Christliche Bewegung
Kritik an Hansjörg Wilde: Befindet sich Riehens Gemeindepräsident auf Abwegen?

Hansjörg Wilde ruft in einem Flyer dazu auf, bei der Verteilaktion einer womöglich missionarischen Organisation die Bibel entgegenzunehmen. Dies ruft Kritiker auf den Plan. Denn die Vermischung zwischen staatspolitischem Amt und Kirche sorgt für Irritation.

Tobias Gfeller
Merken
Drucken
Teilen
Hansjörg Wilde steht wegen einem Flyer in der Kritik.

Hansjörg Wilde steht wegen einem Flyer in der Kritik.

Kenneth Nars

Begibt sich Riehens Gemeindepräsident Hansjörg Wilde (parteilos) auf missionarische Abwege und vergisst dabei die Trennung von Kirche und Staat? Diesen Eindruck erweckt ein Flyer des Basler Ablegers der christlichen Bewegung «Jugend mit einer Mission», auf dem Wilde als Gemeindepräsident dazu aufruft, sich auf eine Bibel-Verteilaktion einzulassen und der Bewegung «mit Offenheit» zu begegnen.

Die Bibelverteilaktion verfolge das Ziel, schreibt Wilde, «dass jeder und jede über eine Bibel in eigener Sprache verfügt und damit die Möglichkeit erhält, sich selbst mit Gottes Botschaft auseinanderzusetzen».

Flugblatt in alle Riehener Haushalte verteilt

Der Flyer wurde kürzlich in sämtliche Briefkästen in Riehen verteilt. Die «Jugend mit einer Mission» schreibt auf ihrer Website über sich, eine international und konfessionsübergreifende Bewegung zu sein, die den Ruf habe, Gott zu erkennen und in der ganzen Welt bekannt zu machen. «Unser Gründer Loren Cunningham hatte die Vision von Wellen junger Menschen, welche die Küsten aller Länder überspülen und so die frohe Botschaft von Jesus verbreiten. Alles was wir tun, ist auf den drei Säulen Evangelisation, Jüngerschaft und Gnade gebaut.» Als «Jugend mit einer Mission» sei es ihr Herzensanliegen, Gott anzubeten, ihm in allen Ländern zu dienen und jüngere Menschen zu ermutigen, Gottes Pläne und Wünsche für ihr Leben zu finden.

Das hört sich schwer nach missionarischen Absichten an. Nun möchten die jungen Menschen den Riehenerinnen und Riehenern eine Bibel schenken. In seinen Worten auf dem Flyer erinnert Gemeindepräsident Hansjörg Wilde an die Coronakrise und wie sich Menschen in dieser schwierigen Zeit über Sinn und Zweck des Lebens Gedanken machen würden. Zum Lebenssinn äussere sich auch die Bibel, betont Wilde.

«Das ist eine klare Aufforderung»

Hansjörg Wildes christlicher Glaube ist unlängst bekannt. Diese Vermischung zwischen staatspolitischem Amt und Kirche sorgt in Riehen aber für Irritationen. «Das ist für mich eine klare Durchmischung seiner staatlichen Funktion und einer Glaubensgemeinschaft, die etwas unter die Leute bringen will», kritisiert Christian Griss, Kirchenratspräsident der römisch-katholischen Kirche Basel-Stadt, CVP-
Grossrat und ehemaliger Riehener Einwohnerrat.

Als Privatperson kann ich nicht verstehen, wieso sich Hansjörg Wilde für einen solchen Flyer hergibt.

(Quelle: Christian Griss, Kirchenratspräsident und Grossrat)

Als Kirchenratspräsident käme es ihm nie in den Sinn, einen Gemeinderat für eine solche Stellungnahme anzufragen. «Auch als Privatperson kann ich nicht verstehen, wieso sich Hansjörg Wilde für einen so solchen Flyer hergibt.» Es sei nicht nur eine Grussbotschaft, die Wilde an die Riehener Bevölkerung richtet. «Es ist eine klare Aufforderung, die Bibel entgegenzunehmen», stellt Griss fest.

Riehener Landeskirche wusste nichts vom Flyer

Weniger dramatisch sieht es Andreas Kleiber, evangelisch-reformierter Pfarrer des Gemeindekreises Kornfeld-Andreas in Riehen. «Ich finde, das Grusswort von Hansjörg Wilde ist sehr neutral verfasst und nicht missionarisch.» Er habe Wildes Worte durchaus sympathisch gefunden, so Kleiber. Aber er könne verstehen, dass es als heikel angesehen werde, wenn er die Worte als Amtsträger unterschrieben habe.

Auch der Flyer als Ganzes und die verteilte Bibel kämen nicht missionarisch rüber, findet Kleiber. Er stellt aber klar, dass die Riehener Landeskirchen nichts von diesem Flyer gewusst hätten und nicht involviert seien, obwohl die Dorfkirche und die Franziskuskirche darauf abgebildet sind.

«Fundamentalistische christliche Organisation»

Der Aufruf von Hansjörg Wilde ist heute Abend auch Thema im Riehener Einwohnerrat. SP-Co-Präsident Martin Leschhorn spricht in seiner Interpellation von einer «fundamentalistischen christlichen Organisation» und will vom Gemeinderat wissen, wie es um die Trennung von Kirche und Staat stehe und wo er die Grenzen solcher «missionarischen Tätigkeiten» ziehe.

«Diese Organisation hat klar missionarische Absichten. Die religiösen Ansichten von Hansjörg Wilde sind seine private Angelegenheit und als solche auch zu respektieren. Es hat aber eine andere Qualität, wenn er eine solche missionarische Tätigkeit als Gemeindepräsident unterstützt.» Es gehe ihm um den Schutz der staatlichen und politischen Institution, mahnt Leschhorn. Gemeindepräsident Wilde wird am heute Abend Stellung nehmen müssen.