Leitartikel
Heimatlos in Basel

Trotz wirtschaftlichem Erfolg, baulicher Entwicklung und reichem Kulturleben: Warum fühlen sich Basler in Basel fremd?

Patrick Marcolli
Patrick Marcolli 6 Kommentare
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Veränderung, wohin man blickt? Luftbild von Basel mit der Pauluskirche im Vordergrund, die schon viele Jahrzehnte auf dem Buckel hat.

Veränderung, wohin man blickt? Luftbild von Basel mit der Pauluskirche im Vordergrund, die schon viele Jahrzehnte auf dem Buckel hat.

Bild: Benjamin Wieland/ bz-Archiv

Beat Degen, ein Leser unserer Zeitung aus Basel, hat mich in dieser Woche nachdenklich gestimmt. Unter dem Titel «Wenn die Politik wegschaut» wurde am Donnerstag sein Leserbrief veröffentlicht. Er skizziert darin diverse gesellschaftliche und politische Felder, in denen er Missstände ortet und die ihn letztlich dazu bewegen würden, nach der Pensionierung aus der Stadt wegzuziehen: Hohe Steuern, Ausländer (man höre überall fremde Sprachen!), Littering, Massnahmen gegen den Autoverkehr, rot-grüne Politik insgesamt.

«Innert zehn Jahren ruiniert»

Auslöser für seinen Brandbrief war die in dieser Woche veröffentlichte Kriminal­statistik, die in Basel-Stadt bei einigen Deliktarten im ersten Halbjahr 2021 im Vergleich zur Vorjahresperiode einen Zuwachs verzeichnet. Der grösste Teil dieser Probleme werde von den «Gästen» verursacht, schreibt Beat Degen – und meint die Ausländerinnen und Ausländer. Menschen wie er würden allmählich alle der Stadt den Rücken kehren. Degen schliesst mit folgenden Worten: «Und zurück bleibt ein Konzentrat bildungsferner Menschen, die kaum Steuern bezahlen, aber Sozialleistungen beziehen, einen geleasten SUV fahren und sich nicht integrieren wollen. Danke, liebe Linke und Grüne, ihr habt meine Heimatstadt innert zehn Jahren ruiniert.»

Man ist angesichts der harschen, fremdenfeindlichen Töne, die Beat Degen anschlägt und von nachweislich verdrehten Fakten (viele Gemeinden im Baselbiet haben höhere Steuern, objektiv gesehen ist Basel sehr sicher) versucht, diese Haltung pauschal abzutun und nicht weiter auf sie einzugehen. Aber ein Satz ist mir hängen geblieben, nämlich der letzte.

Die Kehrseite der Medaille

Im öffentlichen Diskurs der Stadt Basel werden gerade die vergangenen zehn Jahre als die erfolgreichsten der jüngeren Geschichte beschrieben, das ist von links bis rechts ziemlich unbestritten. Auf der objektiven Ebene kann dies mit den sprudelnden Steuereinnahmen und tiefschwarzen Zahlen belegt werden, auf der subjektiven Ebene zum Beispiel durch die rasante bauliche Entwicklung, durch den Reichtum des kulturellen Lebens, durch die Vielfalt der Aktivitäten auf öffentlichem Grund und die Gastronomie.

Doch das ist es nicht, was Beat Degen meint. Er weiss bestimmt, wie objektiv gut es dem Stadtkanton geht, wie brillant die entsprechenden Kennzahlen sind und er sieht, wie sich rundherum um ihn alles verändert. Genau das ist aber wohl das Problem. Und es ist eines, das man ernst nehmen sollte. Es geht Degen nämlich, wie er schreibt, um die Heimatstadt. Wenn er sie ruiniert sieht, dann meint er nicht (oder nur teilweise) die materielle Seite. Sondern eine kulturelle, eine lebensweltliche. Er fühlt sich hier nicht mehr heimisch, fühlt sich im Wortsinn fehl am Platz. Und er hat die Schuldigen längst ausgemacht.

Es ist eine Binsenwahrheit, dass eine Medaille immer eine Kehrseite hat. In diesem Fall sind dies Menschen, die sich in dieser Stadt nicht mehr zuhause fühlen. Wenn Politik, Kultur, Wirtschaft und Medien sie in ihren Jubelgesängen über die Prosperität dieser Stadt vergessen, beziehungsweise in der Veränderung nur Gutes sehen, werden sie immer mehr.

6 Kommentare
Philipp Bösiger

Ist das nicht eher die Klage eines Mitbürgers, der seine urbane Umwelt um ihn herum nicht mehr versteht? Ich bin wohl nur wenige Jahre jünger als Degen, aber auch ich habe manchmal Mühe, der rasanten Entwicklung zu folgen. Wenn man jedoch sein Heil in in der Flucht aufs Land sucht, könnte man am Ende bitter enttäuscht werden. Denn auch das klischeehafte ländliche Idyll ist moderner und schnelllebiger geworden. Und an den sehr abgelegenen Orten, wo dies nicht geschehen ist, stirbt die Bevölkerung langsam aus.

Jo Key

Als "Flüchtlinge" wohnen Sie nicht in der Stadt, zahlen hier kein Rappen Steuern. Aber jammern und plappern können Sie. Ihre Pseudoargumente höre ich seit 40 Jahren, als ich als "Fremder" zum ersten Mal in Basel war (damals konnte man schon diese "Musik" hören, einfach vielleicht weniger laut). Ich bin geblieben, habe Kinder gemacht, gearbeitet und regelmässig meine Steuern hier bezahlt. Wie viele andere (Sie nicht mehr). Es gibt viele Probleme, ganz klar. Aber Ihr Problem ist anders und fast so alt wie die Menscheit selbst: Fremdenfeindlichkeit bzw. Rassismus. Warum sagen Sie das nicht klar und deutlich?

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