Bässlergut

Kunst im Knast – Tarek Abu Hageb hat eine Wand im Spazierhof gestaltet

Der Basler Künstler hat im Bässlergut ein Kunstwerk angebracht. In luftiger Höhe lebte er sich während zwei Monaten auf den drei Etagen des Gefängnis-Neubaus aus.

Die Fallschirmchen der Pusteblume werden davongetragen, im Auge des Betrachters sind manche gestochen scharf – andere verschwimmen. Der empathische Künstler folgt ihnen fröstelnd mit seinem Blick, bis sich eines in den Lichtstrahlen verliert, die eine Illusion von Freiheit zeichnen. «Wir alle sind Schirmen ähnlich», sinniert Tarek Abu Hageb. Manche seien vom Licht angezogen und Andere machen Umwege, sagt der 47-Jährige und blickt durch die Gitterstäbe des Spazierhofs auf den leer gefegten Asphalt. In luftiger Höhe lebte er sich zwei Monate auf den drei Etagen des Gefängnis-Neubaus aus. Nächste Woche sollen sämtliche Stockwerke bezogen werden.

Aus Sicherheitsgründen ohne Häftlinge gearbeitet

«Es war ein beklemmendes Gefühl», erinnert sich Abu Hageb, der sich als 15-jähriger Sprayer an den Grenzen der Legalität bewegte. Sich mit seiner Kunst im Stadtbild zu verewigen, fasziniere ihn nach wie vor, betont er und fügt an: das Wechselspiel zwischen Spraydosen und Pinseln erzeuge einen einmaligen illusionistischen Eindruck. Des realistischen Duktus wegen entstehe der Wunsch, mit den Fingern über die Farbe zu streichen, erzählt Abu Hageb. Lange Arbeitsprozesse am Stück habe er jedoch jeweils nicht ausgehalten – hinter Gittern.

Aus Sicherheitsgründen sei es nicht möglich gewesen, die Häftlinge in den Schaffungsprozess einzubinden. Schliesslich wolle er für die Inhaftierten etwas Nachhaltiges schaffen, in ihnen ein Gefühl, einen Denkprozess auslösen, betont der vierfache Vater. Die «gestandenen Männer» werden mit den fliegenden Fallschirmchen an das kindliche Gefühl von Neugier erinnert, zum Innehalten verleitet, hofft er. Der Auseinandersetzung mit der Monotonie, die im geschlossenen Vollzug überhandnehme, werde entgegenwirkt. Er winkt einem Wärter freundschaftlich zu und führt uns zur obersten Etage. In den etwas kleineren Hof fällt soeben etwas Morgensonne, die Gitterstäbe werfen harte Schatten auf sein Werk. Einmal täglich dürfen die Insassen unter Aufsicht in den Hof.

«Den Stiel der Pusteblume werden die Häftlinge von hier oben nie sehen», sagt er und berührt nachdenklich das Gitter, das ihn von der Aussenwelt trennt. Im untersten Trakt passieren wir die Werkstatt, aus der uns nachdenkliche Augenpaare folgen. «Mir vorzustellen, einer von ihnen zu sein ...», flüstert Abu Hageb, dessen Biographie eng mit Flucht und dem Ausloten von Grenzen verwoben ist. Als Sohn eines palästinensischen Vaters und einer deutschen Mutter widerspiegle sich die Offenheit und Toleranz gegenüber seinen Mitmenschen auch in seinen Werken.

Wir passieren eine kurze Sicherheitskontrolle, dann fällt die Türe dumpf ins Schloss. Abu Hageb atmet hörbar aus und blickt kurz zurück. «Ich wünsche mir mehr Farbe in geschlossenen Anstalten», sagt er. Pläne dafür habe er zu Genüge, sagt er, als er uns eine eisige Velofahrt später durch sein 400 Quadratmeter grosses Atelier führt.

Das Schöne der Natur den Gefangenen näherbringen

Im Hafengebiet Birsfeldens hortet er seine grössten Schätze. Darunter tausende Spraydosen, die akribisch nach Farben sortiert sind. Die Aussicht aufs Hafengebiet ist einnehmend – und nach dem Blick durch Gitterstäbe durchaus befreiend.

Im Showroom stellt Abu Hageb seine neusten Projekte aus. Überdimensionale Greiftiere oder Reptilien sitzen dabei auf architektonischen Meisterwerken wie der Notre Dame. Er zeigt uns ein Bild von Kindern, die um einen Atompilz tanzen, zwei weitere, eisessend auf einem Ausgehungerten sitzend und Zeichnungen, die aus Collagen entstanden. Kontraste faszinieren ihn, der statt zu reisen, gedankliche Horizonterweiterungen durch seine Kunst auslebe. Im Planungsprozess der Wand habe er sich letzten Sommer der Recherche an den Schönheiten der Natur hingegeben – darunter Eiskristalle, Strahlentiere und Sonnenstrahlen, sagt er. Dabei scrollt er durch die Galerie seines Notebooks, in dem er alle Arbeitsschritte festhielt. «Das Pure, Nackte, Schöne der Natur», wolle er auch den Gefangenen näherbringen, betont er.

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