Reggae

Lebendige Reggae-Szene: Basel ist das Jamaika am Rheinknie

Der Musiker und Produzent Matthias Tobler alias Mr. Mento (rechts) und Silvio Brunner alias Stereo Luchs.

Der Musiker und Produzent Matthias Tobler alias Mr. Mento (rechts) und Silvio Brunner alias Stereo Luchs.

Sonne, Studio und Soundsystems: Basel ist das Epizentrum der Schweizer Reggae-Szene. Mit «Stepp usem Reservat» von Stereo Luchs wurde das erste Schweizer Dancehall-Album in Kleinhüningen im Studio der Basler Band «The Scrucialists» produziert.

Das Kingston Helvetiens heisst Basel. Weniger, weil das Rheinknie mehr Sonnenstunden zählt als das Tessin und es am Wasser stets nach saftigem Gras duftet. Hier entwickelte sich in den letzten Jahren eine gut vernetzte und äusserst aktive Reggae-Szene, die jamaikanischer Musik aller Sparten frönt, Klischees beerdigt und so die eigene Identität kreiert.

Zweihundert Leute, von diesem Besucherschnitt träumt manch ein Partyveranstalter in Basel. Zu Louis Moser alias Scolou strömen sie seit mehr als drei Jahren, wenn er im Nordstern «Irie Monday» veranstaltet - montags, wie der Name sagt. Wobei Dienstag passender ist, da «die meisten Leute nachts um halb zwei hier sind», wie Scolou präzisiert. Den Wochenstart wählte er, um sich von den anderen Basler Clubs abzugrenzen, die jedes Wochenende um Reggae-Gäste buhlen.

Auch musikalisch orientiert er sich anders. «Gespielt wird nicht klassischer Reggae à la Bob Marley, sondern Dancehall» - also schnelle, rhythmusbetonte, zeitgenössische jamaikanische Musik. Die Schweizer drehen bisher nur auf der Tanzfläche, nicht auf dem Plattenteller. Denn heimischer Reggae ist in den letzten Jahre zwar unglaublich populär geworden, Mundart Dancehall gab es aber kaum.

Stereo Luchs erobert neues Revier

Doch nun veröffentlicht Silvio Brunner alias Stereo Luchs das erste Schweizer Dancehall-Album «Stepp usem Reservat». Man kennt den Zürcher in der Reggae-Szene bestens als Compagnon von Phenomden, bei dem er auf der letzten Erfolgstour zu «Eiland» das Vorprogramm bestritt. Und wie der Schweizer Reggae-Überflieger setzt auch Stereo Luchs auf Musik aus Basel. Sein Album ist grösstenteils im One-Drop-Studio in Kleinhüningen entstanden.

Stereo Luchs: Stepp usem Reservat

Es ist das Studio von «The Scrucialists». Die Basler Band tourt seit 15 Jahren als Backing-Band für nationale und internationale Reggae-Stars durch Europa. Als ihr erster Sänger Richie nach ein paar Jahren zurück nach Barbados zog, hat die Band aus der Not eine Tugend gemacht und spielt oder produziert in ihrem Studio immer mehr Musik für andere Künstler. Phenomden, Elijah, De Luca, Lee Everton - die Spitze der Schweizer Reggaeszene kommt genauso gerne ins One Drop wie die Basler Schwellheim, Famara und als nächstes wieder die Ska-Kapelle «Kalles Kaviar».

