Herr Bischof, Sie haben das Buch «Der Kulturinfarkt» bereits gelesen. Ihre Reaktion?

Philippe Bischof: Ich bin sehr gespalten nach der Lektüre. Ich finde, es formuliert wichtige Fragen nach der Funktion von kulturellen Institutionen und deren Strukturen, aber auch punkto Publikum. Interessant ist die Frage danach, wer die Inhalte der Förderung bestimmen soll.

Aber ich finde die polemische Sprache sehr unangemessen, ebenso den ökonomistischen Ansatz und die Feier des Marktes. Die Analyse ist teilweise völlig krude, viele Beispiele sind mehr behauptet als belegt. Und mir fehlt ein Zeichen der Lust auf Kultur, es gibt zu viel Managementrhetorik. Aber grundsätzlich ist es absolut richtig, dass die Fragen nach Ziel und Aufgabe der Förderpolitik gestellt werden. Und ich wäre froh, wenn darüber eine ernsthafte Debatte in Gang kommt.

Die Hauptthese des Buches ist, man soll Institutionen schliessen, um Geld für Neues zu bekommen.

Mir ist das zu schwarz-weiss. Schliessen ist eines, aber man könnte auch redimensionieren. Die Forderung nach der Hälfte ist zu plakativ. Eine Diskussion kann auch sein, in welcher Grösse die Bestehenden weiter bestehen sollen.

Natürlich muss man Freiräume schaffen, damit man Neues schaffen kann, das wissen wir alle. Es geht um Inhalte und darum, welche Aufgaben eine Institution hat, welche gesellschaftliche Wirkungen, welches Publikum, welche Zukunft. Wenn man nach der Klärung all dieser Fragen zum Schluss kommt, man schliesst, dann ist es einsehbar und begründbar.

Im Buch werden nicht explizit Basler Institutionen erwähnt. Veränderungen passieren hier im Moment in der Orchesterlandschaft. Welche Vision haben Sie hier?

In der Orchesterpolitik geht’s darum, dass die zahlreichen, aber nicht koordiniert gewachsenen Institutionen überprüft werden – auf ihre strukturellen Stärken und Schwächen und mit dem Ziel, dass es eine bessere Programmkoordination gibt. Wichtig ist, das Verhältnis von Angebot und Nachfrage zu prüfen: Gibt es ein Publikum für die vielen Programme?

Regierungsrat Guy Morin hat vor zwei Jahren probiert, die Antikensammlung und das historische Museum zu fusionieren. Das ist schlecht angekommen. Wie machen Sie mit der Museumspolitik weiter, wenn Sie sehen, dass sparen oder schliessen so viel Widerstand hervorruft?

Wir erarbeiten ein Museumskonzept, in dem Fragen behandelt werden wie die inhaltliche Profilierung, die Kooperationen und die Positionierung auf dem Markt, ob es strukturelle Defizite gibt, welche Erwartungen der Staat an seine Museen hat, welche Aufträge er ihnen mit welchen Mitteln gibt. Was wir daraus ableiten, kann ich sagen, wenn die Analyse vorliegt.

Ist eine Reduktion ein Thema?

Basel kann sich seine Museen zur Zeit erfreulicherweise leisten. Wichtig ist daher, dass sie ihre Qualität und ihr Publikum haben, dass sie in der Gesellschaft gut verankert sind, dass sie sich entwickeln.

Eigentlich machen Sie in der Praxis schon, was das Buch «Kulturinfarkt» vorschlägt, nämlich die Häuser zu überprüfen?

Es gehört für mich zur Aufgabe von kulturpolitisch Verantwortlichen, nach Sinn und Zweck der Institutionen zu fragen. Ihre Aufträge sind nicht von Gott gegeben, also soll man sie auch regelmässig befragen und überprüfen.

Was ist denn die wichtigste Prüf-Einheit? Erfolg?

Ich rede lieber von Wirkung – Erfolg ist nur eine mögliche Wirkung. Gesellschaftlicher Bezug ist eine andere, ebenso Wissensvermittlung und das Pflegen des kulturellen Erbes. Heute, in einer Zeit, in der so viel Neues entsteht, kann man natürlich nicht sagen, der kulturelle Kanon sei endgültig definiert. Er verändert sich und wenn man ihn nicht hinterfragt, erneuert er sich nicht, verliert seine Kraft und ist am Schluss nicht mehr existent. An diesen Fragen arbeiten wir, mal schauen, wohin wir kommen.

Im Buch werden fünf Felder für vermehrte Förderung definiert. Welches Feld ist für Sie wichtig, welches möchten Sie stärken?

Neben den bestehenden Sparten ist mir die kulturelle Bildung sehr wichtig. Und ich meine damit die Vermittlung von kreativen Prozessen, das Erlebbar-Machen von Kunst. Diese Beziehung zwischen Bildung und Kultur möchte ich ausbauen.

Wichtig ist die Entwicklung von digitaler und elektronischer Kunst, nicht nur, weil wir in Basel das Haus für elektronische Künste haben, sondern weil es ein junger und wachsender Bereich ist. Die Verbindung von Design und Kunst ist ebenfalls spannend, ebenso Kunstformen, in denen sich Film, Kunst und populäre Musik überschneiden, und die freie Theater- und Tanzszene ist im Moment in einem hervorragenden Zustand und würde mehr Förderung verdienen. Das sind nur einige Themen, es ist keine abschliessende Liste.