Am Anfang war Wut. Wut auf sich, auf sein Schicksal, auf die Gesellschaft. Arbeitslos mit 52. Keine Chance auf eine neue Stelle. Vater eines Kindes mit besonderem Betreuungsbedarf. Gekündigt hatte er damals, 2009, die Stelle selbst. Markus Christen war am Steuer eingenickt. Nur eine Sekunde lang aufgrund seiner Schlafapnoe. 16 Personen sassen in dem Kleinbus, den er fuhr. Hätte ihm nicht jemand an den Lenker gelangt, das Fahrzeug wäre in die Tunnelwand gekracht.

Also Kündigung. Aus Verantwortungsbewusstsein. Das sieht das Arbeitslosengesetz nicht vor. Eine Karenzfrist von sechs Monaten war die Folge. Dann zwei Jahre stempeln. Dann ausgesteuert. Und mittellos. Der Versuch, eine eigene kleine Firma aufzubauen, scheiterte. Die Schuldenspirale drehte sich zusätzlich. Der gelernte Typograf, ein Handwerk ohne Zukunft, stand mit nichts da. Nur mit einem Dach über dem Kopf, dank des Einkommens seiner Frau, die an der Kasse eines Museums arbeitet.

Zwei Frauen, ein Club

Überhaupt seine Frau. Sie war es, die ihn vor dem Absturz bewahrte. Und Sybille Roter, die stellvertretende Geschäftsführerin des Vereins Surprise, der unter anderem das gleichnamige Strassenmagazin herausgibt. «Sie sind die wichtigsten Frauen in meinem Leben», sagt Christen. Doch erst seine Frau. Kennen gelernt haben sie sich im November 2002 an einem Fussballspiel. Beide sind glühende FCB-Fans. Die Saisonkarte ist eine der wenigen Luxusgüter, die sie sich leisten wollen und können.

Es ging auswärts gegen den grossen FC Liverpool in jener ersten mirakulösen Champions-League-Saison des FC Basel. Den Match schaute Christen in der Bar im Joggeli. Zusammen mit einer Kollegin, die eine Kollegin mitbrachte, die er ein Jahr später heiratete. Das Spiel endete 1:1. Das Rückspiel dann 3:3. Eine Sensation.

Und dann ist da Sybille Roter. Sie war es, die Christen 2013 auf seinem Weg zum Stadtführer unterstützte. Damals waren die sozialen Stadtrundgänge zu jenen Orten und Einrichtungen, die normalsituierte Menschen kaum zur Kenntnis nehmen, noch in der Pilotphase. Christen war der Dritte im Bunde. Er tat sich erst schwer, erinnert sich Roter. Christen war damals angeschlagen, fühlte sich als fünftes Rad am Wagen. Aus der Wut war längst Scham geworden. Der Prozess des Rausfallens aus der Gesellschaft, der Umgang mit der Sozialhilfe, all das belastete sein Selbstwertgefühl schwer.

Roter machte mit ihm Biografiearbeit. Denn nicht selten erklärt der familiäre Hintergrund, weshalb jemand nach einem Schicksalsschlag kaum mehr auf die Beine kommt. Üblicherweise dauere dieser Ausbildungsprozess ein Jahr. Bei Christen, aufgewachsen in einem Waisenhaus in der Innerschweiz, ging es wesentlich schneller. «Weil er seinen Humor nie verloren hat», glaubt Roter. Jenen Humor, der so mancher Krise im Surprise-Team die Spitze nahm. In der Tat ist Christen auch witzig, hat schwarzen Humor.

Vor allem aber ist er gnadenlos ehrlich. Zu sich selbst und zu allen andern. Und er kann reden, ist ein toller Erzähler. Kein Wunder, dauerte es nicht lange, bis er so etwas wie die Stimme der Armen wurde. Und das über Basel hinaus, wie Roter nicht ohne Stolz sagt: «Er hat den Weg vom Betroffenen zu einem Sprecher bei der Nationalen Konferenz gegen Armut gemacht.» Die Arbeit, die ihm immerhin den Gang aufs Sozialamt ersparte, tat ihm gut. Die Aufgabe lag ihm. Er wollte den Menschen zeigen, wie es sich lebt in Armut. Wie es ist, wenn man sich nichts leisten kann. Und stets war ihm bewusst, dass es andere noch viel schwerer getroffen hat. Jene, die obdachlos sind, jene, die den Weg aus der Sucht nicht finden.

