«Kultur gilt in der Schweizer Politik als etwas, das viel kostet und wenig bringt», schrieb Peter von Matt im Essay «Die Künstler und das Geld». Politiker glauben deshalb immer wieder, Kulturpolitik sei ein lässliches Geschenk an die Künstler, die dafür gefälligst dankbar zu sein haben und gefälligst auch erfolgreich, sodass die Steuerzahler etwas haben vom investierten Steuergeld. Kultur unterliegt bei vielen Politikern mit anderen Worten einer ähnlichen Ökonomisierung wie die Universitäten.

Das ist ein Widerspruch in sich selbst. Man könnte Kultur nämlich als dasjenige gesellschaftliche Feld definieren, das frei ist von wirtschaftlicher Logik. Die Kulturgeschichte ist voller Künstler, die spät oder erst nach ihrem Tod Erfolg hatten. Erfolgsstreben und Kunst schliessen sich oft aus. Was passiert, wenn der Erfolg zum Mass des Inhalts wird, lässt sich am Fernsehen beobachten, wo die Quote zum Mass aller Dinge geworden ist. Quoten bilden die Nachfrage ab. Nachfrage kann es nur nach Bekanntem geben. Die Quote reduziert Fernsehen auf Variation von Bekanntem. Deshalb wirken die meisten Fernsehkanäle heute abgestanden. Kultur ist das Gegenteil davon: Kultur ist Vorstossen in Unbekanntes.

Weil sich die Wirtschaft nach der Quote richtet, lässt sich Kultur nicht über den freien Markt finanzieren. Das bedeutet: Kultur braucht Anschubfinanzierung. Das kennt auch die Wirtschaft. Risikokapital heisst es da. Geld, das in neun von zehn Fällen abgeschrieben wird. Um jungen Unternehmen ohne viel Aufwand den Start zu ermöglichen, errichtet der Staat Technoparks und unterstützt sie mit Geld. Genauso ist es in der Kultur. Nur heissen die Technoparks da Theater, Atelierhaus und Musikschule.

Nicht der Staat ist langweilig, sondern die Künstler

Und weil sich nicht nur das Entwickeln neuer Kultur, sondern auch das Bewahren alter Kultur nicht lohnt, braucht es auch Museen. Was unterscheidet die Kulturpolitik von der Familienpolitik oder der Landwirtschaftspolitik? Eigentlich gar nicht so viel. Schliesslich hat der Staat weder Kinder noch Kühe. Er schafft möglichst günstige Rahmenbedingungen für Familien und Bauern und bei Bedarf unterstützt er sie auch, weil sie für den Staat wichtig sind. Genauso ist es in der Kultur. Günstige Rahmenbedingungen bedeutet: Geld für Institutionen wie das Theater Basel, die Musikschule oder Museen. Wie in der Landwirtschaft gibt es auch Direktzahlungen, etwa an Orchester.

Kann man einer Kulturpolitik vorwerfen, sie sei rot-grün und deshalb langweilig? Natürlich nicht. Der Staat kann nur Rahmenbedingungen schaffen, langweilig sind die Künstler. Vielleicht. Vielleicht hören die Politiker aber bloss zu wenig genau hin. «Was haben Mozart oder Schubert erreicht? Vermochten sie die Welt zu verändern?», fragt Marcel Reich-Ranicki in seiner Autobiografie «Mein Leben» und antwortet: «Gewiss, mit Sicherheit, aber nur insofern, als sie zur vorhandenen Welt ihr Werk hinzugefügt haben.» Künstler sind eben keine Politiker.

«Was hat der Schriftsteller zu schreiben?» fragt Mani Matter im «Sudelbuch» und antwortet: «Das, was ohne ihn zu Unrecht ungesagt bliebe.» Aufgabe der Kultur ist die Lücke, nicht der Mainstream. Deshalb macht es auch nichts, wenn im Theater Sessel leer bleiben. Kultur muss die Lücke bewirtschaften. Staatliche Unterstützung dabei kann nur a fonds perdu stattfinden.