Es ist, als wäre die Mauer gefallen. Ewig haben sie Wand an Wand gewohnt. Wie es auf der anderen Seite aussah, wussten viele Basler aber nicht. Und jetzt rattert das Tram durch die Einöde und hievt Menschen über die Grenze. Wobei manchmal auch der Singular reicht.

Manchmal ist es (fast) nur ein Mensch, der sich von der Schweiz nach Frankreich fahren lässt.
Das war anders, als die 8er-Linie nach Deutschland verlängert und «Geiz ist geil!» über Nacht zur Maxime einer ganzen Stadt wurde. Bereits in der ersten Woche fand man keinen Sitzplatz mehr. Einmal «Marktkauf» und zurück und noch rasch in die Buchhandlung, die Metzgerei, den Blumenladen. Fremde Ellbogen im Bauch, Regenschirme im Gesicht.

Und jetzt das! Pampa und nichts als Pampa. Bereits vor dem Grenzübergang an der Haltestelle Burgfelderhof leeren sich die Strassen; was danach kommt, übertrifft selbst die ödeste Begegnungszone in der Stadt. Ein Mann mit Pudel, einer mit E-Bike, einer, der eine Fassade putzt. Das wars. Aber dann, mitten in der Stille, tauchen sie plötzlich in Gruppen auf, die Schüler des Lycée, und steigen zu.

Verlängerung der BVB-Linie 3 nach Gare de Saint-Louis

Eine Fahrt nach Gare de Saint-Louis

Grüner Kasten funktioniert nicht

«Monsieur, parlez-vous allemand?», fragt ein Mädchen den Chauffeur und zeigt auf den grünen Billettkasten draussen; jenen Kasten, den Stammgäste der Basler Verkehrs-Betriebe (BVB) mit verbundenen Augen bedienen können. Schüler aus dem Elsass offensichtlich nicht. Kein Wunder, das Gerät steht erst seit kurzem hier und verwirrt selbst BVB-Kenner. So fehlt zum Beispiel der Schlitz für die Mehrfahrtenkarte. Die EU kennt eben keine Merkwürdigkeiten wie den Mehrfahrtenkartenentwertungsschlitz. Der Chauffeur steigt aus, begleitet die Schülergruppe zum Automaten, will ihr zeigen, wie einfach sich dieser bedienen lässt – und staunt: «Kaputt!», sagt er und macht mit einer Handbewegung deutlich, dass die Gruppe trotzdem mitfahren darf.

Die Stimmung ist gut, da sitzen die Jugendlichen und vereinzelt Senioren. Es ist, wie wenn sich Wanderer begegnen. Die grüssen auch freundlich, ohne sich zu kennen. Ein alter Mann streckt einer Passagierin sein U-Abo entgegen. «Geht das?», fragt er. Sie zuckt mit den Schultern. Wo das Kaufhaus sei, fragt er. Sie erklärt ihm, dass das Tram bald beim «Géant-Casino»-Kreisel hält. «Nein, das grosse Kaufhaus.» Sie wisse nicht, was er meine, sie fahre die Strecke zum ersten Mal; und das nur, um diese auszuprobieren. Mal schauen, was da ist, im anderen Land.

Da sind Häuserblöcke in Grau. Viele Häuserblöcke. Da ist ein Sportplatz. Später Ackerland. Und irgendwann hält der Wagen an der Endstation am Bahnhof in Saint-Louis. Die Frau steigt aus, schaut sich um, sagt «Oh!» und steigt wieder ein. Die anderen Passagiere steigen gar nicht erst aus. Der 3er erinnert an die Sightseeing-Züglein in Städten. Bloss, dass da nix ist. Kein Laden, kein Kiosk, keine Beiz.

Roter Klotz als Anziehungspunkt

Die Strecke vom Kaufhaus zum Bahnhof ist lang. Es fühlt sich an, als würde das Tram von der Heuwaage ohne Halt an die Schifflände fahren. Zu Fuss kann man die Strecke auf Schleichwegen zurücklegen, vorbei an neuen Einfamilienhäusern und freien Parkplätzen. Gleich wird ein weiterer frei. Eine Frau steigt in ihr Auto. Warum tut sie das? Wo doch jetzt ein Tram vor der Tür steht? «Weil ich einen Parkplatz habe an meinem Arbeitsplatz und es bequemer ist.» Der Vom-Auto-auf-den-öV-Trend hat sich noch nicht durchgesetzt, drüben in Basel ist man sensibilisierter.

Eine Dame aus dem Neubad-Quartier steht vor dem «Géant Casino» und ist begeistert. Sie kam mit dem Tram. «Es ist toll», sagt sie. Der Chauffeur habe öfters geläutet, als dies in der Stadt der Fall sei; wohl, weil sich die Elsässer noch nicht daran gewöhnt hätten, dass nun ein Tram durch ihr Wohnquartier saust. Früher sei sie mit dem Velo gekommen oder habe sich chauffieren lassen. Ab sofort nehme sie das Tram. «Ich hoffe, die Linie bleibt», sagt sie – und steigt ein in einen Waggon mit viel mehr leeren als besetzten Plätzen.

Am Automat steht ein junger Mann, die Kreditkarte in der Hand, und drückt herum. Sofort kommt er mit dem anderen Mann ins Gespräch. Dieser Automat ist im Gegensatz zum vorherigen funktionstüchtig. Und trotzdem ein Rätsel. «Wird überhaupt kontrolliert?», fragt der eine Mann den anderen. Hm, das ist unklar. Klar ist: Der Waggon als solches wird an der Endstation kontrolliert, wobei die Fahrerin die Sitzengebliebenen grüsst, als wäre es normal, dass sie sitzenbleiben.

Jene, die den Wagen eine Station vorher verlassen, tun dies alle aus demselben Grund: «Géant Casino.» Mit einem Ausfuhrschein kommt aber selten jemand raus. In Frankreich gilt ein Mindesteinkaufsbetrag von 175 Euro. Einen Schweizer, der mit Katzenfutter beladen zusteigt, freuts: «Der 3er wird sicher nie zum 8er», sagt er – und sucht sich einen Platz aus.