Die SP auf Trab bringen

Zwei Frauen, eine Aufgabe und der Wille, sich zu verändern, haben Christen zu dem Menschen gemacht, der er heute ist. Er hegt keinen Groll gegenüber jenen, die mehr haben als er. Er sieht sich auch nicht als Klassenkämpfer. Revolution ist nichts für ihn. Aber mehr Gerechtigkeit und Chancengleichheit, dafür kämpft er. Darum hat der 64-Jährige die Politik wiederentdeckt. SP-Mitglied ist Christen seit «Urzeiten», wie er sagt. Aktiv war er auch, in der Basler Sektion. Bis zu seinem Surprise-Engagement als Mitglied der sogenannten «Nichtakademiker-Gruppe».

So weit waren die Sozialdemokraten also schon gekommen, dass sich die Arbeiter innerhalb der Partei eine eigene Ecke suchen mussten. Nachdem er sich zurückzog, schlief das Grüppchen wieder ein, wie sich der heutige Parteipräsident Pascal Pfister erinnert.

Seit einiger Zeit gibt Christen wieder Gas. Seine Mission: Den linken Flügel der SP «auf Trab bringen». Die erfolgsgesättigte Regierungspartei ist ihm zu lahm. «Eva Herzog ist eigentlich eine Freisinnige», sagt Christen, «das ist toll für den Kanton und die Partei, aber eine Linke ist sie nicht.» Dennoch zieht er sie Nationalrat Beat Jans als Ständerätin vor. Einerseits, weil Jans schwer einzuschätzen sei, und andererseits, weil Herzog mit ihrem Palmarès den Kanton besser vertreten könne. Er ist eben Realpolitiker.

Grossrat Christen?

Nein, Christen hält mit seiner Meinung wirklich nicht hinter dem Berg. Pfister gefällt das. Der SP-Präsident beschreibt ihn durchaus bewundernd als hartnäckig, unverfroren und frei von Berührungsängsten. Er wünschte, es gäbe mehr wie ihn. «Wir wollen, dass sich auch Armutsbetroffene engagieren können bei uns.» Denn sie wüssten am besten, wovon die Rede ist, wenn es um Sozialpolitik gehe. 2016 kandidierte Christen für den Grossen Rat. Auf der Liste der SP Kleinbasel. Gewählt wurde er nicht, aber viel hat nicht gefehlt. 2020 will er es nochmals versuchen. Pfister wird ihn unterstützen. Heidi Mück auch. Die Basta-Co-Präsidentin sähe Christen gerne in den eigenen Reihen. Weil er politisch eigentlich besser zu ihrer Partei passe. Aber vor allem, weil «ich grössten Respekt vor seiner Lebensgeschichte habe».

Andererseits sei es gewiss nicht verkehrt, wenn in der SP auch Menschen Politik machen, die am oder unter dem Existenzminimum leben müssten. Dass die Baslerinnen und Basler vor wenigen Wochen gleich vier Mieterschutz-Vorlagen angenommen haben, hat ein kleines bisschen auch mit Christen zu tun. Er verfestigte das Band SP-Basta in dieser Frage und engagierte sich stark. Zum Beispiel auf den sozialen Medien.

Twitter und Facebook nutzt Christen allerdings zum kleineren Teil, um politische Botschaften zu versenden. Viel lieber (und vor allem häufiger) kommentiert er die Spiele des geliebten FC Basel. Und derzeit jene an der Weltmeisterschaft in Russland. Er tut das schnell, kenntnisreich und mit leichter Hand.

Armutsaufklärung in Schulen

Man spürt es, wenn man mit ihm spricht: Dieser Mann ist wieder voll im Saft. Er ist für Surprise schier unverzichtbar. Als die Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften die Wirkung der sozialen Stadtrundgänge unter die Lupe nahm, wurde Christen im Nu vom Untersuchungsgegenstand zum Mitarbeiter, der die Interviews mit den Teilnehmern führte.

Und er wurde zur einer wichtigen Ansprechperson für alle neuen Stadtführer in Basel, Bern und Zürich. Bald steht eine Veränderung an. Ab 2019 wird Christen in Schulen auftreten. Er, der wie Roter sagt, «die Menschen wirklich erreichen kann», klärt bald Jugendliche über das Leben am Rande der Gesellschaft auf. Die Scham ist dem Stolz gewichen.