Kulturpolitik
Vom Klima verdrängt: Wird Kultur im Präsidialdepartement zur Nebensache?

Das Präsidialdepartement steht unter Beschuss. Kulturfragen hätten keine Priorität, sagt der Basler Autor Dan Wiener.

Patrick Marcolli, Mélanie Honegger
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Wünscht sich eine proaktive Kulturpolitik: Dan Wiener, Basler Theaterpädagoge und Autor.

Wünscht sich eine proaktive Kulturpolitik: Dan Wiener, Basler Theaterpädagoge und Autor.

Kenneth Nars

Ein Jahr ist es her, seit Beat Jans zum Regierungspräsidenten gewählt wurde. Im Fokus von Wahlkampf und Amtstätigkeit stand bisher in erster Linie das Klima. Jans’ Wahlkampf-Idee, das Amt für Umwelt und Energie ins Präsidialdepartement (PD) zu zügeln, wurde von der Gesamtregierung zwar verworfen. Doch seine «Klima-Loki» fährt ungebremst: Künftig ist das PD für die Koordination von Klimafragen zuständig.

Der Fokus des Regierungspräsidenten sorgt bei Basler Kulturschaffenden für Unmut. Einer der Kritiker ist der Basler Autor und Theaterpädagoge Dan Wiener. Die Kultur würde im Präsidialdepartement zunehmend als Nebensache betrachtet, ist er überzeugt. Die folgenden vier Handlungsfelder seien dafür exemplarisch.


Kein Gestaltungswille

«In den letzten zwei Jahren wurde in der Basler Kulturpolitik vor allem über das historische Museum gesprochen. Man ist bemüht, eine Lösung zu finden. Allerdings sind da bisher mehr Juristen als Kulturfachleute am Werk. Bezeichnenderweise ging es nie um kulturelle Inhalte. Dabei ist es gerade diese Diskussion, die die Kultur am meisten braucht. Die neue, vom Regierungsrat verabschiedete Strategie für das Historische Museum ist so dünn wie nichtssagend. Nichts falsch machen zu wollen, ist für mich eine klassische Beamtenhaltung und nie Aufbruch.

Im Präsidialdepartement gibt es die Idee, aus Kostengründen Museen zusammen zu legen, die inhaltlich nichts miteinander zu tun haben. Eine typische Verwaltungsidee: Die haben je eine Gestaltungs-, eine Vermittlungs- und eine Marketingabteilung. Legt man die zusammen, spart man Geld. Würde jemand auf die Idee kommen, die Trainercrew und die Verwaltung des FC Basel und des FC Zürich zusammenzulegen? Eben. Es wird vor allem verwaltet und nicht gestaltet. Die Strategien und Analysen fördern keine neue Kreativität.»


Mangelhafte Vermittlung

«In der Presselandschaft verschwinden die Feuilletons nach und nach. SRF Kultur wird gesund geschrumpft. Inserate und Plakate sind teuer. Die Kultur braucht Vermittlung. Es liegt an den Mitteln für die Vermittlung. Eine Dienstleitung wie die Programmzeitung oder Kulturinserate in weiteren Medien sollten staatlich gefördert werden. Daran gebunden die Erwartung an die Medien, das Feuilleton wieder auszubauen. Auch Plakate sollten mehr unterstützt werden und zu aktiven sichtbaren Kulturflächen werden.»


Schwache Kulturlobby

«Eines der grössten Probleme für die grossen und kleinen Kulturschaffenden ist, überhaupt sichtbar zu sein. Hier sehe ich Handlungsbedarf: Die Kultur braucht eine Lobby, die die Bedeutung der Kultur für das Stadtleben transportiert. Die Auftritte von Katrin Grögel (Leiterin der Abteilung Kultur, Anm. d. Red.) und Beat Jans sind rar, übervorsichtig und oft Reaktionen auf Initiativen von anderen. Man zeigt sich hie und da an einer Vernissage oder hält eine Eröffnungsrede. Proaktive Kulturpolitik oder Lobbying finden nicht statt. Es wird fleissig verwaltet. Da wurde nach den Neuwahlen eine Chance verpasst.»


Fehlendes Geld

«Ich habe eine linke Politikerin gefragt, was sie als die wichtigsten kulturpolitischen Anliegen sehe. Sie sagte: ‹Die Gleichberechtigung und Vielfalt im Kulturschaffen. Mehr Frauen in Leitungspositionen. Mehr People of Color in den Produktionen.› Ich wunderte mich, dass sie nicht über die Unterbezahlung im Kultursektor gesprochen hatte. Wahrscheinlich hat sie keine Ahnung davon, dass viele freie Musikerinnen und Musiker nach einem 20-jährigen Studium etwa so viel Lohn bekommen wie eine Kassierin in der Migros.

Andere Politiker verstehen unter Kultur nur die grossen Häuser und sagen mir stolz, dass in Basel die Kulturausgaben pro Kopf so hoch seien wie sonst nirgendwo. Diese Milchbüchleinrechnung ärgert mich regelmässig. Ausser dass Basel viele Nachbarn hat, die mitprofitieren und nicht mitbezahlen, vergleiche ich nicht mit anderen Kantonen, die noch eine Landschaft haben. Ich vergleiche mit anderen Ausgaben. Und da sind die Kulturausgaben als Ganzes ein Klacks. Mit dem Geld für einen Strassenkreisel mache ich zwei Jahre lang mehrere Theaterproduktionen!»

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