Aktenzeichen bz - Die Serie
Kurz vor Weihnachten wurde Georg ermordet – wer war der Clochard auf der Dreirosenanlage?

Kurz vor Weihnachten 2017 wurde Georg Conzett unter der Dreirosenbrücke ermordet. Die Anteilnahme im Quartier war riesig, der Schock sass tief. Jetzt, drei Jahre später, soll die Frage beantwortet werden, wer Georg Conzett eigentlich war.

Silvana Schreier, Lea Meister
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Grosse Anteilnahme: Wenige Tage nach der Tat versammelten sich rund 100 Menschen aus dem Quartier zur Mahnwache.

Grosse Anteilnahme: Wenige Tage nach der Tat versammelten sich rund 100 Menschen aus dem Quartier zur Mahnwache.

Martin Toengi

Conzett sitzt wie jeden Abend an seinem Stammplatz unter der Dreirosenbrücke. Eingemummelt in Schlafsack und Decken, hinter ihm sein Hab und Gut. Es ist der 21. Dezember 2017, drei Tage vor Heiligabend, kurz vor ein Uhr nachts, als R. V.* ihn aufsucht. Der junge Mann ist im Dreirosenquartier aufgewachsen, Conzett kennt ihn von früher. Und in den vergangenen Wochen bekam er mehrmals Besuch vom 22-Jährigen.

An diesem Abend bleibt es aber nicht bei einem Besuch, bei einem Gespräch. V. wollte Conzett bekehren, er soll endlich zum christlichen Glauben übertreten. Doch V. wurde abgewiesen, schon wieder. Er verlässt die Dreirosenanlage, kehrt eine Stunde später jedoch wieder zurück. Noch immer in seinem Jackenärmel: das Küchenmesser.

Kriminalfälle in Serie

Betrügereien, Banküberfälle, Mord und Totschlag: Kaum etwas bewegt die Bevölkerung mehr als Kriminalfälle. In der mehrteiligen Serie «Aktenzeichen bz» greifen wir beachtenswerte Verbrechen aus der Region Basel auf, erzählen sie neu und arbeiten die Fälle auf. Online unter www.bzbasel.ch schalten wir jeweils Zusatzelemente wie Videos oder Bildmaterial auf. Nächste Folge: Hans Bauder, der Finanzbetrüger. (sil/mei)

Georg Conzett, 60 Jahre alt, ein grosser Mann mit breiten Schultern und dichtem Bart, schimpft los, als er V. kommen sieht. V. verpasst dem am Boden sitzenden Conzett zwei Faustschläge an den Kopf und sticht mit dem Küchenmesser zu. Die Klinge bricht ab, durchtrennt zuvor die Hauptschlagader des Herzens. V. rammt Conzett weitere Male den Messergriff in den Körper.

Der leblose Körper wird am nächsten Morgen von zwei Mitarbeitenden des Jugendzentrums entdeckt. V. gesteht die Tat einem Bekannten, der alarmiert die Polizei. Noch am selben Tag wird V. verhaftet.

Die Mahnwache für Georg zog viele Menschen an, die seiner gedenken wollten.

Die Mahnwache für Georg zog viele Menschen an, die seiner gedenken wollten.

Roland Schmid

Die Betroffenheit ist gross, Quartierbewohner organisieren eine Mahnwache. Auch die Basler Medien berichten intensiv über den Mordfall. Stets ist die Rede von einem Obdachlosen. Nur wenige Blätter geben dem Ermordeten einen Namen. Dabei stellt sich doch die Frage:

Wer ist Georg Conzett?

