Bleibt er? Oder geht er? Am Dienstag, an der nächsten Parteiversammlung der Grünliberalen Basel-Stadt, erwartet die verunsicherte Basis endlich eine Antwort von ihrem Präsidenten und Aushängeschild David Wüest (42). Dieser hatte sich nach seiner überraschenden Abwahl als Grossrat bei den kantonalen Wahlen im vergangenen Oktober aus Frustration überlegt, das Parteipräsidium zur Verfügung zu stellen.

Die Grünliberalen werden sich jedoch weiter in Geduld üben müssen. Am Dienstag werden sie von Wüest keine Antwort erhalten. Dieser zögert die Bekanntgabe seines Entscheids weiter hinaus. Er wolle sich erst Mitte März, nach der nächsten Vorstandssitzung, dazu äussern, sagt er nun.

Gemäss Recherchen des «Sonntags» ist klar: Wüest wird aller Voraussicht nach Präsident der Basler Grünliberalen bleiben, die er im Februar 2008 gegründet hat. «Ich gehe davon aus, dass er weitermacht», bestätigt Fraktionspräsident Dieter Werthemann. «Und ich bin froh darüber.» Wüest sei Gold wert für die Partei. Er habe sie aufgebaut und sei allseits akzeptiert, sagt Werthemann. «Alle haben es bedauert, dass er als Grossrat abgewählt worden ist.» Wüest selbst mag noch nicht bestätigen, dass er Präsident bleibt. «Für mich zeichnet sich eine Lösung ab», sagt er nur.

Redet man mit Wüest, wird schnell klar: Er hat sich noch nicht aus der Politik verabschiedet. Dass er voraussichtlich Präsident bleibt, hat jedoch noch einen weiteren Grund: Die Grünliberalen haben es versäumt, einen Nachfolger aufzubauen. Etablierte Politiker wie Grossrat Aeneas Wanner oder Bankrat Andreas Sturm sind beruflich und politisch bereits zu stark eingespannt, um das Amt zu übernehmen. Andere wie Vizepräsidentin Nadine Lienhard oder die Grossratskandidatinnen Katja Christ und Fabia Spiess sind noch zu unbekannt und unerfahren dafür. Hinter den Kulissen geisterte deshalb bereits die Variante Co-Präsidium herum.

«Wir haben talentierte Leute in unseren Reihen», sagt der frühere Vizepräsident und Parteisekretär Stefan Kaister, lange die Nummer zwei hinter Wüest. «Wir müssen ihnen allerdings Zeit lassen und dürfen sie nicht ins kalte Wasser werfen.»

Eine Möglichkeit für das Präsidium wäre Grossrat Emmanuel Ullmann. Dieser hat aber mehrere Handicaps. Der frühere Freisinnige steht nicht für einen Neuanfang. Beruflich ist er bei der UBS in Zürich tätig, was seine Verfügbarkeit stark einschränkt. Bei den Regierungsratswahlen erzielte er zudem nicht das erhofft gute Resultat.

Wie die gesamte Partei. Im Gegensatz zu erfolgreichen Sektionen in anderen Kantonen stagnierten die Basler Grünliberalen bei den Grossratswahlen bei fünf Prozent und verloren einen ihrer sechs Sitze. Anfang Februar, bei den Kommissionswahlen im Grossen Rat, kassierten sie die nächste Niederlage. Das Präsidium der wichtigen Bildungs- und Kulturkommission wurde ihnen verweigert, sie mussten sich mit dem Vorsitz der unbedeutenden Regiokommission zufrieden geben.

Krisensitzung Mitte Februar

Mitte Februar hat die Parteispitze deshalb eine Krisensitzung abgehalten, an der Vorstand und Grossräte die bisherige Strategie der Mitte-Partei hinterfragten. Die Ergebnisse dieser «Wahlanalyse» sollen erstmals an der Mitgliederversammlung am kommenden Dienstag öffentlich diskutiert werden.

Dass die Lage bei den Basler Grünliberalen zurzeit angespannt ist, zeigt sich auch daran, dass sie bei ihrer Analyse auf externe Hilfe angewiesen waren. Die Partei liess sich vom Zürcher Politgeografen Michael Hermann und dem Politiker Michael Köpfli, Fraktionspräsident der Grünliberalen im Berner Stadtrat und Vorstandsmitglied der Grünliberalen Schweiz, beraten.

Die Aussagen Hermanns müssen den Basler Grünliberalen zu denken geben. «Die Partei steht etwas quer in der Landschaft», sagt Hermann zum «Sonntag». Die Grünliberalen hätten im Wahlkampf nichts falsch gemacht. Das enttäuschende Resultat bei den Grossratswahlen sei auf die «speziellen Umstände» im Kanton Basel-Stadt zurückzuführen. Laut Hermann spricht eine «ganze Reihe von Faktoren» dafür, dass es für die Grünliberalen schwierig sei, in Basel zu reüssieren.

Im Gegensatz zu anderen Kantonen zeichne sich die Basler Parteienlandschaft durch Stabilität aus, sagt Hermann. Nationale Trends würden, wenn überhaupt, mit starker Verzögerung eintreten. «Auch die SVP hatte Mühe, hier Fuss zu fassen. Da spielt ein Anti-Zürich-Reflex mit.» Ein weiterer Grund ist laut Hermann die «grosse Konkurrenz». Die bürgerlichen Parteien würden in Basel einen ökologischeren, urbaneren Kurs fahren als in anderen Kantonen.

Hermanns Fazit: Die Grünliberalen haben in Basel dann eine Chance, wenn es ihnen gelingt, sich von den etablierten Parteien abzuheben. «Sie könnten zum Beispiel eine Art Watchdog-Funktion wahrnehmen und ihnen auf die Finger schauen», sagt er. Dabei müssten sie sich jedoch von der SVP abgrenzen.

Angesichts der schwierigen Ausgangslage glaubt auch Politgeograf Hermann nicht, dass Wüest die Partei im Stich lässt. «Ich habe den Eindruck gewonnen, dass er gerne bleibt.»