Basel Stadt

Lange genug gewartet

SP-Nationalrat Beat Jans will endlich in die Exekutive – und nach den vielen Wanderjahren wieder nach Hause.

Eigentlich hat Beat Jans schon lange Heimweh nach Basel. Die anderen Städte seien eben nicht so «lässig». Zürich, wo Jans zu Studienzeiten fast sieben Jahre wohnte: «eine Bankerstadt». Bern, das er als Nationalrat häufig besucht: «eine Beamtenstadt, ein bisschen zu usepützerlet.» In Basel sei eben «alles ein bisschen lockerer».

Nun ist es an der Zeit, nach Hause zu kommen. Am 25. Oktober wird gewählt. Und es wäre schon eine faustdicke Überraschung, wenn der SP-Nationalrat den Sprung in die Exekutive nicht schaffen würde. «Hier fühle ich mich wohl, hier bin ich aufgewachsen», sagt er. Er hätte sich schon vor vier Jahren einen Wechsel zurück in die Kantonspolitik vorstellen können. Aber da waren die Magistratenämter noch blockiert. Und auch die Kinder, damals acht und elf Jahre alt, waren etwas zu jung. «Das Regierungsamt ist schon sehr zeitaufwendig – und ich habe immer darauf geachtet, genügend Zeit für die Familie zu haben», sagt Jans. So sei er beispielsweise bisher immer am Mittwoch zuhause geblieben, habe seinen Papatag bezogen. Einen Waschtag, dank dem der Basler Regierungsrat Baschi Dürr Bekanntheit erlangte, wird er nicht beziehen. «Das plane ich nicht. Ich mache mich auf ein arbeitsintensives Amt gefasst», sagt der 56-Jährige.

Er kreuzte mit Parteigranden die Klingen

Die Arbeit macht ihm aber keine Angst. In der Ausbildung zum Landwirt machte er Zwischenstation bei Bauern in Buus und Bettingen, wo er wöchentlich 66 Stunden «chrampfen» musste. Immerhin konnte er als Bauerngehilfe seinen Bewegungsdrang ausleben. Schon seit jeher war Jans sportvernarrt, spielte zum Plausch Fussball. Noch geht er gerne joggen («Beim Joggen entstehen die besten Reden.»).

Nach seinem Abschluss als Umweltwissenschaftler an der ETH nahm er eine Stelle als Abteilungsleiter bei Pro Natura an – erst mit 34 Jahren trat Jans der SP bei, um bereits zwei Jahre später die Basler Parteispitze zu übernehmen. Damals konnte man bei den Basler Sozialdemokraten noch ziemlich schnell Karriere machen – kaum jemand war scharf darauf, diese wenig durchschlagkräftige und zerstrittene Partei zu führen. Und auch Jans hatte mit Widerständen zu kämpfen. Im Jahr 2001, bereits ein Jahr nach seinem Antritt als Chef, büssten die Sozialdemokraten mit der Abwahl der Erziehungsdirektorin Veronica Schaller einen Sitz in der Regierung ein. Danach forcierte der junge Präsident die Zusammenarbeit mit den Grünen; etwas, das ihm einflussreiche Genossen wie Roland Stark übelnahmen. Doch bereits 2005 erreichte Rotgrün erstmals in der Geschichte vier Sitze: Jans konnte sich als Architekt der rotgrünen Mehrheit feiern lassen. Bei so manchen Bürgerlichen war der spätberufene SPler unbeliebt. «Er war von Anfang an sehr hartnäckig und unnachgiebig, das nahmen ihm einige sehr übel», sagt der frühere Basler LDP-Regierungsrat Christoph Eymann, der heute mit ihm im Nationalrat sitzt. Bereits in seiner Zeit in der Basler Exekutive sei ihm aber aufgefallen, dass Jans hervorragend frei rede und gescheit sei. Er müsse sich höchstens vorwerfen lassen, etwas verbissen zu sein. Parteiintern erarbeitete er sich in Bern aber schnell eine Führungsrolle in Wirtschafts- und vor allem Energiefragen. Jans arbeitete sich bis zum Parteivize vor und belegte in den Medienrankings die vorderen Plätze der einflussreichsten Parlamentarier.