Die Suche nach der Antwort auf diese Frage führt ins solothurnische Niederamt. Am Rand der Gemeinde Lostorf – bekannt für die Wasserquellen, die heute von der Firma Eptinger AG genutzt werden – leben Yvonne und Dieter Wälchli. Ein schmaler Waldweg führt zu ihrem Haus, das sie vor einigen Jahren selbst umgebaut und bewohnbar gemacht haben. Der Nebel hängt tief an diesem Tag, der Schäferhund döst neben dem Esstisch auf seiner Decke. Yvonne und Dieter Wälchli bieten Kaffee mit Sojamilch, selbstgemachte Zwetschgen-Blätterteigküchlein und getrocknete Früchte an. Sie ist die älteste Schwester von Georg, er ist ihr Ehemann. Seit über 50 Jahren gehen sie gemeinsam durchs Leben.

Wir haben in seinen Augen ein sehr spiessiges Leben geführt.

(Quelle: )

Yvonne Wälchli wählt ihre Worte mit Bedacht, wenn sie von Georg erzählt. Aufgewachsen sind sie in Pratteln, eine Wohnung in einem Mehrfamilienhaus war das Zuhause von zwei Schwestern und Georg. Bezahlt wurde sie vom Sozialamt. Die Mutter sorgte mehrere Jahre alleine für die drei Kinder. Der Vater verstarb einen Monat vor Georgs Geburt. Die Schwester sagt, das habe Georg geprägt. Schliesslich sei er – noch im Bauch der Mutter – neben dem toten Vater im Bett gelegen.

Dieter und Yvonne Wälchli, sie ist die Schwester von Georg Conzett, er ihr Ehemann.

Dieter und Yvonne Wälchli, sie ist die Schwester von Georg Conzett, er ihr Ehemann.

Zur Verfügung gestellt

Die drei Geschwister waren Mitglieder der Pfadi, liebten den Wald und die Natur. Nachdem Yvonne Wälchli Tiefbauzeichnerin gelernt hatte, folgte Georg ihr. Jahrelang arbeitete er auf Baustellen in der ganzen Schweiz. Mal hatte er eine Freundin, mal lebte er alleine. Richtig sesshaft sei er nicht geworden, sagt die Schwester. «Wir haben in seinen Augen ein sehr spiessiges Leben geführt», sagt sie. Georg hingegen habe sich nie festlegen wollen – sei es auf eine Lebenspartnerin, eine Arbeitsstelle oder einen Wohnort.

«Weltenbummler-Mentalität»

Gearbeitet habe er, um sich seine Reisen zu finanzieren. Mit Yvonne und Dieter Wälchli machte er Töfftouren durch die Schweiz, auf die grossen Reisen ging er alleine. Wann immer er wieder zurück in die Schweiz kam, fiel ihm die Anpassung ein bisschen schwerer. Das Einordnen in die strenge Schweizer Gesellschaft wollte nicht mehr gelingen. Als er nach einer Reise als Untermieter im Dachstock eines Einfamilienhauses lebte, kam es gar zu einem Polizeieinsatz: Nachbarn alarmierten die Polizei, da sie Georg oben ohne und im Lederschurz am Fenster stehen sahen. Yvonne und Dieter Wälchli wurden informiert, sollten vermitteln.

Er fühlte sich zunehmend verfolgt, vermutlich zu recht.

(Quelle: )

«So war er halt. In Indien, Thailand oder wo auch immer er war, hatte man sich halt so verhalten. Er ass damals auch nicht mit Besteck, sondern mit den Händen», erzählt Dieter Wälchli und zuckt mit den Schultern. «So war er halt.»

Wo vor drei Jahren die Gedenkwache stattfand, steht heute ein Spielplatz. Dort, wo Georg einst übernachtet und gelebt hat.

Wo vor drei Jahren die Gedenkwache stattfand, steht heute ein Spielplatz. Dort, wo Georg einst übernachtet und gelebt hat.

Zur Verfügung gestellt
Die Wandgestaltung der Ecke ist gleich geblieben. Heute stehen an dieser Stelle verschiedenste Spielgeräte für Kinder.

Die Wandgestaltung der Ecke ist gleich geblieben. Heute stehen an dieser Stelle verschiedenste Spielgeräte für Kinder.

