Ein Reizwort wird definitiv Teil der Volksschule: Basel-Stadt führt als einer der ersten Kantone den Lehrplan 21 ein, per
17. August 2015. Das hat der Erziehungsrat Basel-Stadt einstimmig beschlossen. Der Weg bis zu diesem Entscheid verlief in Basel nicht ohne kritische Voten. Aber: «Man sollte nicht jeden Zwist als Glaubensfrage stilisieren», sagte Erziehungsdirektor Christoph Eymann gestern vor den Medien. Gleichzeitig bedankte er sich für den guten «kritischen Dialog mit den Lehrpersonen und den Schulleitungen». Eymann erinnerte daran, dass die Schulharmonisierung ein Auftrag des Bundes sei: «Da kann man nicht erwarten, dass alle mit allem einverstanden sind.» Der Lehrplan sei als Kompass und nicht als Gesetzbuch zu verstehen. «Ein Lehrplan darf weiterbearbeitet werden. Und es ist möglich, kantonale Spezialitäten einzubauen wenn nötig.»

Besonders hob Eymann hervor, dass mit dem neuen Lehrplan «zum ersten Mal seit 181 Jahren» die beiden Basel eine gemeinsame Stundentafel geben wird. Damit sei eine wichtige Aufgabe erfüllt.

Nur ein Bruchteil ist neu

Ab dem nächsten Schuljahr haben die Basler Schulen sechs Jahre Zeit, um den neuen Lehrplan umzusetzen.

Doch was wird eigentlich anders mit dem neuen Lehrplan? Diese Frage stellen sich nicht nur Eltern schulpflichtiger Kinder. Der neue Lehrplan baue auf den bestehenden Lehrplänen auf, sagte Pierre Felder, Leiter der Basler Volksschulen. Nur etwa fünf bis zehn Prozent ist neu. «Der Lehrplan gibt den Unterricht nicht vor, schon gar nicht die Gestaltung», betonte Pierre Felder. Grundlage für den Unterricht seien die Lehrmittel. Allerdings sind noch nicht alle Lehrmittel an den neuen Lehrplan adaptiert, zum Beispiel fehlt eines für Naturwissenschaften. Auch werde der Unterricht nicht standardisiert durch den neuen Lehrplan. «Der Unterricht wird immer noch äusserst unterschiedlich sein», sagte Felder.

Zum Punkt, der die lautesten Debatten provoziert hat, fand Projektleiterin Regina Kuratle erhellende Worte: zur Kompetenzorientierung. «Kompetenz ist nicht umgangssprachlich, sondern als Fachbegriff zu verstehen.» Der Fachbegriff Kompetenz setzt sich aus Wissen, der Anwendung des Wissens (Können) und der Bereitschaft, das fachliche Wissen zu gebrauchen (Wollen) zusammen. «Wissen bleibt also wichtig», sagte sie weiter.

365 Kompetenzen definiert der Lehrplan 21 und pro Kompetenz je einen Grundanspruch für den Kindergarten, die Primarschule und die Sekundarstufe. Ziel ist, dass 95 Prozent der Schulkinder diese Grundansprüche erreichen. Dieser Punkt bereitet Gaby Hintermann, Präsidentin der Kantonalen Schulkonferenz, das grösste Kopfzerbrechen: «Es ist absehbar, dass in Basel mehr als fünf Prozent diese Grundansprüche nicht erreichen werden», sagt Hintermann auf Anfrage. «Da werden wir uns auf eine praktikable Lösung einigen müssen.» Als Vertreterin der Basler Lehrerinnen und Lehrer ist sie der Meinung, der neue Lehrplan werde keine «Begeisterungsstürme» auslösen, sei aber ein guter Kompromiss. Und sie wünscht sich vor allem eines: «Jetzt lasst uns mal damit arbeiten und Erfahrungen sammeln. Überarbeiten ist später durchaus möglich.»

Kritisch, aber nicht ideologisch

Die Debatte zum Lehrplan 21 verlief in Basel-Stadt weniger ideologisch als im Landkanton. Sehr deutlich zeigte sich dies gestern an Oscar Herzigs Stellungnahme. Der SVP-Grossrat sitzt im Erziehungsrat und im gesamtschweizerischen Bildungsausschuss. Er bezeichnete es als «grosse Freude», dass der Lehrplan 21 «endlich» komme. Herzig nutzte den Moment für einen Wink mit dem Zaunpfahl: Die Einführung im Stadtkanton sei ein Zeichen für seine Parteikollegen im Baselbiet. Dort ist eine parlamentarische Initiative hängig, die dem Landrat die Kompetenz zur Einführung des neuen Lehrplans geben will. «Ich bin der Überzeugung, dass wir mit dem revidierten und gekürzten Lehrplan 21 nun die Lösung gefunden haben», sagte Herzig.

Kritischer äusserte sich Erziehungsrätin Danielle Kaufmann (SP). Sie warnte vor der Ökonomisierung der Bildung. Es bestehe die Gefahr, dass zunehmend alles, auch jeder Wissens- und Kompetenzzuwachs, jede Leistung gemessen werden müsse.

Der Hauptgrund für die gemässigte Diskussion ist, dass der Stadt-Kanton keine wirklich andere Wahl hat, als den Lehrplan 21 rasch wie einzuführen: Weil das neue Schulsystem mit sechs Jahren Primar- und drei Jahren Sekundarschule anders aufgebaut ist als das Bisherige, braucht Basel dringend einen neuen Lehrplan. Weil die Primarschule bereits auf sechs Jahre verlängert ist, arbeiten die Schulen momentan mit Übergangslehrplänen. Einen Lehrplan alleine zu entwickeln, wäre laut Volksschulleiter Felder rein finanziell nicht realistisch gewesen. An die gesamten Produktionskosten von 8,9 Millionen Franken für den Lehrplan 21 hat Basel-Stadt drei Prozent bezahlt.