Heiri vom Claraplatz muss ihn verstehen

Die unbestrittene Verbissenheit, die Jans beim Politisieren an den Tag legt, hat stark mit seinen Überzeugungen zu tun. Der SP trat er einst aus einem Gerechtigkeitsgedanken bei. Einschneidend waren die Jahre, in denen er für Helvetas als Entwicklungshelfer in Haiti und Paraguay tätig war. Besonders die Zustände auf der Karibikinsel prägten ihn. «Ich war auf dem Land mit diesen Kleinbauern, die ums Feuer sassen und kein Bett und keinen Stuhl besassen.» Noch heute denkt er jedes Mal, wenn er im Manor die vollen Regale sieht: «Was würden die Haitianer denken?» Vor diesem Hintergrund kann er nachvollziehen, dass sich viele der einstigen SP-Klientel, die einfachen Arbeiter, von ihrer Partei entfremdet haben. «Eines habe ich von meinem Vorbild Helmut Hubacher gelernt: Er hat immer gesagt, Politik müsse so gemacht werden, dass es auch der Heiri vom Claraplatz versteht.» Jans hatte gewissermassen einen persönlichen Heiri; seine Mutter, die Verkäuferin mit einem Grundschulabschluss. «Ihr hätte beispielsweise die Sternchensprachendebatte nichts gesagt.» Es sei sicher legitim, dass die Partei auch Debatten führe, die übers Materielle hinausgingen. Den Hubachers Test würde aber derzeit viel eher die Ungleichheit bestehen, die der Kapitalismus geschaffen habe. «Die Coronakrise hat das Ganze ja noch verschärft – das merkt auch Heiri vom Claraplatz», sagt Jans beim Treffen in einem Bistro im Gundeldinger Feld. Die Aktienkurse steigen, die Reichen horten Milliarden, und auf der anderen Seite rutschen immer mehr Leute in die Sozialhilfe», sagt er. «Kapitalismus ist eben auch keine Lösung.» Um Ungleichheiten auszumerzen, sieht er grössere Handlungsspielräume als Regierungsrat denn als Nationalrat. «Der Kanton kann das Problem an der Wurzel anpacken und beim Wohnraum oder im Energiemarkt ordnend eingreifen», sagt er.

Familie lässt sich nicht ganz abschotten

In jüngster Zeit hat er sich viel mit wirtschaftlichen Themen beschäftigt. «Es tut sich was. Was die Ökonomen jetzt fünfzig Jahre lang behauptet haben, scheint langsam aber sicher überholt», meint er. «Wir haben keine Inflation, obwohl immer mehr Geld in die Märkte gepumpt wird – das versteht kaum einer.» Vermehrt liegen in jüngster Zeit Wirtschaftssachbücher auf seinem Nachttisch, derzeit der Titel «The Deficit Myth» von Stephanie Kelton; die Autorin postuliert die bedenkenlose Verschuldung von Staaten und widerspricht der These, wonach dies früher oder später zur Implosion führen muss. Weit von sich weist Jans sozialistische Tendenzen, auch wenn er in Basel besonders nach seinem Kampf gegen die Unternehmenssteuerreform das Etikett des Erzlinken verliehen bekam. «Massvolle Lohngradienzen» seien durchaus vertretbar – und auch der Regierungsratslohn von knapp 300000 Franken jährlich sei vertretbar. «Er wird demokratisch festgelegt und Manager der Privatwirtschaft, die ähnlich viele Mitarbeiter haben, aber kaum exponiert sind, verdienen deutlich mehr», sagt er. Dies sei mit ein Grund, warum die Bürgerlichen Mühe hätten, geeignete Kandidaten zu finden. Die Exponiertheit, davor hat auch Jans Respekt. Was die Medien anrichten können, weiss er nur zu gut. Als Präsident der Anlaufstelle Fairmedia, die sich um Medienopfer kümmert, kennt er die Macht der vierten Gewalt. Auch in Basel hätten die linken Regierungsräte dicke Haut haben müssen. Und im Fall von Hans-Peter Wessels habe auch die Familie darunter gelitten.

Mit seiner Frau und den beiden Töchtern hat Beat Jans die Kandidatur gut abgesprochen. «Sie wissen, dass es nicht möglich wird, sie abzuschotten. Aber sie meinten, ich sei ein guter Regierungsrat.» Und dass er künftig wohl noch mehr arbeiten müsse als heute, würden sie in Kauf nehmen. Immerhin, habe Jans’ Frau Tracy gesagt, arbeite er dann wieder in Basel.

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