Interview

Kritik an Musikfinanzierung: «Wir führen keine Neid-Debatte»

Fabian Gisler (links) und Victor Moser sind Musiker und Repräsentanten der IG für eine breitere Musikförderung.

Fabian Gisler (links) und Victor Moser sind Musiker und Repräsentanten der IG für eine breitere Musikförderung.

Der Pop soll auf Augenhöhe stehen mit der Klassik. Die IG für eine breitere Musikförderung erklärt ihre Anliegen und Forderungen.

Vor sechs Wochen trat die IG für eine breitere Musikförderung mit einer Frage in Erscheinung: Ist das Ungleichgewicht in der Basler Musikförderung noch zeitgemäss? Fabian Gisler und Victor Moser präzisieren gegenüber der bz erstmals, worum es ihnen geht.

Ihr Schreiben war deutlich. Wie fielen die Reaktionen aus?

Fabian Gisler: Es gab viele positive Rückmeldungen, auch aus anderen Kantonen. Der Konsens war: «Toll, da passiert etwas, wie können wir uns beteiligen?»

Der Brief ging ans Präsidialdepartement. Wie ist der Stand da?

Victor Moser: Wir hatten ein gutes Treffen mit Katrin Grögel (Co-Leiterin der Abteilung für Kultur), bei dem wir auf offene Ohren gestossen sind. Aber wir haben auch gemerkt, dass unser Anliegen nicht zuoberst auf der Dringlichkeitsliste steht.

Fassen Sie Ihr Anliegen doch bitte noch einmal zusammen.

Gisler: Wir wollen in Basel eine Musikfinanzierung, die das professionelle Schaffen in Pop, Jazz, Metal, Hip-Hop, Improvisierter Musik, Electronica, Rock und allen Sub-Genres davon berücksichtigt. Und wir wollen, dass in dieser Diskussion professionelles Schaffen, Nachwuchsförderung und Jugendkultur nicht unnötig vermischt werden.

Konkret heisst das: Sie sehen Pop und Co auf Augenhöhe mit Klassik?

Gisler: Ja, wir sehen hochstehendes Musikschaffen in all diesen Bereichen auf Augenhöhe mit klassischer Musik. Wenn aber in Basel Musik von der Kulturabteilung substanziell finanziert wird, dann ist es die Klassik. Die Zahlen belegen das deutlich. Rund 97% des Geldes geht in den klassischen Bereich. Dieses Ungleichgewicht ist nicht mehr zeitgemäss.

Sie wollen den Klassikern also das Geld wegnehmen?

Gisler: Ganz entschieden: Nein, wir führen keine Neid-Debatte. Es ist toll, dass es ein Sinfonieorchester gibt. Und auch, dass es so gut finanziert ist. Aber es ist nicht nachvollziehbar, dass diese Art der Wertschätzung und Hilfestellung in den anderen Genres fehlt.

Moser: Genau da setzt unsere Diskussion an: Wir wollen eine Solidarität unter allen Musikschaffenden erreichen, also auch von Seiten der klassischen Musik.

Solidarität ist ein grosser Begriff.

Gisler: Ja, aber den haben auch Katrin Grögel und Sonja Kuhn von der Abteilung für Kultur in einem Gespräch mit der Tageswoche im September 2018 verwendet. Sie sagten, dass sie die Hoch- und Populärkultur nicht gegeneinander ausspielen wollen. Wir sind parat dafür.

Dennoch: Wenn niemand auf seinen Teil verzichten soll, muss der Kuchen grösser werden.

Moser: Auf das wird es rauslaufen. Aber wenn alle Musikerinnen, Konsumenten und Institutionen solidarisch zusammenstehen, dann ist das auch möglich.

Sie sind sehr optimistisch.

Moser: Wir sehen einfach die gesellschaftliche Bedeutung der verschiedenen Musikgenres und natürlich muss diese Diskussion in der Öffentlichkeit stattfinden. Denn sie betrifft uns alle.

Die klassische Musik hat ihre institutionelle Kraft über Jahrhunderte aufgebaut. Wie wollen Sie da dagegen halten?

Gisler: Die anderen Genres können ihre Kraft aus der Relevanz schöpfen. Unsere Gesellschaft wird in der jetzigen Form der Musikfinanzierung nicht abgebildet. Hier setzen wir an. Wir vertrauen darauf, dass das der Öffentlichkeit bewusst wird und dadurch in der Bevölkerung und im Parlament auf Rückhalt stösst.

In Ihrem Brief argumentieren Sie nicht mit Geldbeträgen. Absicht?

Moser: Es ist doch so: Eine Zahlendiskussion verhindert eine gesellschaftliche Diskussion.

Gisler: Am Ende geht es natürlich auch um Geld, aber zuerst muss man dieses Ungleichgewicht sehen und benennen.

Kann man sagen, dass Sie mit einem grossen «Warum?» starten?

Gisler: Ja. Das Ungleichgewicht ist frappant, aber nicht erklärbar.

Moser: Wir wollen dieses enorme Gefälle grundsätzlich hinterfragen. Aber unser «Warum?» richtet sich auch an die benachteiligten Musiker selber. Sie müssen aktiv werden.

