Wenn er heute Samstag den Grand Poetry Slam in Augusta Raurica moderiert, dann ist Laurin Buser in jenem Element, in dem ihn die Öffentlichkeit kennt. Als Poetry Slammer hat er sich einen Namen gemacht, weit über die Slamily – wie sich die Szene der Wettdichter nennt – hinaus. Er trat im Schweizer Fernsehen auf – bei «Giacobbo/ Müller» – ebenso an der Basler Fasnacht, als Gaststar beim Drummeli. Und nicht zuletzt auf den Bühnen der Schweizer Kleintheater.

Und jetzt? Ist der 25-Jährige mit einem Bein in Deutschland. Als Musiker, als Rapper. In der Schweiz kaum wahrgenommen, blickt Buser auf das verrückteste Jahr seines Lebens zurück, wie er selber sagt. Er trat in grossen Konzerthallen auf, im Vorprogramm von deutschen Rap-Stars. Das ging so: Im vergangenen Sommer nahm Laurin Buser mit Basler Musikern, darunter dem Beat-Produzenten Audio Dope, eigene Songs auf.

In diesen beschrieb er Erfahrungen eines Vertreters der Generation Y. Hochdeutsch gerappte Texte, die ein Leben zwischen Euphorie und Selbstzweifeln, Ironie und Weltschmerz wiedergaben. Nun weiss man: Lyrics, die das Leben schreibt, sind die besten; aber nur, wenn sie einer in Worte fassen kann.

Laurin Buser kann das. Das bekam auch Samy Deluxe zu hören. Für Nichteingeweihte: Deluxe ist deutscher Rapper, hat eine Million Tonträger verkauft, gehört zu den erfolgreichsten seiner Zunft. Busers Bruder, ein Fotograf, hatte Deluxe auf Tour begleitet. Und spielte ihm in einer ruhigen Minute die Aufnahmen vor.

Beim Idol unter Vertrag

Der Rapper aus dem Norden horchte auf und fackelte nicht lange. «Samy lud mich ein, in sein Haus in Hamburg. Dort betreibt er ein grosses Tonstudio, das er Kunstwerkstadt nennt», erzählt Laurin Buser. «Er sagte mir, dass er ein Förderlabel betreibe, meine Songs darauf als EP herausbringen möchte. Und ich so: Jo, dängg! Passt für mich!»

Buser hatte immer schon gedacht, dass seine Musik in Deutschland herausgebracht werden müsste und nicht in der Schweiz. Seit er zu reimen begann, als Teenager, lag ihm die Bühnensprache am Herzen. Sie wurde ihm quasi in die Wiege gelegt. Seine Eltern sind zwar geografisch im Baselbiet zu Hause, beruflich aber im Theater: Mutter Dalit Bloch ist Schauspielerin und Regisseurin, Vater Daniel Buser Schauspieler und Musiker (Touche Ma Bouche). Das färbt ab.

So fasste Laurin schon mit 14 Jahren seine Gefühle und Gedanken in Reime, nur für sich. Als ihm ein Bekannter auf Youtube Slam-Poetry zeigte, wusste er: Das will ich auch probieren. «Ich schaute nach, wo der nächste Wettbewerb stattfand: Kreuzlingen, am Bodensee.» Seine Eltern fuhren ihn hin, sahen, wie ihr Sohn erstmals auf einer Bühne stand, mit einem eigenen Text. Aufgeregt. Aufgewühlt. Und glücklich. Ein Jahr später, mit 15, nahmen die grossen Reisen ihren Anfang: Tagsüber besuchte er die Steiner-Schule, danach feilte er an seiner Poesie und führte sie am Wochenende auf.

Wer ihn damals, vor zehn Jahren, erlebte, sah einen Idealisten, der von einer besseren Welt träumte, der mit wohlfeilen Gedichten und charismatischer Performance punktete. Ein «Schnügel», dieser Junge aus Arlesheim. Die Schülerinnen in der ersten Reihe: hin und weg. Eine Blüte dieser Frühphase ist die Ballade «Die Rose» aus dem Jahr 2009. Auf Youtube ist sie mittlerweile sensationelle 85 000 Mal angeschaut worden.

