Museum der Kulturen Basel

Leiden vermeiden: Wenn Buddha lächelt

Kaum zu glauben, aber der historische Buddha wollte keine Ikone sein.

Kaum zu glauben, aber der historische Buddha wollte keine Ikone sein.

Das Museum der Kulturen Basel stellt einen Religionsstifter vor, der auch in Zeiten der Pandemie durch Gelassenheit glänzt.

Stilles Lächeln, duldsamer Blick: Der Lärm der Welt kümmert den «Erleuchteten» wenig. Am Tag der Vorbesichtigung ist die neue Ausstellung im Museum der Kulturen Basel noch im Aufbau. Vitrinen werden bestückt, Kartons ausgepackt, und mittendrin: unzählige Buddha-Statuen aus vergoldetem Metall, Holz, Alabaster.

Was würde der «Erwachte» zum Durcheinander im Ausstellungsraum sagen? «Lass los», erwidert Kuratorin Stephanie Lovász. «So wie es ist, so ist es gut», zitiert Volontärin Ursula Regehr: «Alles hat seine Zeit und seinen Ort.»

380 Millionen Menschen bekennen sich weltweit zum Buddhismus, eine weitaus höhere Zahl bedient sich regelmässig seiner Techniken, praktiziert Achtsamkeit oder meditiert. Und fast alle erkennen einen Buddha, wenn er vor ihnen steht oder sitzt: Insgesamt werden 32 grosse und 80 kleine Merkmale tradiert, die in den verschiedenen Darstellungen immer wieder aufgegriffen werden. Dazu gehören etwa die Stirnlocke, die sogenannte Erleuchtungswölbung auf dem Kopf oder das Fehlen von Muskelansätzen – Buddhas Grösse hat nichts mit dem Body-Mass-Index zu tun.

Dabei drängte sich der historische Buddha keineswegs als Ikone auf. Als der nordindische Prinz Siddharta Gautama im fünften Jahrhundert vor Christus den ewigen Kreislauf von Tod und Wiedergeburt durchbrach und so den Ehrentitel Buddha («Erwachter») erlangte, stand ihm der Sinn nicht nach Personenkult. Wie die buddhistische Lehre, die erst Hunderte von Jahren nach Gautamas Tod in schriftlicher Form festgehalten wurde, nahm auch der Erleuchtete nur langsam Gestalt an.

Ein frühes Ebenbild aus dem Norden Pakistans trägt – deutlich beeinflusst vom Mittelmeerraum – gar die Züge einer griechischen Gottheit. Man habe den Buddhismus nicht als monolithisches Gebilde darstellen wollen, erklärt ­Regehr. «Die Schönheit und die Vielfalt waren mit ein Grund für diese Ausstellung.»

Kein Dogma, aber doch ein Frauenproblem

Diese Vielfalt liegt in der Wanderbewegung der Religion begründet, die sich von Indien aus über Süd- und Ostasien bis nach Japan verbreitete und dabei unterschiedliche Schulen hervorbrachte. Dasselbe gilt für die Ikonografie, die lokale Sehgewohnheiten berücksichtigte, ohne dabei den Wiedererkennungswert der Buddha-Figuren zu vernachlässigen: Transportiert sie in dem heterogenen Kultur- und Sprachraum doch verbindliche Glaubensinhalte.

Wir sehen Buddha, wie er mit lässiger Geste den Boden berührt und damit den Ansturm eines Dämonenheers zurückdrängt – Touchdown für die Erleuchtung! Oder wie er «elegant aufgestützt» (Lovász) auf seinem Sterbebett ruht, um friedlich zu erlöschen: Nach buddhistischem Glauben folgen so lange weitere Buddhas, wie die Menschheit unter der Last des Lebens leidet.

«Für die westliche Welt ist besonders attraktiv, dass es kein Dogma und wenige Verpflichtungen gibt», so Lovász. Die Verantwortung für die eigene Wiedergeburt obliegt jeder und jedem Einzelnen, was unserer individualistisch geprägten Gesellschaft entgegenkommt. «Buddha sagt nicht, dass wir einfach glauben sollen», erklärt die Kuratorin. «Wir sollen prüfen.»

So sympathisch dieses spirituelle Faktenchecken ist, thematisiert die Ausstellung auch die weniger bekömmlichen Seiten der Glaubensrichtung. Auch der Buddhismus wird zur Legitimation von Gewalt missbraucht. Und wie alle Weltreligionen hat er ein Frauenproblem: In manchen Schulen ist es Männern ­allein vorbehalten, den Pfad der Erleuchtung zu beschreiten. Eine Leihgabe der tibetischen Künstlerin Sonam Dolma Brauen bringt beides zusammen. Ihr Turm aus Patronen und Penissen steht für die patriarchalen Machtverhältnisse.

Das Lächeln hinter der Maske

Doch steht die Ausstellung klar unter dem Vorzeichen der Adventszeit und damit das Staunen angesichts der goldglänzenden Pracht der Buddha-­Figuren, Mönche und Bodhisattvas – eine Art buddhistischer Engel – im Vordergrund. Weiter zeigt die Ausstellung eine Fotoserie zum berühmtesten buddhistischen Pilgerweg Japans, den besonders Arbeitslose ablaufen, um ihr gesellschaftliches Ansehen zu steigern. In einem Meditationsraum können Besucherinnen und Besucher still sitzend ihre Gedanken zur Ruhe bringen.

Alles hat seine Zeit und seinen Ort, die Ausstellung wurde termingerecht eröffnet. Was aber ist mit dem Durcheinander, das die Pandemie vor dem Museum anrichtet? «Was würde Buddha sagen?» Lovász atmet hinter ihrer Stoffmaske hörbar aus. «Bleibt ruhig und fokussiert euch, seid mitfühlend: Das Maskentragen ist ja auch ein Ausdruck davon.» Und ein Lächeln bleibt ein Lächeln.

«Erleuchtet: Die Welt der Buddhas», Museum der Kulturen Basel, bis 23. Januar 2022.

Mehr Informationen auf dem Digitorial zur Ausstellung.

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