«La Traviata»

La Traviata non grata

Da hatte sie gerade nicht ihre Tage : Marie Duplessis, Vorbild für die «Kamelien- dame» und «La Traviata». Und nein, wohl keine Kurtisane.

Da hatte sie gerade nicht ihre Tage : Marie Duplessis, Vorbild für die «Kamelien- dame» und «La Traviata». Und nein, wohl keine Kurtisane.

Verdis Traviata ist die berühmteste Kurtisane der Welt? Stimmt nicht!

Am Ende ihres Lebens sieht Marie Duplessis ihre Wiedergeburt vor sich. «Ich habe immer gespürt, dass ich wieder zum Leben erweckt werde», sagt sie ihrer Magd auf dem Sterbebett. Kurz darauf stirbt sie an Tuberkulose.

Es ist 1847, in Paris wütet die Schwindsucht – und macht auch vor dem Kreis einflussreicher Damen nicht halt, zu dem die 23-jährige Duplessis gehört: die Kurtisanen. Mächtige Frauen der Pariser Demi-Monde, die Hedonismus und Manipulation nicht scheuen, elegante Wesen, von Männern umgarnt, von Frauen verabscheut. So zumindest das Bild, das die Männer der Zeit von ihnen zeichnen.

In dieser Vorstellung wird Duplessis nach ihrem Tod wie vorhergesehen eine Hauptrolle spielen. Das Bild aber ist falsch. Einerseits weil, klar: Männerblick. Zwischen Angst und Bewunderung, verwandelten sie ihre Projektionen dieser Frauen in Romane, Opern, Kulturgut. Aber es stimmt auch kulturhistorisch nicht. Zumindest wenn man Monica Kurzel-Runtscheiner glauben will: Mit dem einer Kurtisane, so die Historikerin, hat das beschriebene Leben der Marie Duplessis nichts zu tun.

Testosteron in Rom

Verlassen wir also fürs Erste Paris und begeben uns in die Glanzzeit des Kurtisanenwesens: Das vor Männern überquellende Rom des 16. Jahrhunderts. Anders als in allen anderen Städten des Landes (ausser Venedig – Horden an Seemännern!) herrscht hier massiver Testosteron-Überschuss. Schuld daran ist die Kurie, der Hof des Papstes. Reihen von Männern mit Einfluss und Geld – aber keine Frauen, die zum erfüllten Leben beitragen. Also sucht man nach einer Lösung – und findet sie in der antiken Literatur: Hetären. Sozial anerkannte, gebildete Prostituierte im Altertum, die die Männer bespassen, während ihre Frauen mit dem Haushalt beschäftigt sind.

Ein hervorragendes Konzept, denken die Römer, und führen ihr eigenes Hetärentum ein. Die Frauen nennen sie Cortigiane – wie früher die ehrbaren Hofdamen an den Fürstenhöfen. Entsprechend respektvoll behandeln sie ihre Kurtisanen: Als angesehene Mitglieder der gehobenen Gesellschaft. Die Kurtisanen wiederum verdienen sich diesen Status: Ihre Arbeit geht über die blosse Erfüllung sexueller Wünsche hinaus. Sie sind schön und gebildet und bereichern das Leben der päpstlichen Hofbeamten. Was dazu führt, dass Rom im frühen 16. Jahrhundert nicht nur die Hauptstadt der Christenheit ist, sondern auch Welthauptstadt der Prostitution. Kritiker findet dieser doch recht unchristliche Zustand wenige, scheinbar ist man am päpstlichen Hof froh, wenn die Kurialen Besuch von vornehmen Damen haben, statt in unsittlichem Konkubinat zu leben oder – Gott behüte – gewöhnliche Huren in den Palast zu schleusen.

Die Kurtisanen führen also ein recht adrettes Leben, sind anerkannte Mitglieder der Mittelschicht und werden – wenn man den Dichtern glauben darf – stets von Heeren edler Verehrer begleitet.

