Die IBA Basel 2020 ist ein Prozess der trinationalen Stadtentwicklung. Noch bis 20. November ist in der Voltahalle eine Ausstellung zu den verschiedenen Projekten zu sehen. Acht Wochen lang war die IBA zudem mit einer Aussenstelle auf dem Basler Marktplatz vertreten. Geschäftsführerin Monica Linder-Guarnaccia (43) zieht im Interview eine Zwischenbilanz.

Frau Linder-Guarnaccia, in der Ausstellung sind 32 Projekte zu sehen, früher waren es 43. Was sind die Kriterien, damit eines rausfällt?

Monica Linder-Guarnaccia: Wenn man es genau anschaut, haben wir sogar nur noch 19 Projekte und das ist immer noch sehr viel für die Region. Zum Qualifizierungsverfahren gehören fünf Kriterien: Modellcharakter, Gestaltungsqualität, grenzüberschreitende Dimension, Ökologie und Wirtschaftlichkeit sowie Machbarkeit. Im April haben wir jedes einzelne Projekt angeschaut und erneut bewertet. Zu jedem Projekt gibt es eine Übereinkunft zu seiner Vision, was bis 2016 erreicht sein muss und was bis 2020. Manche sind nicht weitergekommen, bei anderen war klar, dass sie selbst 2020 nicht am Punkt sein werden, wo sie 2016 sein sollten.

Können Sie ein positives Beispiel nennen?

Modellcharakter hat sicher das Projekt Dreiland zwischen Basel Nord, Huningue und Weil am Rhein, und zwar in vielen Bereichen: städtebaulich, verkehrstechnisch wie grenzüberschreitend. Auch wenn die Gebäude 2020 noch nicht stehen werden, können wir bereits architektonische Qualitätskriterien aufstellen und mit den Ausschreibungen beginnen. Der Prozess wird eng von der IBA begleitet und wir sind sehr gut aufgestellt. In einer Planungsvereinbarung sind die Ziele für 2020 bereits definiert und alle Länder sind damit einverstanden. Die Verkehrsstudie ist trinational lanciert und ebenso die Freiraumstudie. Die Qualitätskriterien betreffen den Gesamtbereich und nicht nur die Schweiz, Deutschland oder Frankreich. Das ist eine Innovation, die es weltweit nicht gibt. Dabei wäre es bequemer, wenn jeder für sich plant. Sich auf Dreiland einzulassen, erfordert Mut und Innovationskraft.

Das Projekt Regio Grüngürtel ist sehr publikumsfreundlich. Worum geht es?

Das ist eine Website, die 100 ausserordentliche Naturorte in den drei Ländern zeigt. Die Trinum-Stiftung, die die Idee hatte, hat das relativ schnell vorangetrieben. Das Projekt ist schnell und gut entstanden. Es wird immer noch weiterentwickelt. Mittlerweile hat die Regio Basiliensis übernommen, die Seite www.gruenguertel.ch zu pflegen.

Fortschritte gibt es beim Birspark.

Es hat ebenfalls Modellcharakter und stammt ursprünglich von Muttenz und Münchenstein. Die IBA fand die Vorhaben der Umgestaltung des Areal Schänzli in Muttenz und der Grube Blinden interessant, hat aber die Gemeinden angeregt, sich zu vernetzen. Jetzt gibt es eine Birspark-Landschaft-Arbeitsgruppe, die von Muttenz bis nach Pfeffingen geht. Alle sind involviert und alle haben ihre Projekte. Es ist wirklich vorbildlich, wie dort die Zusammenarbeit funktioniert. Ein weiteres wichtiges Projekt ist sicherlich der IBA Parc des Carrières.

Worum geht es da?

Es ist ein Begegnungspark an einer Kiesgrube zwischen Saint-Louis, Hégenheim, Allschwil und Basel. Durch die Neugestaltung wird dieses IBA Projekt zum Pilot für die Nachnutzung aller Kiesgruben in der Region.

Schwimmen wird man dort also nicht können?

Nein, vorerst noch nicht. Dadurch, dass man nicht bis zum Grundwasser gegraben hat, ist die erforderliche Wasserqualität nicht vorhanden. Weiter nördlich gibt es in Sierentz eine Kiesgrube, in der man in Zukunft jedoch schwimmen kann. Das Gleiche gilt für Bartenheim. Wir arbeiten parallel zum IBA Parc des Carrières daran, aber ob die Projekte schon bis 2020 umgesetzt werden können, wissen wir heute noch nicht. Das Pilotprojekt ist auf jeden Fall der IBA Parc des Carrières. Die Etappierung steht bereits, derzeit geht es um die juristische Umsetzung. Die IBA selbst ist zwar federführend und kann das Projektmanagement übernehmen, aber die Verantwortung der Umsetzung muss eine Gebietskörperschaft sicherstellen.

Wer ist das?

In diesem Fall der südelsässische Zweckverband «Communauté d’Agglomération des Trois Frontières». Die juristische Abklärung ging zwar etwas länger, aber wir können nun 2017 anfangen. Das ist sehr erfreulich und hat niemand geglaubt. Das Stadtteilsekretariat Basel-West hat sich Mitte September in einem Brief an die Basler Regierung mit Nachdruck für das attraktive urbane Naherholungsgebiet ausgesprochen; er wurde von über 40 Parteien und Vereinen unterzeichnet.

Etliche der von Ihnen vorgestellten Projekte wie die Elektrifizierung der Hochrheinstrecke oder die 3-Tramverlängerung laufen doch aber auch ohne die IBA.

Jedes Projekt wird regional diskutiert und weiterentwickelt. Es hätte ohne die IBA vielleicht den gleichen Namen, aber nicht die gleiche Ausrichtung. Zur Elektrifizierung der Hochrheinstrecke hat die IBA eine Studie veranlasst, die heute ein zusätzliches Argument dafür ist, dass sie in Bern und Stuttgart diskutiert wird. Wir haben das Potenzial der Siedlungsentwicklung analysiert und die betroffenen Bahnhofsareale und die umliegenden Flächen näher angeschaut. So ist das Projekt Grenzach Neue Mitte entstanden, bei dem ungenutztes Areal mit dem Zentrum verbunden wird und das Gebiet um den Bahnhof besser erschlossen wird. Das hätte es ohne IBA in dieser kurzen Zeitspanne nicht gegeben. Die IBA bringt durch die übergeordnete Sichtweise weitere oder auch neue Massnahmen ins Rollen und bindet die Bedürfnisse aller Partner ein. Und schliesslich ist sie ein politisches Bekenntnis zur gemeinsamen Entwicklung der Region.

Können neue Projekte dazukommen?

Nein. Wir setzen allerdings neue Impulse – so zum Beispiel mit der Gruppe Aktive Bahnhöfe. Da geht es um die Bahnhöfe Badisch-Rheinfelden, Rheinfelden, den Badischen Bahnhof und neu neben Grenzach-Wyhlen auch Möhlin. Letzteres ist ein immenses Projekt der Siedlungsentwicklung, das jetzt zum Laufen kommt. Bei Stein/Bad Säckingen hat man gesehen, dass koordinierter grenzüberschreitend miteinander gearbeitet werden müsste.

Wie geht es weiter mit der IBA?

2018 wird sicher noch einmal entschieden, welche Projekte bis 2020 machbar sind. 2020 wird es zum Abschluss eine grössere Ausstellung geben.