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Lässt uns der Lockdown besser schlafen? – das sind die Vorteile von Homeoffice

Lässt uns der Lockdown besser schlafen? (Symbolbild)

Lässt uns der Lockdown besser schlafen? (Symbolbild)

Das Coronavirus verändert unseren Alltag sehr stark – doch hat es auch Einfluss auf unseren Schlaf? Christine Blume ist Schlafforscherin am Zentrum für Chronobiologie der Universität Basel. Sie erzählt von den Vorteilen des Homeoffice.

Guten Tag Frau Blume, wie haben Sie letzte Nacht geschlafen?

Christine Blume: Letzte Nacht habe ich nicht so gut geschlafen. Vielleicht weil ich gestern Abend noch relativ lange am Rech­ner gearbeitet habe. Aus der Schlafforschung weiss man, dass Bildschirmlicht am Abend den Schlaf stören kann, aber manchmal lässt sich das eben auch bei mir nicht vermeiden.

Was ist für Sie ein guter Schlaf?

Ein guter Schlaf ist für mich, wenn ich schnell einschlafe, am Morgen ausgeruht und frisch aufwache und keine Erinnerung daran habe, was in der Zwischenzeit passiert ist. Bei der Schlafdauer bin ich ein Durchschnittsmensch und brauche rund acht Stunden.

In einer aktuellen Umfrage untersuchen Sie die Auswirkungen des aktuellen Lockdowns auf den Schlaf. Warum ist das interessant?

Schlafprobleme haben in den letzten Jahrzehnten zugenommen. Momentan gehen wir davon aus, dass rund 30 Prozent der Bevölkerung in der modernen Gesellschaft klinisch relevante Schlafprobleme haben. Da in der aktuellen Situation des Lockdowns viele Elemente wegfallen, die diese Probleme möglicherweise mitverursachen, könnte sich das auf unseren Schlaf auswirken.

Von welchen verursachenden Elementen sprechen Sie?

Das Gefühl, ständig erreichbar sein zu müssen, aber auch der Freizeitstress. Durch die Massnahmen des Bundesrates fallen viele Alltagstermine weg, was zu einer Entschleunigung führen kann. Daher bietet der Lockdown die Möglichkeit zu untersuchen, wie sich der Schlaf verändert, wenn unser Leben auf einmal teilweise zu einem Stillstand kommt.

Das heisst, Sie gehen davon aus, dass wir besser schlafen in der Coronakrise?

Das ist eine Hypothese. Ein Hersteller von Fitnessarmbändern hat bereits berichtet, dass die Menschen im Schnitt nun zwei Stunden mehr schliefen. Das ist extrem viel und könnte unsere Annahme bestätigen, dass der sogenannte «soziale Jetlag» kleiner wird. Also die Differenz, die zwischen meiner inneren biologischen Uhr und dem sozial vorgegebenen Zeitplan entsteht. Wenn zum Beispiel mein biologischer Rhythmus mir vorgibt, von Mitternacht bis acht Uhr zu schlafen, ich aber um acht Uhr im Büro sein muss, ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass ich zu wenig schlafe. Das Homeoffice könnte ermöglichen, den Arbeitsalltag flexibler und entsprechend meiner inneren Uhr zu gestalten.

Aber kommen durch den Lockdown nicht andere Probleme hinzu, die den Schlaf beeinträchtigen können?

Ja, das ist die andere Seite. Manche erleben Stress, weil auf einmal die Familie den ganzen Tag zu Hause ist. Aber auch die Zeit, die wir am Bildschirm verbringen, erhöht sich durch die Verlagerung ins Digitale, was sich negativ auf den Schlaf auswirken kann. Auch fehlen das natürliche Licht und die Bewegung an der frischen Luft, da wir viel Zeit drinnen verbringen. Punkte, auf die wir jetzt besonders achtgeben sollten. Eine andere Ursache für schlechten Schlaf können auch vermehrt Ängste und Sorgen sein.

Was empfiehlt die Schlafforschung in diesem Fall?

Eine Methode der kognitiven Verhaltenstherapie ist, sich vor dem zu Bett Gehen auf einen Stuhl zu setzen und sich gedanklich oder auf einem Blatt Papier den Ängsten und Sorgen zu widmen. Die Idee ist, dass sie danach im Bett weniger präsent sind. Wer schon im Bett liegt und von Gedanken am Einschlafen gehindert wird, sollte diese nicht versuchen zu unterdrücken. Stattdessen kann man sie zum Beispiel auf eine imaginäre Wolke setzen und davonziehen lassen. Ganz wichtig ist es, Arbeit und Schlaf auf allen Ebenen so gut wie möglich zu trennen. Also auf keinen Fall im Bett arbeiten!

Welchen Nutzen erhoffen Sie sich für die Wissenschaft von dieser Umfrage?

Falls sich die Hypothese bestätigt, dass der «soziale Jetlag» kleiner ist in der Zeit des Lockdowns, können wir die Wichtigkeit gesellschaftlicher Aspekte für unseren Schlaf besser beurteilen. Darüber hinaus können die Erkenntnisse auch für politische Entscheidungen wichtig sein, wenn es beispielsweise um die Flexibilisierung von Arbeitszeiten oder einen späteren Schulbeginn geht. Hier argumentieren Schlafforscherinnen und Schlafforscher schon lange, dass dies den Schlaf in unserer Gesellschaft verbessern kann.

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