Kunst-Experiment
Zwölf Tauben und drei Menschen: Ein Besuch in der gerade eigenartigsten WG Basels

Es ist ein Experiment. Irgendwo zwischen Ekel und Liebe, zwischen Theater und Gesellschaft, zwischen Kunst und Realität. Drei Künstler und zwölf Tauben teilen sich für drei Wochen die Räumlichkeiten der Alten Billettkasse des Theaters Basel. Besucher willkommen.

Simone Morger
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Es ist nicht das erste Mal, dass Jonas Gillmann zusammen mit Kollegin Seraina Dür mit Tauben haust.

Simone Morger

Er könne besser denken mit den Tauben als alleine. Das sagt Künstler und Theatermacher Jonas Gillmann. Aus Erfahrung. Es ist nicht das erste Mal, dass er zusammen mit Kollegin Seraina Dür mit Tauben haust. Die beiden haben ihr Experiment «Rough Love» 2019 am Theater Neumarkt, im Helmhaus und im Theaterhaus Gessnerallee in Zürich gezeigt. Jetzt bewohnen sie mit zwölf Tauben die Räumlichkeiten der Alten Billettkasse des Theaters Basel.

«Gemeinsam üben sie Erzählungen für ein zukünftiges, weniger menschenbezogenes Miteinander», heisst es auf der Website des Theaters. Gillmann und Dür kümmern sich um die Tauben, beobachten sie und eben: Lassen sich von ihnen inspirieren.

Von Ekel zu Zuneigung

Und diese Inspiration ist offenbar schier endlos. Da ist das einst zahme Wildtier, das mitten unter uns lebt, da sind die Besucher, deren Stimmungen sich auf die Tiere übertragen, da ist das Miteinander unter den Tauben, da ist die Klappe nach draussen, durch die die Vögel wiederkommen – oder eben nicht. Und da öffnen sich auch ganz metaphorische Themengebiete: Wem gestehen wir welchen Raum zu und was passiert, wenn das verändert wird?

Beide waren zu Beginn ihrer Arbeit mit den Tauben alles andere als Fans. Seraina Dür spricht von Ekel, von Dreck, davon, dass sie die Tiere anfangs als zu nervös empfunden hat.

«Und jetzt mag ich mit ihnen aus einem Teller essen.»

Donnerstags bis sonntags ist die Billettkasse offen für Besucher. Und sie kommen, immer wieder geht die Tür auf an diesem Freitagnachmittag. Die Besucher müssen sich eintragen in eine Liste, mehr als zehn Personen sollen nicht gleichzeitig im Raum sein. Und da ist tatsächlich auch mal ein «Jö »zu hören.

Jonas Gillmann hat das Gefühl, zu beobachten, dass viele mit Vorurteilen durch die Tür kommen – und diese im besten Fall im Laufe des Besuchs ablegen. Sodass die Besucher dieses Miteinander erleben können, um das es den beiden geht, und dass sie diese «Oper» hören können, wie es Gillmann sagt, diese Geräusche aus allen Ecken, mit denen die Tauben den Raum tagsüber ohne Pause erfüllen. Dieses Gurren und Täppelen, dieses Picken und Flattern.

Futter, Wasser und Stabilität

Oft zu Gast ist die bildende Künstlerin Nicole Schuck. Auch sie lässt sich inspirieren von den Tauben. Sie bringt zu Papier, was sie sieht und erlebt und arbeitet auch ein, was die Tauben selbst auf ihrer Papierrolle hinterlassen.

Seraina Dür und Jonas Gillmann verbringen in den nächsten drei Wochen jeden Tag im Tauben-Menschen-Schlag. Tagesstruktur und Rhythmus werden dabei mehr von den Tauben vorgegeben als von den Menschen, sagen die beiden. Gillmann: «Es geht oft um Futter und Wasser, all diese Dinge zu organisieren, geben unserem WG-Alltag Stabilität.»