Laurin Buser -  Die Rose

Laurin Buser - Die Rose

Der erste Videoclip vom Slam-Poet Laurin Buser Film (Regie, Kamera, Schnitt, Drehbuch etc.): Benno Hungerbühler, Les Enfants du Paradis Films. Musik: Daniel Buser

Das ist eindrücklich. Das ist aber auch lange her. Laurin Buser schliff weiter, wurde 2010 in Bochum deutschsprachiger Poetry-Slam-Meister, Kategorie U-20 und spielte im selben Jahr eine Hauptrolle im aufwühlenden Bühnenstück «Punk Rock», mit dem das Junge Theater Basel zurecht überregional Erfolg feierte.

Darauf präsentierte er an der Kleinkunstbörse in Thun sein erstes Soloprogramm und erhielt plötzlich Anfragen von Kleintheatern, die ihn abendfüllend engagierten. Keine 20 , war er reif für die Selbstständigkeit, trat vor Leuten auf, die seine Grosseltern hätten sein können. Und kehrte jeweils zurück in eine Basler WG, in der er sich austobte. Er lebte von seiner Kunst in einem Alter, in dem andere sich noch fragten, was sie eigentlich studieren wollten. Und hinterfragte doch ständig, was er eigentlich wollte. Es gab eine Zeit, da zog er ein Schauspielstudium in Betracht. Aber das Lustprinzip sagte ihm, dass er bei seinen Texten bleiben sollte, ganz nah bei sich und nicht in Rollen.

Die Reimform in Reinform, sie liess ihn nicht mehr los. Und auch wenn er sich in der Slamszene von Basel bis Berlin einen Namen gemacht hat: Die Gedichte waren immer Musik in seinen Ohren. Er jammte mit Kollegen, das führte 2014 zu einem ersten Album («Nachtaktiv»), zu einer Band, zu Livekonzerten, zu neuen Aufnahmen (2016). Und diese, wie erwähnt, direkt in die Schaltzentrale eines seiner Teenie-Idole.

Samy Deluxe und dessen Produzenten. «Schon schräg: Für sie bin ich der Dichter, für mich sind sie die Kings», sagt Buser. Warum er ihnen auffiel, hört man auf seinen neuen Songs: Er behandelt die grossen Themen des Lebens anders als das Gros der Rap-Zunft. Damit fiel er auf, gefiel er auch.

LAURIN BUSER - HOT

LAURIN BUSER - HOT

CREDITS MUSIC Lyrics & Vocals by Laurin Buser Produced by Audio Dope & Raphael Scheiwiller Backing Vocals by Céline Huber Bass by Raphael Scheiwiller Guitar by Dominik Beck Keys by Mischa Maurer Rec Engineering by Florian Haas Mixed by Alain Meyer Mastered by HP Mastering Recorded at Jazzcampus Basel Mit friendly Unterstützung von RFV Basel & KunstWerkStadt CREDITS VIDEO Directed by Laurin Buser Camera, Cut & Edit by Thomas Hof PW Films Special Thx to Janick Zebrowski & Steven Schoch & Brasserie Hugo & Formhaus Basel & PW Films & RFV Basel & KunstWerkStadt Hamburg Actors: Lisanne Hirzel, Wanda Winzenried & Stefan Schönholzer, Yannis Green & Lisa Röthlisberger, Klaus Brömmelmeier & Fabienne Hadorn, Matthes Huflattich & Sebastian Kober & Andreas Schneider

An einem Sommertag etwa, sehr heiss, viel Schweiss, schrieb er «Hot». Eine wunderbar schlüpfrige Nummer, Bilanz eines misslungenen Liebesakts. «Es ist zu hot Baby, es ist viel zu viel, der Eisberg steht, aber er schmilzt dahin», rappt er im Refrain. Und zeigt im Video junge Menschen, die sich in unterschiedlichen Konstellationen auf einer Matratze räkeln. Darunter auch drei Männer, was für einen Hip-Hop-Clip so aussergewöhnlich ist wie das Coming-out eines Fussballers.

