Ausstellung
Kunst be-greifen: Basler Museum Tinguely widmet sich dem Tastsinn

Idealerweise berührt Kunst Betrachtende, freilich meist nur intellektuell oder emotional. Physische Berührung wird jedoch zunehmend zum Gestaltungselement von Kunstwerken. Dem Tastsinn in der Kunst widmet das Museum Tinguely in Basel nun eine Sonderausstellung.

Susanna Petrin
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Impressionen aus der Ausstellung «Prière de Toucher» im Museum Tinguely
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Impressionen aus der Ausstellung «Prière de Toucher» im Museum Tinguely
Impressionen aus der Ausstellung «Prière de Toucher» im Museum Tinguely
Impressionen aus der Ausstellung «Prière de Toucher» im Museum Tinguely
Impressionen aus der Ausstellung «Prière de Toucher» im Museum Tinguely
Impressionen aus der Ausstellung «Prière de Toucher» im Museum Tinguely
Impressionen aus der Ausstellung «Prière de Toucher» im Museum Tinguely
Impressionen aus der Ausstellung «Prière de Toucher» im Museum Tinguely
Impressionen aus der Ausstellung «Prière de Toucher» im Museum Tinguely
Impressionen aus der Ausstellung «Prière de Toucher» im Museum Tinguely
Impressionen aus der Ausstellung «Prière de Toucher» im Museum Tinguely
Impressionen aus der Ausstellung «Prière de Toucher» im Museum Tinguely
Impressionen aus der Ausstellung «Prière de Toucher» im Museum Tinguely
Impressionen aus der Ausstellung «Prière de Toucher» im Museum Tinguely
Tinguely Museum Prière de Toucher
Impressionen aus der Ausstellung «Prière de Toucher» im Museum Tinguely
Impressionen aus der Ausstellung «Prière de Toucher» im Museum Tinguely

Impressionen aus der Ausstellung «Prière de Toucher» im Museum Tinguely

Juri Junkov

«Bitte nicht berühren.» In einer Ausstellung, die im Titel «Prière de Toucher» ausdrücklich zum Berühren auffordert, irritiert dieses Verbot. Ausgerechnet in den weissen Kasten mit dem einladenden runden Loch, ein Replikat eines Yves Klein-Werks, darf also nicht hineingelangt werden. Doch viele weitere Objekte, die man anfassen, Installationen, die man betreten, Hebel, die man bewegen kann, trösten einen schnell darüber hinweg. In der neuen Tinguely-Ausstellung über den Tastsinn in der Kunst kommt der eigene Tastsinn am Ende nicht zu kurz.

220 Werke von 70 Künstlern

Das liegt auch an der schieren Objektfülle. Auf in viele Räume unterteilten 1400 Quadratmetern hat Museumsdirektor und Kurator Roland Wetzel 220 Werke von 70 Künstlerinnen und Künstlern versammelt. Er schöpft aus dem Vollen: Mehrere Jahrhunderte, sämtliche Medien und unterschiedlichste Themen bringt er hier unter: von den allegorischen Tastsinn-Sujets niederländischer Künstler im 16./17. Jahrhundert über Pipilotti Rists verspielt-erotischen Video «Pickelporno» bis zu feministisch-politischen Positionen, in denen Künstlerinnen mit aggressiver Körperautonomie gegen gewaltsame Übergriffe protestieren.

Hier Gipsabdrücke antiker Skulpturen zum Anfassen (Leihgaben der Basler Skulpturenhalle), da Jean Tinguelys Raum voller Ballone zum Rumtollen. Hier Marcel Duchamps titelgebender Schaumstoff-Busen «Prière de Toucher», Katalogcover der internationalen Surrealistenasustellung von 1947. Da Valie Export, die 1968 Passanten dazu aufforderte, ihre Brüste zu betatschen – unter einer vor der Brust umgeschnallten Kartonschachtel, die sie zum «Tapp- und Tastkino» umfunktionierte.

Allein für die Erforschung der mehrstöckigen Installation des jungen, zeitgenössischen Schweizer Künstlers Augustin Rebetez, könnte man leicht eine halbe Stunde aufwenden. Schliesslich ist es ein eigenes Universum, ein «univers»; eine fröhliche Geisterbahn, auf der man die Monster selber bewegen kann. Fratzen, Vogelsaurier, krallig gekrümmte Hände und Finger. Rumoren und Schreie. Träume und Albträume.

Die Ausstellung macht Spass. Sie wirkt aber etwas wild zusammengewürfelt, hat keinen Schwerpunkt. Der Pressetext entkräftet diesen Vorwurf vorneweg. Das Ganze sei «als Parcours angelegt, der vielfältige Tast-, Seh, und sinnenhafte Denkerfahrungen ermöglicht. Der Vielfalt der Möglichkeiten unserer Hautsinne entsprechend ist der Parcours nicht primär chronologisch oder linear angelegt, sondern verfolgt verschiedene Erzählstränge, die mehrere Lesarten, aber auch sinnliche und situative Begegnungen ermöglichen.»

Zwischen Bitte und Gebet

Fast automatisch beginnt man Querbezüge zwischen den verschiedensten Objekten zu erkennen. Sieht die fliessenden Übergänge von der Selbstbemalung zur Selbstverstümmelung, die Zusammenhänge zwischen Lust und Schmerz. Begreift, wie Körperlichkeit und Transzendenz einander bedingen. Besonders schön erklärt Gastkuratorin Eva Dietrich diese Dialektik im von ihr gestalteten Raum zum Thema «Berührung in religiösen Praktiken und Ritualen».

Ein Rosenkranz oder Gebetsriemen machten das Gebet konkret greifbar. Umgekehrt ist ein Jesus am Kreuz nur dann mehr als eine Darstellung von Leid und Tod, wenn die Betrachter geistig dessen Bedeutung vom Leben nach dem Tod erfassen. Auch das Wort Prière ist doppelbödig, heisst Bitte und Gebet. Damit habe Duchamp gespielt, sagt Dietrich. Die Brust zum Anfassen für alle ist auch eine Provokation gegen eine Religion, die verlangt, das Geistige möge die körperlichen Bedürfnisse im Schach halten.

Wer anfasst, wird angefasst, und umgekehrt. Umso unheimlicher ist die Berührung eines Automaten, dem man so viel Gefühl nicht zutraut. Im Haus der elektronischen Künste (siehe unten) und zum Ende der Ausstellung kann man das erleben – und sich von einem blinden Roboter ertasten lassen.

Es bleibt der einzige Ausblick in die Zukunft. Hierzu hätte man sich angesichts der zunehmenden Digitalisierung und Virtualisierung der Welt eine intensive Auseinandersetzung vorstellen können. Die Körperlosigkeit des Menschen wird allmählich fassbar. Ein Leben als Geist im Cyberspace – wie wäre das, wollen wir das? Das ist in dieser Ausstellung, die mehr zurück als vorausschaut, bei aller Vielfalt kein Thema. Da bleibt ein Loch unbetastet.

Die Ausstellung «Prière de toucher- Der Tastsinn der Kunst» läuft vom 12. Februar bis 16. Mai im Museum Tinguely.

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