Benzidin
Krebserregender Stoff im Klybeckareal sorgt für Streit unter den Linken in Basel

Giftiger Boden, giftiges Klima: Niemand weiss, wie viel krebserregendes Benzidin im Entwicklungsareal Klybeck liegt. Deswegen ist unter den Linken ein Streit entbrannt.

Leif Simonsen
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Niemand weiss, ob unter dem Spielplatz Ackermätteli Giftstoffe lagern.

Niemand weiss, ob unter dem Spielplatz Ackermätteli Giftstoffe lagern.

Roland Schmid (08. Dezember 2020

Zwischen dem rechten Linken und der linken Linken herrscht Eiseskälte. Der Basler Wirtschafts-, Sozial-, und Umweltdirektor Christoph Brutschin von der SP will das Entwicklungsgebiet Klybeck voranbringen.

Heidi Mück hingegen, bis vor kurzem noch Regierungskandidatin der Linksaussenpartei Basta, will zuerst genau wissen, welche Giftstoffe im Boden des Klybeckareals liegen, bevor 10'000 Menschen hier einziehen. Im 300'000 Quadratmeter grossen Gebiet hatten die Novartis und ihre Vorgängerfirmen Medikamente hergestellt und die BASF (vormals Ciba SC) Farbstoffe. Zudem diente das Klybeck als Areal für privaten Hauskehricht.

Christoph Brutschin und Heidi Mück sind sich uneinig.

Christoph Brutschin und Heidi Mück sind sich uneinig.

Nicole Nars-Zimmer / Kenneth Nars

Brutschin ist der Meinung, dass das Areal genügend auf Giftstoffe untersucht worden ist. Das sagte er, als der Kanton das Klybeck 2019 an die Arealentwicklerin Central Real Estate verkaufte – und diese Meinung vertrat er auch Ende August an einer Podiumsdiskussion.

Damit brachte er Heidi Mück von der Interessengemeinschaft Klybeck sowie Bernhard Aufdereggen von den Ärztinnen und Ärzten für Umweltschutz (Aefu) gegen sich auf. Sie konfrontierten Brutschin nochmals in einem Mail, das der bz vorliegt, mit dessen Aussagen.

Unterschiedliche Lesart des historischen Berichts

Im Zentrum steht das krebserregende Benzidin, das für die Herstellung von Farbstoffen Verwendung findet – unklar ist, wie viel davon bis heute im Klybeck­areal lagert. Brutschin meinte anlässlich der Diskussion, es brauche eine Anpassung der Altlastenverordnung auf Bundesebene, um im Klybeck danach zu suchen.

Zudem stellte er sich auf den Standpunkt, dass das Benzidin auf einem Werksareal wie dem Klybeck (anders als etwa auf dem Lonza-Areal im Wallis) abgeflossen sei. «Die lange Zeit übliche Entsorgung der Abfälle erfolgte über die direkte Einleitung in den Rhein», antwortet er Mück. Und nach 1945 seien die festen Chemieabfälle in Kiesgruben ausserhalb der Firmenareale deponiert worden.

Die lange Zeit übliche Entsorgung der Abfälle erfolgte über die direkte Einleitung in den Rhein.

(Quelle: Christoph Brutschin, WSU-Vorsteher Basel-Stadt)

Brutschin verweist auf den historischen Bericht der Ciba SC und der Novartis, welcher im Jahr 2000 erstellt wurde. Hier werde Benzidin «nicht explizit» als Risikosubstanz aufgeführt. «Zudem finden sich im ganzen Bericht keine Hinweise auf Havarien mit Benzidin oder auf Ablagerungen im Werksareal oder im Klybeck.» Ob Brutschin die Studie unsorgfältig gelesen oder einen falschen Schluss gezogen hat, ist unklar.

Bemerkenswert ist jedenfalls, dass die Autorin dieses Berichts, Sigrid Rembold, ein anderes Fazit zieht. «Doch, es gab im Klybeckareal sicherlich Havarien mit Benzidin, denn es fing ja immer mal wieder ein Kessel oder eine Filterpresse Flammen und ging hoch», meint sie. Sie verstehe daher nicht, dass nie untersucht worden ist, wie hoch die Benzidin-Konzentration im Klybeck­areal sei. Besonders entlang der lecken Abwasserleitungen unter den alten Produktionsgebäuden müsse gesucht werden.

Der Kataster hat sich in mehr als tausend Fällen bewährt.

(Quelle: Christoph Brutschin, WSU-Vorsteher Basel-Stadt)

Auf die Forderungen Mücks, etwa den Altlastenkataster auszuweiten, will Brutschin nicht eingehen. Dieser Kataster sei unter grossem personellen Aufwand entstanden und habe sich «in mehr als tausend Fällen bewährt», schreibt er im Mail. Bereits jetzt stehe das Gebiet zudem unter regelmässiger Grundwasserüberwachung.

Brutschin mit «falschen Behauptungen»

Mit dieser Antwort sind die Ärztinnen und Ärzte für Umweltschutz nicht zufrieden. Sie wollen in diesen Tagen die Medien informieren. Der bz liegt die Medienmitteilung vor, in der mit harscher Kritik an Brutschin nicht zurückgehalten wird. Der WSU-Vorsteher rechtfertige sich in seinem Brief an Mück und die AefU «erneut mit falschen Behauptungen», was die Altlastenverordnung angehe.

Wir bitten Sie, Massnahmen in die Wege zu leiten.

(Quelle: Heidi Mück, IG Klybeck)

Mit Verweis darauf, dass die bz im Besitz des Mailverkehrs sei, will Brutschin auf weitergehende Fragen nicht antworten. Unangenehme Fragen wird er sich allerdings von den AefU und deren Geschäftsleiter Martin Forter stellen lassen müssen. Forter nimmt den Streit zum Anlass, die Diskussion um die Altlasten im Klybeck neu zu lancieren.

Erneut zeige sich, dass die Regierung von einem «gründlich untersuchten» Stadtteil spreche, obwohl es bei den Bohrungen von 1929 und 1976 keine Analysetechnik für die Problemstoffe gegeben habe. Und an gewissen Orten wie beim Spielplatz Ackermätteli sei gar nie gebohrt worden. Forter stellt deshalb die Frage, ob die Basler Behörden in Sachen Altlasten die nötige Kompetenz und Unabhängigkeit mitbrächten. Diese will er geklärt haben, ehe sich in ein paar Jahren die ersten Bewohner auf dem Klybeckareal niederlassen.