Frühkindlicher Medienkonsum

Kurzfristige Lösungen, bleibende Schäden: So werden Babys von den eigenen Eltern geschädigt

Digitale Medien sind extrem aufmerksamkeitsanziehend gestaltet. (Symbolbild)

Digitale Medien sind extrem aufmerksamkeitsanziehend gestaltet. (Symbolbild)

Margarete Bolten klärt am Universitäts-Kinderspital beider Basel Eltern über die gravierenden Folgen frühkindlichen Medienkonsums auf.

Es schreit und schreit, ist nicht zu besänftigen. Bevor die Nerven blank liegen und die Trommelfelle Sturm laufen, dem Kind ein lustiges Video auf Youtube abspielen – und die wie aus Zauberhand herrschende Stille geniessen. Problem gelöst. Aber nur scheinbar: Was kurzfristig wie eine Lösung wirken mag, stellt sich in der späteren Entwicklung des Kindes oft als gravierender Fehler heraus. Denn Schreistörungen können durch übermässigen Konsum digitaler Medien im Kleinkindesalter langfristig sogar verstärkt werden, wie Margarete Bolten, Psychologin am Universitäts-Kinderspital beider Basel (UKBB) und bei den Universitären Psychiatrischen Kliniken Basel für Kinder und Jugendliche (UPKKJ), sagt. Die kleinen Flimmergeräte können aber auch in anderen Bereichen schwerwiegende Defizite auslösen, wie die Leiterin des Kompetenzzentrums Fütterstörungen warnt.

Seit rund 25 Jahren berät das UKBB Eltern in Kleinkinder-Erziehungsfragen betreffend Schrei-, Schlaf- und Fütterungsstörungen. Nun weist Frau Bolten auf eine besonders aktuelle Problematik hin, über die sie Eltern während ihrer Sprechstunden ins Bild setzt: der Konsum moderner, digitaler Medien. Sie unterscheiden sich in einigen Punkten massgeblich von älteren Medien wie dem Fernseher oder dem Radio. Eine Hauptgefahr stelle die ständige Verfügbarkeit dar: «Das Handy ist immer in Griffweite, und es gibt keine natürlichen Pausen mehr, weil Videos und Spiele immerzu aufrufbar sind», so Bolten.

Aber das ist längst nicht alles. Das Angebot im Internet ist heutzutage fast unerschöpflich. Günstig und oftmals sogar kostenlos können auf den verschiedensten Kanälen Filme, Videospiele oder andere Unterhaltungsmedien konsumiert werden. Gefährlich und irreführend können sich hier auch Deklarationen auswirken. «Extra für Kinder konzipierte» Apps zeigen, dass die Anbieter an der Problematik nicht unbeteiligt sind. Vor einigen Jahren sind laut Bolten nämlich viele Apps noch mit dem Mindestalter von null Jahren ausgeschildert gewesen. Dabei sei bei Kindern unter zwei Jahren auf keinen Fall der Konsum solcher Medien zu empfehlen.

Ein leichtfertiger Umgang kann bleibende Schäden hinterlassen

Bereits kurzfristig kann eine problematische Handhabe negative Auswirkungen haben: «Übermässiger Medienkonsum löst bei Kleinkindern wegen der Reizüberflutung und der überstrapazierten Aufmerksamkeitsspanne schliesslich auch Stress aus», so Margarethe Bolten. Obwohl psychische Erkrankungen natürlich stets durch verschiedene Faktoren bedingt seien, gebe es doch viele Studien, welche die Problematik der digitalen Medien untermauern.

Die langfristigen Folgen können durchaus gravierend sein. So führe die Vernachlässigung anderer Kompetenzen teilweise zu eklatanten Missverhältnissen wie diesen: Bolten erinnert sich an Fälle, in denen die betroffenen Kinder zwar ihre Muttersprache nicht beherrschten, dafür aber englisch auf zehn zählen konnten.

Manchmal ist es besser, auch einfach mal nichts zu tun

Generell sei eine der Hauptgefahren, dass neben dem Medienkonsum oftmals die Einübung anderer Lernerfahrungen zu kurz komme. Die Wichtigkeit der «Surround-Eindrücke» betont auch Daniel Betschart, Programmverantwortlicher für Medienkompetenz bei Pro Juventute Schweiz: «Was bei digitalen Medien wegfällt, ist die Beanspruchung aller fünf Sinne. Für die kindliche Entwicklung sind aber auch der Austausch mit anderen Menschen, Bewegung, frische Luft und Langeweile sehr wichtig.» Insbesondere Letzteres werde oft unterschätzt: Intuitiv sei es vielleicht nicht sofort einleuchtend, dass Langeweile auch Kompetenzen fördern könne. Vor allem dann, wenn das Kleinkind diese auch lautstark zum Ausdruck bringe. Laut Betschart muss das Kind aber genau in jenen Momenten selbst kreativ werden und sich beschäftigen können.

Ganz auf den Medienkonsum verzichten müsse man aber nicht: Sinnvoll pflegen könne man den Umgang etwa ab dem dritten Lebensjahr und unter der Beachtung einiger Grundsätze. Bolten wie auch Betschart betonen, wie wichtig es für Kleinkinder sei, bei Medienerfahrungen begleitet zu werden. Oftmals könne so verhindert werden, dass die Kinder durch Ängste oder Nichtverständnis überfordert würden. Zudem sei es sinnvoll, Gesehenes als Nachbereitung mit dem Kind zu besprechen und zu wiederholen.

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