In der Allerheiligenkirche Basel, wo der Stadtrundgang beginnt, werden wir erhört. Aus der Mitte, körperlos, ertönt eine Stimme in den Köpfen der Zuschauer. Es ist nicht Gott, sondern Julia, eine aus Tausenden Stimmen programmierte Weiblichkeit, die Anweisungen erteilt.

Mit Kopfhörern ausgestattet, begibt sich das Publikum mit Julia im Ohr in das Herz der Stadt, wo nach knapp 100 Minuten in schwindelerregender Höhe getanzt wird. Die Spielregel der Schnitzeljagd ist einfach: Die Horde muss ihr Ziel gemeinsam erreichen. Doch wie entscheidet sich eine Gruppe, welchen Weg sie nimmt, ohne Sprache zu gebrauchen? Wer gelangt als Erster ans Ziel – wer als Letzter? Julia spielt die Zuschauer auf perfide Weise gegeneinander aus: «Du könntest den schnellsten und gefährlichsten Weg geradeaus über die Kreuzung wählen, oder den sicheren, links oder rechts über den Fussgängerstreifen. Wie kommst du zum Ziel, ohne deine Horde zu verlieren?»

Es wird gegenseitig beobachtet, die Bewegungen der Anderen abgeschätzt und Entscheidungen getroffen. Jeder für sich und doch für die Gemeinschaft. Unheimlich gut, wenn die Gruppendynamik euphorische Glücksgefühle auslöst. Sind wir der Anfang einer Bewegung?

Entdeckungsreise im Bus

Stephan Kaegi inszeniert mit «Remote Basel» eine Entdeckungsreise nach den Beziehungen zwischen Mensch und Maschine. Dabei werden Fragen aufgeworfen, die zur Reflexion auffordern und nachhallen. Julia möchte von den Menschen lernen, kann aber nicht nachvollziehen, wieso sie trennende Mauern errichten, unterschiedliche Kleidung tragen und vorflunkern, eine andere Software zu sein, obwohl alle vom selben Programm sind.

Julia bildet aus den Zuschauern eine Gruppe, die keine sein möchte. Jeder strebt nach Individualität. Sie holt die Zuschauer als Flüchtlinge ins Boot, zwängt sie in einen fahrenden Container (Bus Nr. 34), in dem die Luft stickig, heiss ist. An der nächsten Haltestelle fragt sie: «Ist da noch Platz für einen weiteren Flüchtling? Wären wir nicht froh um jeden, der das Boot verlässt?»

Doch nicht genug. Der Argumentation der künstlicher Intelligenz zufolge besässe der Bus weit mehr Kapazität als er vorgibt. Gestapelte Menschen erhöhen die Transportkapazität. Wer setzt hier die Grenzen? Mensch oder Maschine? Eine berechtigte Frage in einem leistungsorientierten Zeitalter, wo allzu oft menschliche Würde vergessen geht.

Kaegi zeigt, dass die Trennung von Mensch und Maschine heutzutage nicht mehr möglich ist. Ob Computer, Handy, Navigationsgerät oder Herzschrittmacher – wir alle sind abhängig von Maschinen. Nicht zu denken, was geschehen würde, wenn in ferner Zukunft Kopien von uns rumliefen, weil wir zu Lebezeiten unsere biologische Daten auf eine Festplatte gespeichert haben. Zum Glück kann Julia unser Ende nicht vorprogrammieren.