Ganz so glänzend war es wohl in Wirklichkeit nicht. Fest steht aber, dass das Kurtisanentum für Frauen der Zeit die einzige Möglichkeit eines sozialen Aufstiegs war. Wenn sie nicht Dienstmädchen waren, blieb als Einnahmequelle nur noch die Prostitution. Es von da zur Kurtisane zu schaffen, war kein einfaches Unterfangen, man brauchte Grips, Geschick und Glück. Männliche Kuppler oder Zuhälter gab es nicht. Die Frauen verdienten ihr eigenes Geld und einige schafften sogar den Sprung in die Selbständigkeit und lebten als unabhängige Geschäftsfrauen. Oder verdienten sich eine Mitgift um respektable Ehen schliessen zu können.

Fertig lustig

Das Ende der Kurtisanen beginnt am 6. Mai 1527. 24'000 Landsknechte und Söldner dringen in die Stadt ein und vollziehen, was später als «Sacco di Roma» in die Geschichte eingehen wird: Monatelanges Plündern, Vergewaltigen, Morden. Nach dem traumatischen Ereignis ist es vorbei mit der unbeschwerten Renaissance-Gesellschaft, man sehnt sich wieder nach Einkehr und Busse. In diesem Bewusstsein hat das Berufsbild der Kurtisane keinen Platz und wird nach und nach durch Gesetze erschwert. Kurtisanen werden erst diskriminiert, dann verfolgt und eingesperrt. Als das Ende des 16. Jahrhunderts naht, kommt mit ihm auch das Ende der Kurtisanen. Das alles steht in Monica Kurzel-Runtscheiners Buch «Töchter der Venus. Die Kurtisanen Roms im 16. Jahrhundert». Und man beginnt zu verstehen, wieso es ihr ein Anliegen ist, dass der berühmte Nachruf der Madame Duplessis wenig mit dem Kurtisanentum zu tun hat.

Hohe Wellen in Paris

Sprung nach vorne ins Paris des 19. Jahrhunderts. Marie Duplessis behält recht: Knapp ein Jahr nach ihrer Beerdigung erscheint «Die Kameliendame», geschrieben von ihrem ehemaligen Geliebten Alexandre Dumas. Die Geschichte des Edelmannes Armand Duval und seiner Geliebten, der Kurtisane Marguerite Gautier, schlägt in der tratschfreudigen Pariser Gesellschaft sofort hohe Wellen.

Wie Marie hat auch Marguerite eine Vorliebe für Kamelien, wie Marie trägt sie immer ein weisses Exemplar im Haar oder am Gewand – und während ihrer Menstruation ein rotes. Das mag stimmen oder nicht, die Pariser fressens Dumas aus der Hand. Er hängt eine Theaterproduktion dran, die wiederum wird von Giuseppe Verdi gesehen und weitergesponnen: «La Traviata» ist geboren. Und zack ist Marie Duplessis binnen weniger Jahre nach ihrem Tod die berühmteste Kurtisane der Welt. Oder?

Eben nicht, meint Kurzel-Runtscheiner. Das Verhalten der Kurtisane wird in den beiden Werken als liederlich dargestellt, als unehrbar und unmoralisch. «Die Traviata bewegt sich am Rande der Gesellschaft, was fatale Konsequenzen für sie hat. Die Kurtisane hingegen ist eine hochgeachtete Frau, die einen ehrbaren Beruf ausübt», sagt Kurzel-Runtscheiner. Die französischen Schriftsteller übernahmen den Begriff von den Römern und wendeten ihn bei ihren Figuren an. Courtisane.

Wenn La Traviata also dieser Tage in Basel zu Gast ist und sich wie immer heulend in ein ehrenhaftes Leben wünscht, schreien wir dieses Mal doch zurück: Mädchen, du bist eine Kurtisane! Own it!

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