saatkrähen sorgen für den meisten Ärger: «Sie beobachten zum Beispiel einen Fuchs dabei, wie er Bratenreste aus einem Müllsack stibitzt», sagt der Ornithologe Vogel. Denn Krähen selber riechen nichts. Sie beobachten und ziehen aus dem Beobachteten ihre Schlüsse. «Nach dem Fuchs macht sich die Krähe hinter den Müll, weil sie nun ja weiss, dass sich im Sack Essbares befindet», so Vogel.

Die Rabenkrähe ist die am weitesten verbreitete Art, sie ist fast in der gesamten besiedelten Schweiz anzutreffen. Saatkrähen dagegen tauchten vor nicht allzu langer Zeit hierzulande auf. Das erste bekannte Saatkrähenpaar brütete 1963 im Westschweizer Orbe-Tal. Erste Kolonien siedelten ein Jahr später in Basel, später im Aaretal und bis in die 1980er in Bern. Mittlerweile gibt es Saatkrähenkolonien vor allem in der westlichen Landeshälfte.

Fabelhafte Intelligenz

In Riehen bei Basel finden wir zwar keine Saatkrähen, dafür aber ihre Brut- und Schlafplätze in den hohen Baumkronen auf einem Spielplatz.

Eine Mutter hofft, dass die Krähen bald weg sind. «Der Lärm in den Morgenstunden, er ist fast unerträglich», beschwert sie sich. Eine Spaziergängerin sagt: «Sie sollten das Spektakel in der Dämmerung sehen. Dann fühlt man sich hier wie bei Hitchcock.»

Basel ist eine Saatkrähen-Hochburg. André Frauchiger ist Sprecher des städtischen Bau- und Verkehrsdepartements. Als solcher vertritt er auch die Kehrichtmänner: «Wir weisen die Bürger darauf hin, die Kehrichtsäcke so spät wie möglich auf die Strasse zu stellen. Wo das nichts hilft, empfehlen wir, sie unter Tüchern zu verstecken, sodass die Krähen nicht an sie herankommen», sagt er. Doch die Vögel sind schlau.

Die Intelligenz von Krähen entspricht ungefähr derjenigen eines schulreifen Kinds. Erst vor einem Jahr wiesen Forscher den Wahrheitsgehalt der 2500 Jahre alten Fabel des griechischen Dichters Äsop «Die Krähe und der Wasserkrug» nach: Eine durstige Krähe lässt Steine in einen Wasserkrug fallen, dessen Wasserstand so tief ist, sodass sie nicht an das Wasser kommt. Das Volumen der Steine bewirkt, dass der Wasserstand ansteigt, so hoch, dass die Krähe schliesslich mit ihrem Schnabel ans Wasser kommt.

Der Todesbote im Spital

Pensionär Adolf Fäs ist fasziniert von den Krähen. Mit einem Feldstecher wartet er vor dem Kantonsspital Aarau, wo er früher Chirurg war. In den Baumkronen krächzen die schwarzen Vögel. Fäs hat 39 Nester gezählt.

Im Jahr 2007 sind die Saatkrähen auf das Spitalareal gekommen. Und mit ihnen kam der Ärger. Einmal soll ein Patient aus der Narkose aufgewacht sein. Auf dem Fenstersims des Aufwachsaals sei eine Krähe gesessen und der Patient, noch halb im Delirium, habe im Glauben an den Todesboten fantasiert, er liege im Sterben, erzählt Adolf Fäs.

Er wirbt für ein Nebeneinander von Mensch und Vogel. Aber davon sind nicht alle überzeugt. So manch ein Trick sollte die schwarzen Tiere vertreiben. Die Vogelscheuchen, welche die Vögel davon abhalten sollten, auf den Feldern die Saat wegzufressen, sieht man kaum noch. Die Krähe ist zu schlau, als dass sie sich von einer Strohpuppe in Hudeln wegscheuchen liesse. In den Städten haben Krähen kaum natürliche Feinde. Der Habicht, der Jagd auf sie macht, fühlt sich wohler auf dem Land.

Jährlich werden Krähen geschossen. Auch für die Saatkrähen wurde der Schutz gelockert. Im besiedelten Gebiet gilt jedoch ein Schiessverbot. Und wenn – es brächte nicht viel. Die Populationen erholen sich rasch. «Stirbt eines der Tiere, so findet der übrig gebliebene Partner rasch Ersatz in einem der grossen Halbwüchsigenschwärme, die übers Land ziehen», erklärt Fäs.

Ein fliegender Holländer

Wo Quartierbewohner nicht mehr schlafen konnten ob all des Krähenlärms, versuchte man die Tiere, mittels Baumschnitt fernzuhalten. Vorübergehend machte man damit in Bern, Basel und Aarau gute Erfahrungen. Wenn die Baumkrone jedoch wieder dichte Blätter trug, kamen die Krähen wieder zurück. «Eigentlich wird man die Tiere nur los, wenn man die Bäume fällt», sagt Pensionär Fäs. Doch wer will das schon?

Im Aarauer Spital hat man sich mit den Krähen arrangiert. In jedem Krankenzimmer liegt eine Informationsbroschüre auf, um bei den Patienten und ihren Angehörigen für Verständnis zu weibeln.

Basel stimmt diesen Sonntag über die Einführung unterirdischer Kehrichtcontainer ab. Diese würden die Krähen daran hindern, die Müllsäcke zu zerreissen.

In Bern geht man noch einen Schritt weiter, nachdem die intelligenten Vögel auch die Uhu-Attrappen als Bluff erkannt haben. In einem Pilotversuch will die Stadt nun Saatkrähen-Kolonien umsiedeln. Dazu wurde extra ein holländischer Spezialist hergeholt, dessen Bemühungen in holländischen Städten erfolgreich gewesen sind.

Auf den Strassen bleibt es aber zwei Mal wöchentlich bei den blauen Müllsäcken, die den Krähenattacken nicht standhalten. Die 5-jährige Nachbarstochter fragte wenige Tage nach unserem letzten Treffen keck: «Hast du gesehen, was die Krähen mit dem Müllsack angerichtet haben?»

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