Kreativer Raum
Künstler werden aus dem Atelier-Paradies an der Kaserne vertrieben

Nach fünfzig Jahren müssen die Künstler ihre Ateliers in der Klingentalkirche per Ende 2017 räumen. Vor allem den langjährigen Mietern fällt der Umzug aus den erstklassigen Räumen schwer: Einige lagern ihr gesamtes Schaffenswerk darin.

Simon Erlanger
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Diese künstlerischen Lebenswerke müssen zusammen mit ihren Erschaffern bis Ende 2017 aus der Klingentalkirche ausziehen.

Diese künstlerischen Lebenswerke müssen zusammen mit ihren Erschaffern bis Ende 2017 aus der Klingentalkirche ausziehen.

Juri Junkov/Fotograf

Jetzt ist es definitiv: Nach 50 Jahren müssen die Künstler raus aus der Kaserne. Für Rolf Jucker, Präsident der Ateliergenossenschaft, ist das keine Überraschung: «Es schwebte schon lange im Raum. Wer Ohren hatte, der konnte hören. Erst wurde uns auf Ende 2014 gekündigt. Dann konnten wir eine Erstreckung bis Ende 2017 erreichen, im Wissen darum, dass wir keine Chance haben vor Gericht.» Die Ateliergenossenschaft sei schliesslich nur Mieter gewesen, der die Ateliers an die Künstler untervermietet habe. Die Kündigung sei ordentlich erfolgt und da könne man eben nicht mehr erreichen als eine Erstreckung, so Jucker.

Künstler wie Marius Rappo die Klingentalkirche an der Kaserne in wenigen Jahren verlassen.
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Die gesamte Einrichtung muss zusammengepackt werden. Eine ähnliche Bleibe zu finden, wird schwierig.
Die hellen, grossen Räume sind ideal für Kunstschaffende aller Art.

Künstler wie Marius Rappo die Klingentalkirche an der Kaserne in wenigen Jahren verlassen.

bz

Nur noch Förderateliers

Grund der Kündigung sei der Paradigmenwechsel in der Basler Kulturpolitik. «Der Kanton kann gar keine Dauermieter mehr akzeptieren, da das neue Kulturfördergesetz nur noch Förderateliers vorsieht», so Jucker.

Vor allem für die älteren Künstler sei die neue Regelung eine persönliche Tragödie, betont Jucker: «Was machen wir mit ihnen? Die finden ja ausserhalb der Kaserne nichts. Und Künstler hören ja erst auf, wenn ihnen der Pinsel aus der Hand fällt.»

Ateliers für Ältere

Immerhin habe man neben der Fristerstreckung auch erreicht, dass ein Teil der Ateliers weiter für die älteren langjährigen Mieter reserviert sind. Allerdings müssen auch sie sich wieder neu um ihre eigenen Ateliers bewerben, mit unsicherem Ausgang: «Der Preis geht rauf, das ist auch klar. Wir sind jetzt dran, mit dem Kulturdepartement zusammenzusitzen und auszujassen, wie wir das dann im Einzelnen machen. Das ist alles noch in der Schwebe.» Unklar sei auch, ob diejenigen, die sich bewerben, bis zum Bescheid durch die neue Jury im Hause bleiben können, oder ob auch sie ihre Sachen per Ende 2017 packen müssen, nur um diese dann bei positivem Bescheid wieder einzuräumen.

«Eine Bewerbung ist eine Option. Ich bin aber nicht sicher, ob ich es mache. Es ist irgendwo ein Wahnwitz, das ganze Atelier zu räumen, zu zügeln und dann bei einer Berücksichtigung wieder einzurichten», erklärt uns etwa Marius Rappo. Wir treffen den inoffiziellen Sprecher der Kasernen-Künstler bei der Vorbereitung seiner neusten Ausstellung an. Er wisse gar nicht, wie das alles gehen solle. Viele hätten ihr gesamtes Lebenswerk in der Kaserne gelagert. Das könne man doch nicht einfach wegwerfen. Auch ihn bedrücke die Situation: «Es ist ein grosser Einschnitt in mein Schaffen. Es ist schwierig, sich in meinem Alter nochmals neu zu orientieren. Ich möchte meinen Abgang selber bestimmen und gerne noch einige Jahre arbeiten.»

Warum es so weit kommen konnte, ist für ihn klar. Die Künstler hätten sich in ihren Ateliers zu sehr abgeschottet. «Das Atelierhaus war die erste Organisation auf dem Kasernenareal. Künstler sind ein Völklein für sich. Sie arbeiten in ihren Ateliers. Das sind Arbeitsräume. Nach aussen strahlen wir in den Galerien und Museen.»

Grosse Hoffnungen

In den letzten Jahren hätte man sich aber geöffnet. So etwa belegt die junge Solothurner Künstlerin Franziska Baumgartner das Atelier des verstorbenen Grasbild-Malers Bruno Gasser.

«Wir sind erst seit einem Jahr hier. Es ist ein toller Ort, tolle Räume und ein tolles Haus, um zu arbeiten. Wir blicken dem Auszug mit grossem Bedauern entgegen», sagt Baumgartner.

Sie sei mit grossen Hoffnungen gekommen; «Ich hatte immer nur Ateliers auf begrenzte Zeit und hoffte hier etwas Dauerhafteres zu finden. Ich finde die Durchmischung sehr toll. Ich schätze hier besonders den Kontakt zu älteren Künstlern, den ich vorher so nicht hatte. Die Ateliers in der Kaserne sind auch sehr belebt, im Vergleich zu anderen Ateliers, wo ich vorher war.»

Ob sie sich 2018 wieder um einen Raum bewerben wird, weiss sie noch nicht: «Kommt darauf an, wie das mit dem Übergang funktioniert. Dass man zum Zeitpunkt des Auszugs nicht weiss, ob man wieder reinkommt, macht für mich keinen Sinn. Ich räume doch nicht alles raus, nur um alles wieder einzuräumen.»

Für Rolf Jucker geht die Arbeit weiter: «Die Genossenschaft bleibt. Wir suchen Ersatzräume. In Basel ist das aber schwierig.»