«Feuer und Flamme» 2

Krimiautor Raphael Zehnder und die Sendepause

Tausende Stiche: «Ein Testbild regt zum Nachdenken an», sagt Raphael Zehnder.

Tausende Stiche: «Ein Testbild regt zum Nachdenken an», sagt Raphael Zehnder.

Der Basler Schriftsteller und Radiojournalist über den Bucheinband, den ihm seine Frau zu Weihnachten geschenkt hat.

«Mich interessiert Materielles relativ wenig. Kleider, Bücher, CDs – alles ist ersetzbar. Und meine Erinnerungen sind in meinem Kopf. Der Bucheinband aus Leinen, den mir meine Frau Annette zu Weihnachten 2018 geschenkt hat, ist aber wirklich einzigartig. Er ist mehrschichtig genäht und mit einem Testbild bestickt: Tausende von Stichen, alles Handarbeit. Das hat Wochen gedauert und ist ein echter Ausdruck von Liebe. Mir gefallen die Farben, Formen und das Motiv: Ein Testbild regt zum Nachdenken an. Es ist ästhetisch überzeugend und weckt Kindheitserinnerungen. 

Vor den Skirennen oder dem Grand Prix Eurovision hiess es jeweils: «Wir warten noch auf die Schaltung.» Dann tauchten die Testbilder der verschiedenen Sender auf. Man wusste, jetzt geht es nach Brüssel, Italien oder Österreich. Die Stickerei lässt sich auch philosophisch deuten. Wird das Testbild gesendet, bedeutet das Pause, Zeit zum Innehalten und In-sich-Gehen. Die Hülle ist auch funktional, gerade Taschenbücher wie meine Krimis liegen damit viel besser in der Hand.

Ich schreibe, weil ich mich für Geschichten interessiere. Der Kriminalroman besitzt den Vorteil, dass er einen eingebauten Motor hat: Ein Verbrechen fand statt. Nun gilt es herauszufinden, wie es passiert ist und wer dafür die Verantwortung trägt. Zuletzt wird diese Person festgenommen – hoffentlich, aus staatstragender Sicht. Innerhalb dieses Gerüsts gibt es enorm viel Platz. Man kann über Städtebau schreiben, über Menschen, über sich selbst. Es hat Platz für Humor, Philosophisches, Musik – der Kriminalroman eröffnet enorm viele Freiheiten.

Faszination des Schreibens: Aus einem leeren Papier entsteht etwas

Schon als Teenager habe ich geschrieben, bevor ich in den Musikjournalismus gerutscht bin. Das analytische Erfassen interessierte mich: Warum gefällt den Leuten etwas? Was machen die Musikerinnen und Musiker genau? Und dann ist das Schreiben an sich fantastisch: Aus einem weissen Blatt Papier oder einer leeren Datei entsteht etwas. Bei Krimis skizziere ich auf einer A4-Seite den Plot, schön durchnummeriert. Dann giesse ich die Struktur in ein neues Dokument und arbeite einzelne Szenen aus: mal am Anfang, mal am Schluss, fast wie bei einem Foto, das mit einem Wattebäuschchen retuschiert wird. Allmählich setzt sich alles wie ein Mosaik zusammen. Das ist so schön, dass ich darüber oft die Zeit vergesse.

Ich bin gut organisiert und kenne wenig Leerlauf. Ich arbeite 80 Prozent für Radio SRF und verbringe viel Zeit mit meiner Familie. Aber wenn ich für mich und meine Leserinnen und Leser arbeite, dann gibt es nur das Schreiben. An zwei Abenden in der Woche und an meinem freien Tag schreibe ich jeweils einige Stunden. Steter Tropfen höhlt den Stein. Ich bin in keinem Sportverein und schaue auch nicht fern: Da herrscht Sendepause. Fernsehen liegt mir nicht, beim Radio lassen sich Inhalte mit einem geringen produktionstechnischen Aufwand gut umsetzen. Es ist wie beim Lesen, die Zuhörerinnen und Zuhörer machen sich ihre eigenen Bilder.

Ich gehe mit einigermassen offenen Augen durchs Leben und schreibe über das, was mich packt – die Musikszene, das Werbemilieu oder die Politikerkaste auf dem Bruderholz. 2008 bin ich von Zürich nach Basel gezogen, zehn Jahre später habe ich meinen Ermittler, Benedikt Müller, zu mir geholt, damit er in Zürich nicht so allein ist. Auch, weil der örtliche Realismus wichtig ist.

Alltags-Groove hinter den Bergen

Zürich hat sich stark verändert, in Basel fällt mir die Recherche leichter, weil ich den Alltags-Groove miterlebe. Von der Schweiz aus gesehen liegt Basel hinter den Bergen, das ist eine ganz andere Geografie, auch mental: Basel orientiert sich stärker nach aussen. Ein Blickwinkel, der für Müller neu ist. Anders als Kommissär Hunkeler wird er sich aber kein Haus im Elsass leisten können. Und erben wird er auch nicht, Müller kommt aus einfachen Verhältnissen – wie ich.

Bei allen Gemeinsamkeiten: Müller, das bin nicht ich. Er ist ein paar Jahre jünger, er hat keine Familie und wurstelt gerne für sich allein. Seine Grundhaltung ist rigider, aber wir teilen das – hoffe ich – freie und vorurteilslose Denken. Er zieht dem Fernsehen Bücher vor und liest von mir erfundene spätantike Philosophen, deren Weisheit er zu ergründen sucht. Im Gegensatz zu mir achtet er ein bisschen mehr auf seine Fitness, seit er eine neue Partnerin hat. Allerdings könnte das noch problematisch werden, weil sie im gleichen Kommissariat arbeiten.

Humor und Leichtigkeit sind wichtig

Während des teilweisen Shutdowns hatte ich mehr Ruhe zum Schreiben, aber ein Corona-Roman ist nicht geplant. Keine Ansteckungsgefahr für Müller, er trägt eine Maske zum Verhör. Das neue Buch liegt jetzt zum kritischen Gegenlesen bei meiner Frau, im Frühling 2021 wird es erscheinen. Schon im Oktober kommt ein Bildband über Zürich in den 1970er-Jahren heraus, zu dem ich Fotos ausgewählt und Bildlegenden und ein Vorwort verfasst habe. Das wird schön und hoffentlich auch lustig: Der Humor und die Leichtigkeit sind mir ja auch in meinen Krimis wichtig.

Wenn jemand den Müller fürs Fernsehen spielen müsste, dann Daniel Rohr vom Theater Rigiblick, mit dem ich jeweils im Frühling die Zürcher Kriminalnacht veranstalte. Er hat sich schon freiwillig gemeldet, ihm würde ich beim Müllern gern zusehen. Aber ob ich mit dem Drehbuch einverstanden wäre?»

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