Das Schicksal der Band The bianca Story liegt in den Händen zweier Sechsjähriger. Zumindest einige existenzielle Minuten lang. Es ist der grosse Auftritt der Schweizer an der Deutschen Oper in Berlin; ihre neuen Lieder, eingebettet in eine Produktion mit 14 tanzenden jugendlichen Laien, einer Opernsängerin und einer Schauspielerin; ihre Musiktheater-Tournee, auf die sie nun ein Jahr hingearbeitet und hinkomponiert haben – all dies kommt an der Uraufführung vom Montagabend in Berlin mit dem eröffnenden Auftritt zweier Kinder ins Rollen. «Es sind dem Menschen ja nur wenige Tage beschieden», setzt das bebrillte Mädchen (Emmi Malu) entzückend altklug zu Weisheiten über die Endlichkeit an. Und der Bub (Sidney Hahn), Typ Harry Potter, erklärt, dass jede Kultur etwas Bleibendes zu erschaffen trachte.

Etwas Neues erschaffen möchten The bianca Story mit diesem Werk im Auftrag von Dietmar Schwarz, Intendant der Deutschen Oper Berlin, und unter Daniel Pflugers Regie. Von einer «Grenzüberschreitung» und «einer visionären Erweiterung des Musiktheaters» spricht Schwarz, der so begeistert ist von der Basler Band, dass er sie nach dem Stück «M and The Acid Monks» (2013) zum zweiten Mal für sein Haus engagiert hat.

«Wir haben das Risiko noch nie gescheut», erklärten Sänger und Gitarrist Elia Rediger und Keyboarder Fabian Chiquet kurz vor der Premiere. Bei diesem Musiktheater versuche die Band eine neue, geglückte Sprache zu finden, in der ihre Popmusik mit der Oper zusammenfinde.

Als Stoff, der alles zusammenhält, haben Regie und Band sich die älteste schriftlich überlieferte Geschichte der Menschheit ausgesucht: den über 4000-jährigen Gilgamesh-Epos.

1853 wurden im heutigen Irak 12 Steintafeln entdeckt, auf denen in Keilschrift die uralte Geschichte des zu einem Drittel göttlichen, zu zwei Dritteln menschlichen Kraftwesens erzählt wird. Und rund 4000 Jahre später «ringen wir immer noch mit denselben Fragen», sagt Rediger. Die Sterblichkeit des Menschen und wie er durch Taten wenigstens in der Erinnerung anderer weiterleben kann – das habe die Band an diesem Epos am meisten interessiert.

Solides Musical mit starker Band

Abends in der Uraufführung müssen die mittlerweile in göttliche Sphären geschürten Erwartungen wieder aufs irdische Mass heruntergeschraubt werden. Gespielt wird nicht auf der Hauptbühne der Oper, sondern in der kleineren «Tischlerei» nebenan. Zu sehen und zu hören ist: ein Popmusical. Zweifellos sehr solid gemacht, voller Einfälle – manche schön, manche etwas beliebig – und vor allem mit einer kraftvollen, souveränen, spielfreudigen Band im Zentrum.

Harmonisch funktioniert das Zusammenspiel zwischen Band, Kindern und Jugendlichen, der Opernsängerin Christina Sidak und der Schauspielerin Natalina Muggli. Letztere kommt aus dem Baselbiet und ist nun in Berlin zu entdecken. Charismatisch und erotisch gibt sie bald Enkidu, den tierisch-menschlichen Gegenspieler und später besten Freund Gilgameshs, bald die verführerische Tempeldienerin (in manchen Übersetzungen auch profaner Nutte genannt). Ihre spannungsgeladenen Bewegungen und die weisse Farbe, die Muggli und bald alle Jugendlichen sich auf den Körper schmieren, sind dem japanischen Butoh-Tanz entlehnt, der traditionell von Geburt, Leben und Tod erzählt.

An weisse, rissige Steine erinnert die Kleidung der Bandmitglieder (Kostüme: Janine Werthmann). Die weissen Dreiecke in ihren Gesichtern geben ihnen einen ebenso archaischen wie futuristischen Anstrich. So schlicht wie wirkungsvoll hält dieser Stil die uralte Geschichte mit der modernen Form zusammen.

Auch wie der Abend entstanden ist, mag einzigartig sein: Finanziert wird über Grenzen und verschiedenste Theater hinweg. Neben der Deutschen Oper beteiligen sich die Kaserne Basel, die Gessnerallee Zürich und das Konzert Theater Bern als Koproduzenten daran. Solche neuartigen Zusammenarbeiten sind eine Chance für alle Beteiligten.

Nur: Die Musikgeschichte wird hier und jetzt nicht neu erfunden. Trotz ernstem Thema geht die Inszenierung nicht in die Tiefe und nicht dahin, wo es schmerzt. Vielmehr ist sie vergnüglicher, populärer Mainstream, der wahrscheinlich ein Ziel des Opernintendanten erreichen wird: mehr Jugendliche und ein neues Publikum ins Haus zu bringen.

Selten sind Sätze wie «You’ve got to die!» fröhlicher geschmettert worden.

«Gilgamesh must die!» mit The bianca Story. Im April auch in Zürich, Basel und Bern.