High Tech

Laser-Roboter und Tumor-Computer: Medizintechnik made in Basel

Betreibt in Basel Spitzenforschung in ungewöhnlichem Umfeld: Gesichtschirurg Hans-Florian Zeilhofer.

Betreibt in Basel Spitzenforschung in ungewöhnlichem Umfeld: Gesichtschirurg Hans-Florian Zeilhofer.

Im alten Frauenspital tüfteln Forscher an der Medizin-Technik der Zukunft. Schon bald könnten etwa Roboter mit Laser Knochen durchtrennen - und damit die gute alte Knochensäge überflüssig machen. Ein Blick in eine Basler High-Tech-Werkstatt.

Im ehemaligen Basler Frauenspital an der Schanzenstrasse hat schon lange kein Kind mehr das Licht der Welt erblickt. Heute forschen im Gebäude über hundert Wissenschafter. Darunter auch verdiente Kapazitäten. Der mit dem ruhigsten Händchen ist jedoch der Jüngste im Team. Er heisst Carlo und seine Haut ist weiss wie Schnee. Zwar besitzt er nur einen Arm, doch mit diesem ist er unglaublich geschickt: So kann er sich um seine eigene Achse drehen, ohne dass sich seine Finger auch nur einen Millimeter bewegen. Und das wäre auch nicht gut. Denn Carlo soll dereinst mit einem Laser hantieren.

Carlo ist ein Roboter. Sein Name steht für Computer Assisted & Robot Guided Laser Osteotome, also computer- und robotergestützte Laser-Knochendurchtrennung. Entwickelt wurde er im High-Tech-Forschungszentrum (HFZ), das zur Klinik für Mund-, Kiefer- und Gesichtschirurgie des Universitätsspitals Basel gehört. Carlo soll aber nicht nur Knochen durchtrennen, er könnte auch bald in Serie gehen und Geld einbringen. Dafür wurde eigens eine Firma gegründet.

Aufgebaut hat das HFZ, das weltweit als Vorzeigeprojekt gilt, der Gesichtschirurg Hans-Florian Zeilhofer (60). Der gebürtige Bayer ist vor zehn Jahren einem Ruf als Professor an die Universität Basel gefolgt. Am Unispital leitet er die Klinik für Mund-, Kiefer- und Gesichtschirurgie. Daneben ist er Chefarzt am Kantonsspital Aarau.

Ein Tablet mit Tumor

Zeilhofer steht in Carlos Zimmer und greift nach einem Stück Oberschenkel eines Bullen. An ihm demonstriert er, was Carlo kann. In die Knochenoberfläche sind die Umrisse eines Puzzle-Teilchens eingebrannt. «Wir sind zuversichtlich, dass Carlo schon in einem Jahr die klassische Knochensäge ersetzen wird», sagt der Professor – und streichelt dem Roboterarm über die Plastikverschalung.

Spätestens in zwei Jahren müssen alle Forschungsgruppen aus dem Frauenspital ausziehen. Doch bis die Bagger auffahren, wird an der Schanzenstrasse weiter getüftelt. Zum Beispiel im Medical Analysis Image Center, ein Stock oberhalb von Carlo. Dort entwickelt Medizin-Informatiker Philippe Cattin ein Verfahren, mit dem man ins Innere eines Schädels blicken kann, ohne diesen aufzumeisseln. Professor Cattin führt sein Projekt gleich selber vor: Er filmt mit seinem Tablet-PC einen Plastikschädel. Auf dem Bildschirm erscheint darin ein dreidimensionales Modell eines Tumors. Die Folge: Der Chirurg wird während der Operation auf das Tablet gucken, wenn er einen Tumor herausschneiden muss.

Für den Chirurgen birgt das Riesenvorteile, wie Zeilhofer bestätigt: «Ich könnte den Schnitt millimetergenau ausführen, weil ich ja genau weiss, wo sich der Tumor befindet. So wird möglichst wenig gesundes Gewebe entfernt und keine Nerven oder Gefässe zerstört.» In rund einem Jahr sollte das Tumor-Tablet marktreif sein.

Das Tablet zeigt: Am Anfang steht immer das Problem, in diesem Fall der Tumor, der nicht sichtbar ist. Danach tüfteln die Mitarbeiter des HFZ und weitere eng mit ihm verknüpfte Forschungsgruppen in der alten Frauenklinik an der Lösung. Spezialisten aus einem Dutzend Wissensgebieten tragen dazu bei: Informatiker, Materialwissenschafter, Physiker, Mathematiker, Chemiker, Robotik-Experten – und natürlich Mediziner.

Arzt, Philosoph und Handwerker

Er selbst lebt die von ihm geforderte Interdisziplinarität vor: Zeilhofer, der neben Zahn- und Humanmedizin auch Philosophie studiert hat, interessiert sich für den künstlerischen Zugang zu seinem Schaffen. In Zusammenarbeit mit der Hochschule für Gestaltung und Kunst veranstaltet er jährlich zur Art ein Symposium, an dem sich Mediziner, Wissenschafter und Künstler zum Thema Gesicht und Identität austauschen. Nicht zuletzt sei der Chirurg – ganz nüchtern betrachtet – auch ein Handwerker.

Etwas, was Zeilhofer seit Studententagen beschäftigt, ist die Frage nach dem tieferen Sinn von Schönheit: «Als Gesichtschirurg darf ich mich nicht einzig danach richten, was möglich ist. Ich muss auch beachten, was ich mit einem Eingriff an einem Menschen auslöse.

Mit Emotionen hat auch eines der nächsten grossen Projekte zu tun, denen sich Zeilhofer verschrieben hat: Er will, dass Patienten mit entstelltem Gesicht das Resultat der bevorstehenden Operation am Computer betrachten können - aber nicht starr, sondern mit Mimik.

Bis sich die Patienten selber Mut zulächeln können, wartet auf Zeilhofer und seine Mitstreiter im alten «Fraueli» noch ein ganzes Stück Arbeit.

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