Roland Schmid

Irgendwann habe er sich abgekapselt, beschreibt Yvonne Wälchli. «Er fühlte sich zunehmend verfolgt, vermutlich zu recht.» Als er um 1990 in Basel lebte, wollte er sich politisch bei einer linken Partei engagieren. Im Zuge der Aufklärung des Fichenskandals in der Schweiz fand Georg heraus, dass auch über ihn ein Fiche angelegt worden war. Aufgrund seiner Kontakte nach Russland und Südostasien, vermutet die Schwester heute. «Das war eine prägende Erfahrung für ihn und der Grund, warum er sich aus der Öffentlichkeit zurückzog.» Er habe nichts mehr mit dem Staat zu tun haben wollen.

Keine Adresse, kein Telefon

Nach 2000 verloren die Schwestern den Kontakt zu Georg vollkommen. Yvonne Wälchli sagt, sie habe immer gewusst, dass der Bruder irgendwo in Basel sei. Einmal wollte sie ihn mithilfe der Basler Behörden ausfindig machen, ohne Erfolg. Georg war nirgends angemeldet, hatte keine Wohnadresse, kein Telefon. «Ich hatte schon das Gefühl, dass es mal zu spät sein könnte», sagt Yvonne Wälchli heute. Der Anruf der Basler Polizei nach Georgs Mord bestätigte die Vorahnung. Es sei schade, dass sie nicht mehr Zeit miteinander gehabt hatten.

Georg Conzett in seiner Ecke auf der Dreirosenanlage.

Georg Conzett in seiner Ecke auf der Dreirosenanlage.

Zur Verfügung gestellt

Dennoch glauben Schwester und Schwager, Georg habe genau so gelebt, wie er es wollte. «Er hat sich nicht viel sagen lassen, auch von mir als Schwester nicht.» Obdachlos sei Georg nicht gewesen. Yvonne Wälchli sagt: «Er war ein Clochard.» Ihr Mann ergänzt: «Mit einer ausgeprägten Weltenbummlermentalität.»

Verstreut auf dem Rhein

Das zeigt sich erneut, als Yvonne und Dieter Wälchli von der Polizei das Hab und Gut Georgs zugeschickt bekamen. In seinen Taschen fanden sie ein Notizbuch, gefüllt mit Adressen und Namen aus der ganzen Welt. Seinen Schlafsack kaufte sich Georg immer wieder neu beim Outdoor-Händler. Und er vermachte seinen Hinterbliebenen gar noch Geld: «Wir haben geerbt und mussten damit seine Steuern nachzahlen», sagt Yvonne Wälchli und lacht.

Zuletzt fanden sie im Gepäck zwei in A4-Grösse ausgedruckte Fotos von Georg und Freunden, sorgfältig in einem Klarsichtmäppchen verstaut und vor Feuchtigkeit geschützt. Und ein Rezept für Holunderblütensirup: «Ich weiss nicht, warum er das dabeihatte, aber es hatte bestimmt einen guten Grund», sagt Yvonne Wälchli.

Zusammen mit der Basler Stadtgärtnerei pflanzen sie in der Dreirosenanlage einige Zeit nach seinem Tod einen Holunderblütenbaum – zur Erinnerung an Georg. Seine Asche verstreuen die Familienmitglieder von der Ueli-Fähre aus in den Rhein. So geht er auf seine letzte Reise. «Das hätte ihm gefallen.»

Theaterstück zum Gedenken

Die Bestattung von Georg Conzett fand im engen Familienkreis statt. Im Sommer 2020 kamen dann rund hundert Menschen aus dem Quartier zusammen. Der Kulturschaffende Armin Biehler hat Georg Conzett sein neustes Werk gewidmet: das Theaterstück «Mord_4057», das auf der Dreirosenanlage aufgeführt wurde.

Er meinte, das könnten wir auch ein anderes Mal machen.

(Quelle: Armin Biehler)
Georgs Tod jährt sich am Montag zum dritten Mal.

Georgs Tod jährt sich am Montag zum dritten Mal.