Gisler: Hip-Hop, Metal, Pop werden oft mit Jugendkultur gleichgesetzt und als weniger wertvoll betrachtet. Aber es gibt längst fantastische fünfzigjährige Popmusiker. Ganz zu schweigen von den Konsumenten. Abgesehen davon: Auch mit 25 kann man professionell musizieren.

Ein weiteres Vorurteil: Pop ist weniger wert, weil man dazu keine Ausbildung braucht.

Gisler: Das ist in vielen Köpfen so. Dabei vergisst man, dass die Genres ganz unterschiedlich funktionieren. Um Beethoven zu spielen, muss man 15 Jahre lang täglich zehn Stunden üben, als Popmusiker erzielt man aber je nachdem mit drei Akkorden eine gleich grosse Wirkung. Man darf Musik nicht daran messen, wie schwierig sie zu spielen ist. Es geht um die Message, den künstlerischen Inhalt und darum, die Leute zu erreichen.

Der Pianist Lang Lang hat mehr Stunden mit Üben zugebracht als die vier Beatles zusammen. Doch behauptet niemand, er habe die Gesellschaft stärker beeinflusst.

Moser: Ganz genau. Auch die Beatles wurden anfänglich als jugendlicher Lärm abgetan. Nun, ein halbes Jahrhundert später, weiss man: Das hat Bestand. Dennoch können heute in der Schweiz nur eine Handvoll Musikerinnen in den genannten Genres von ihrem Job leben.

Und das wollen Sie ändern?

Gisler: Wir wollen nicht den Musikern das Konto aufstocken und es geht uns auch nicht darum, dass sie ein bequemeres Leben bekommen. Aber wir sind überzeugt, dass es auch in den von uns genannten Bereichen eine schlagkräftige Projektförderung braucht.

Moser: Wir sehen das auch im grösseren Rahmen: Basel ist eine Kulturstadt, die eine grosse Aussage trifft in der Art wie sie ihre Gelder verteilt. Aktuell heisst diese Aussage: In der Musik ist nur Klassik etwas wert. Alle anderen werden an den RFV oder Swisslos-Fonds verwiesen.

Und der RFV reicht Ihnen nicht?

Moser: Gemessen an seinen Möglichkeiten macht der RFV extrem viel. Aber das ist vielleicht auch das Problem. Er muss von der Jugendkultur bis zur Spitzenförderung ein riesiges Feld abdecken. Mit geringen Mitteln: 97% der kantonalen Musikfinanzierung braucht die Klassik, um professionell arbeiten zu können. Die übrigen 3% müssen für den ganzen Rest genügen.

Gisler: Und von den rund 600'000 Franken, die der RFV jährlich bekommt, gehen nur ca. 100'000 an professionell arbeitende Popmusikerinnen. Zum Vergleich: Zürich setzt für Jazz/Rock/Pop und Schnittstellen davon 1,2 Millionen ein. Basel hat zu wenig freie und bewegliche Mittel. Gerade mal 2,6 % des gesamten Kulturbudgets stehen der Projektförderung zur Verfügung.

Die «Trinkgeldinitiative», die bald vors Volk kommt, verlangt nach 5%. Reicht auch das nicht?

Gisler: Wir begrüssen es, dass es ein überparteiliches Komitee gibt, welches sich für Jugend- und Alternativkultur einsetzt. Wir stehen mit ihnen in Kontakt und sind gespannt auf ihre Kampagne. Im Gegensatz zur «Trinkgeldinitiative» setzt unser Vorhaben den Fokus aber gezielt auf die Stärkung des professionellen Musikschaffens in allen Bereichen.

Die Abteilung für Kultur hat vor wenigen Tagen das «Musikjahr 2020» ausgerufen. Zeitlich wirkt das wie eine Reaktion auf Ihre Forderungen. Und inhaltlich?

Moser: Soweit ich das verstehe, geht es da um die Aufstockung des Kommunikationsbudgets für Jubiläumsveranstaltungen bereits bestehender Institutionen. Da sehen wir keine inhaltliche Verbindungen zu unseren Forderungen.

Wie geht es bei Ihnen nun weiter?

Gisler: Mittelfristig steuern wir auf eine Volksinitiative zu. Aber vorerst möchten wir möglichst viele Gespräche führen mit Musikern, Institutionen, Politikerinnen, Veranstaltern und Besucherinnen.

Sie haben Ihre Forderungen also noch nicht restlos ausformuliert?

Moser: Wir möchten einen tragfähigen Vorschlag ausarbeiten, der grundsätzliche Veränderungen in der Musikförderung bringt. Dazu gehört etwa eine schlanke effiziente und genreumspannende Projektförderung, die dem professionellen Schaffen entspricht und für die Musiker längerfristige Entwicklungen ermöglicht.

Gisler: Dazu ist es uns wichtig, dass die Regierung und die Kulturabteilung diese massive Diskrepanz bei den vorhandenen Mitteln erkennt – und vor allem anerkennt. Wir erwarten, dass der massive Mehrwert einer breiten Musiklandschaft für Basel auch von offizieller Seite gesehen, getragen und repräsentiert wird.

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