Sein Sinn für Überraschung manifestiert sich in einem zweiten Geistesblitz noch eindeutiger: «Aller Anfang ist schwer, Mann. Der Wagen heult auf, ich bin im Leergang. Dann die Schaltung in den Gang hochgeschoben, doch rollt man nicht los mit der Handbremse oben», beschreibt er seine Erfahrungen als Fahrschüler. Herrlich unverherrlichend, komplett unkonform, zeigt er sich im Video als Dilettant. Dazu muss man wissen: Autos sind im Hip-Hop rollende Statussymbole, in denen Rapper ihre Coolness und ihren Chauvinismus zelebrieren. Buser bricht die Klischees mit Humor, wie die Beastie Boys in den USA oder Dendemann in Deutschland.

Doch das ist nur eine Facette. Er kann auch ganz ernsthaft Extase vertonen: Im Titelstück «Liquid» reflektiert er nachdenklich die Überreste einer Partynacht («Meine Psyche ist ein sinkendes Schiff ohne Rettungsboot, grinsendes Gesicht klatscht auf den Betonboden»), und in «Schmuck» kritisiert er den Materialismus seiner Gesellschaft. Alles wollen, immer schneller. Davor sei auch er nicht gefeit, gibt er zu. «Die Inkonsequenz, sie plagt mich, klar. Immerhin: Ich habe mir angewöhnt, mit dem Zug nach Hamburg zu reisen, und nicht im Flugzeug. Die Fahrt dauert insgesamt kaum länger.» Der Zug sei nicht nur besser fürs Gewissen, sondern auch besser, um zu arbeiten.

Und zum Verarbeiten. Schon verrückt, was ihm da widerfahren ist. An den Wochenenden nach Hamburg zu pendeln, Videoclips zu produzieren und am Montag in einem Haus für Suchtkranke anzutreten, Zivildienst. Die Erkenntnis? «Ein Beruf im Sozialen wäre machbar. Aber denkbar? Nein», sagt er. «Ich möchte selbstständig bleiben.»

Irritierende Vielseitigkeit

Im vergangenen Herbst trat er im Vorprogramm von Samy Deluxe auf, vor 3000 Zuschauern. Im Frühling folgte er ihm auf Deutschland-Tour. Zudem konnte er auch für die Fantastischen Vier eröffnen. All das nicht unter einem genreüblichen Pseudonym, sondern schlicht als Laurin Buser. «Weil es mir in meiner Musik um die Suche nach mir selber geht. Und weil ichs noch stylish fand, mit einem Baselbieter Geschlecht Rap zu machen», sagt er und lacht. Auch damit hat er einen Überraschungsmoment auf seiner Seite.

Dass die Musik weniger einträglich ist als die Kleinkunst, nimmt er in Kauf. Und verschafft sich damit Respekt. «Laurin bewegt sich in verschiedenen Milieus, sei es in der Theaterszene, im Slam oder in der Musik. Und das auf verdammt eindrückliche Weise», sagt Gabriel Vetter.
Er habe damit leben gelernt, dass seine Vielseitigkeit irritiere, sagt Buser: «Ich brauche die Abwechslung, suche weiter nach Ausdrucksformen. Im Moment etwa interessiert mich westafrikanische oder brasilianische Musik, der Süden.»

Und zugleich richtet er seinen Blick nach Norden. Er peilt Hamburg als zweiten Heimathafen an. Noch aber lebt er in einem Haus hinter dem Basler Bahnhof, das bald abgerissen wird. «Bis dahin möchte ich es noch krachen lassen, mit Musikern Jamsessions machen und damit die Basis für neue Songs legen», sagt er.

Doch das ist noch Zukunftsmusik. Die Gegenwart führt ihn heute an einen Ort der Vergangenheit: Ins römische Theater von Augst, wo er einen Länderbattle moderiert, an dem Slammer aus Deutschland, Österreich und der Schweiz teilnehmen.