So simpel wie stilvoll

Der neuste Wurf stammt von Bassist Matthias Tobler. Unter seinem Produzenten Alias Mento hat er das eben veröffentlichte Debütalbum «Stepp us em Reservat» von Stereo Luchs produziert. Als «Sound, für zwischen 1 und 3 Uhr morgens auf der Tanzfläche», beschreibt Stereo Luchs seine Musik, also für den Stimmungshöhepunkt jeder Party. Das musikalische Konzept dazu von Mento: «Die ersten 20 Sekunden sind für einen Dancehall-Tune die wichtigsten, da lancierst du den Beat und steuerst auf den Hook zu.» Klingt simpel. Doof sind die Songs deshalb noch lange nicht. Im Gegenteil: In Ausgangs-Oden wie «Under mim Guinness» oder «Chum tanz» überzeugt Stereo Luchs mit träfem Wortwitz und feinem Gespür, genre-typische Ausdrücke aus Jamaika ins Schweizerdeutsche zu übertragen. «Viele Ausdrücke, gerade für Frauen, würden direkt übersetzt ‹grüselig› werden. Da noch keiner das Terrain besetzt hat, war es spannend, die Sprache zu verdrehen und neue Ausdrücke zu generieren.»

Die Ladys werden vom Luchs sowieso galant behandelt. Seiner eigenen widmet er mit «Dame» einen der herausragenden Songs. Frei von Kitsch, aber voll von Hingabe «isch si dr einzig Grund wurum dr Stereo singt.» Im selben Liebessong schlägt er mit der Zeile, «Ob Gully oder Gaza, Züri oder Basel, das sind Sache won ich mich nid befasse», die Brücke zwischen dem teils mit harter Gewalt ausgetragenen Konflikt zweier jamaikanischer Townships und der Schweizer Städterivalität. Luchs: «Ich komme zwar vom Hip Hop, wo das Stadt-Gedisse gepflegt wird. Mir ist das zu doof.»

In der Reggae Szene arbeitet man lieber über Grenzen hinweg. Die Liveband von Stereo Luchs besteht aus drei Musikern der Scrucialists, dem Zürcher Dubby Conquerors Keyboarder MikeyBoard und Flink, DJ der Liestaler TAFs, wirbelt dazu als Perkussionist. «Ohne den One-Love-Pathos zu bemühen, ist das kollektive Arbeiten in der Reggae-Szene traditionell verbreitet. In der Schweiz ergibt sich dies, bedingt durch die kleine Szene, sowieso», ergänzt Tobler.

Gegenseitiges Unterstützen und Eigeninitiative sind in der noch keine 20 Jahre alten Szene weit verbreitet. So haben Stereo Luchs und Mento für das Album mit «Pegel Pegel!» ein eigenes Label gegründet, obwohl Interesse von etablierten, grossen Labels bestand. Der Moment scheint günstig für ein Dancehall-Album mit cleveren Mundart-Texten und Beats bester Jamaika-Qualität. Phenomden hat letztes Jahr gezeigt, das Schweizer Reggae locker Gold verkauft und die grossen Konzertclubs füllt.

Selbst gebauter Bubentraum

Klingendster Ausdruck dieser Do-it-Yourself-Philosophie sind aber die Soundsystems: Überrissen grosse Türme aus selbst gebauten Boxen, damit die Musik schöner klingt als auf den kompakten, aber auch cleanen Anlagen, welche die Clubs heute sinnvollerweise führen. Die Szene steckt hier, verglichen mit England, noch in den Kinderschuhen. Drei solcher Soundsystems gibt es momentan in Basel, wohl die höchste Dichte in der Deutschschweiz.

800 Kilogramm schwer und 15 000 Watt stark ist das Turbo Audio System von Scrucialists-Gitarrist Luc Montini - und doch erst ein Drittel so gross, wie es werden soll. «Es ist ein absoluter Anachronismus, so ein Ding zu bauen, ein ausgelebter Bubentraum». Doch wer schon in den Genuss kam, Musik über diese Ungetüme zu hören - und dabei geht es weniger um Lautstärke, denn warmen Klang und Druck - dessen Herz schlägt im Beat der Boxen und man hilft gerne Schleppen beim nächsten Ein- und Ausladen.

Stereo Luchs, «Stepp usem Reservat» (Pegel Pegel!/Sony), live: 24. Mai, Kuppel, Basel.

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