Roland Schmid

«War Georg zur falschen Zeit am falschen Ort?» Diese Frage stellt sich Armin Biehler immer wieder. Er hat ihn vermutlich als letzter gesehen, ihm als letzter die Hand gereicht. Am 20. Dezember 2017 arbeitete Biehler als Velokurier. Da er im Dreirosenquartier wohnt, besuchte er Georg Conzett immer mal wieder. So auch an diesem Abend. Sie plauderten einige Minuten, Biehler wollte ein Foto zusammen mit Conzett, dieser lehnte ab. «Er meinte, das könnten wir auch ein anderes Mal machen.» Dann sprachen sie darüber, Heiligabend gemeinsam zu verbringen. Conzett wollte sich nicht festlegen. Biehler gab ihm zum Abschied die Hand. Wenige Stunden später war er tot.

Geschichte nicht einfach loslassen

Die Tat, das Motiv des Täters, das Leben von Georg Conzett, das ihn auf die Strasse brachte. Biehler konnte die Geschichte nicht einfach so loslassen. Über Monate hinweg recherchierte er, besuchte die Gerichtsverhandlung des Täters. Biehler traf sich mit dem Fährimann der Ueli-Fähre, mit der Betreiberin der Dreirosenbuvette. Sie alle kannten Georg Conzett, aber eben nur denjenigen, der auf der Strasse lebte. Yvonne und Dieter Wälchli erzählten Biehler schliesslich vom Georg, der er früher war.

Bei der Dreirosenanlage nahmen damals ca. 100 Personen an der Gedenkwache für den getöteten Obdachlosen teil.

Bei der Dreirosenanlage nahmen damals ca. 100 Personen an der Gedenkwache für den getöteten Obdachlosen teil.

Martin Toengi

Das Basler Strafgericht erklärt den 22-jährigen V. Mitte November 2018 für schuldunfähig. Ihm wurde Mord vorgeworfen. «Er hatte vor der Tat nie Zweifel darüber, ob die Tat richtig ist oder nicht», so der Gerichtspräsident, der schliesslich eine stationäre Massnahme für V. anordnet. Seine Diagnose und der Grund für die Schuldunfähigkeit: paranoide Schizophrenie. V. konsumierte über Jahre Cannabis, war arbeitslos, verfiel einem religiösen Wahn.

Der rechtskräftig verurteilte Mörder V. auf seinem Facebook-Profil.

Der rechtskräftig verurteilte Mörder V. auf seinem Facebook-Profil.

Facebook

Zum Zeitpunkt des Urteils sitzt V. im Untersuchungsgefängnis Waaghof. Eigentlich hätte die stationäre Massnahme, damit ist eine psychiatrische Betreuung gemeint, bereits im April 2018 beginnen sollen. Aufgrund der mangelnden Sprachkenntnisse war eine Therapie aber noch nicht möglich.

Der damalige Verteidiger von V. teilt der bz auf Anfrage mit, dass das Urteil des Strafgerichts mittlerweile rechtskräftig ist. V. befinde sich in einer stationären therapeutischen Massnahme, deren Ende noch nicht absehbar sei.

Er bleibt ein Teil dieses Ortes.

(Quelle: Marc Moresi, Leiter Dreirosenanlage)

Georgs Tod jährt sich am Montag zum dritten Mal. Wer meint, der Clochard und sein Schicksal seien in Vergessenheit geraten, irrt. Marc Moresi, Leiter der Freizeithallen Dreirosen, erinnert sich gut. Georg Conzett sei ein ruhiger, zurückgezogener Zeitgenosse gewesen, «Er bleibt ein Teil dieses Ortes», sagt Moresi. Auch Kinder, die auf dem Basketballplatz Fussball spielen, wissen noch, dass früher ein Mann in der einen Ecke gelebt hat. «Ah, der mit dem Bart», meint ein Mädchen beiläufig, bevor sie sich wieder ihren Freunden und dem Klettergerüst widmet, das mittlerweile in Georg Conzetts Ecke steht.

Name geändert.