Nähkästchen

Leiter Fotohaus Wolf: «Das ist ein grosser Trend: Je cooler und verrückter die Kamera, desto besser»

Adrian Samuel

Adrian Samuel

Im Januar hat Adrian Samuel das Fotohaus Wolf an der Freien Strasse übernommen. Im Nähkästchen plaudert er über die Herausforderung, in Basel mit einem Einzelladen zu bestehen, und warum die analoge Fotografie trotz Handys eine Zukunft hat.

Worüber reden wir?

Adrian Samuel: Über die Zukunft.

Wie sieht die Zukunft der Fotografie denn aus?

Die analoge Fotografie hat wegen der Handykameras sicher einen schweren Stand. Aber ich stelle fest: Die junge Generation entdeckt diese Art zu fotografieren zunehmend für sich und ist fasziniert; zu unseren Kunden gehören viele Leute zwischen 15 und 30 Jahren, nicht nur ältere «angefressene» Stammkunden und Sammler. Und es kommen immer mehr Junge. Das ist ein grosser Trend: Je cooler und verrückter die Kamera, desto besser.

Retro gilt als chic.

Genau, vergleichbar mit dem Comeback der Schallplatten. Die Leute suchen nach Entschleunigung in dieser schnelllebigen Zeit. Bei einer Digitalkamera kannst Du hunderte Fotos in wenigen Minuten machen und danach am Computer aussortieren. Im Umgang mit einem mechanischen Modell braucht es Zeit. Man muss sich mit dem Gerät auseinandersetzen.

Das hat fast etwas Meditatives.

Genau! Der Weg zum Ergebnis ist oftmals mehr Wert als das Ergebnis selbst. Es geht darum, die Leidenschaft auszuleben. So geht es vielen meiner Kunden.

Sie haben das Fotohaus von Rolf Hämmerlin, Ihrem langjährigen Chef, übernommen. Sehr wagemutig in einer Zeit, in der viele Einzelläden verschwinden.

Nun, ich habe mir das schon gut überlegt. Und kam zum Schluss: Der Beratungsbedarf ist hoch, das Bedürfnis nach kompetenten Personen, die Auskunft geben können über jedwelche Felder der Fotografie, immer noch vorhanden und wird es auch in Zukunft sein. Das spüre ich aus Rückmeldungen langjähriger Kunden heraus.

Wenn man aber keinen Beratungsbedarf hat, kann man die Kamera auch einfach online bestellen.

Die digitalen vielleicht. Analoge Kameras jedoch werden kaum mehr hergestellt. Wir haben ein schönes Sortiment an vollmechanischen Vintage-Modellen von allen möglichen Marken, auch an Ersatzteilen und seltenem Zubehör. Teilweise sind die Kameras 100 Jahre alt, das sind Raritäten. Beim Ausmisten im Lager habe ich eine aus dem Jahr 1898 entdeckt, die aussieht wie ein Fernglas. Damit konnte man also versteckt fotografieren. Sehr faszinierend.

Sie führen das Geschäft nun seit fünf Monaten. Wie läuft es?

Verbesserungswürdig. Wir sind in einer Umbruchphase und dabei, unseren Online-Auftritt aufzubauen. Da können wir herausstreichen, was uns ausmacht.

Wie kann man heute und in Zukunft als Einzelhändler in Basel überleben?

Wenn man eine bestimmte Nische bedient und eben kompetent ist in seinem Bereich. Und nicht sofort auf Verkauf aus ist. Das habe ich Rolf Hämmerlin abgeschaut: Wenn der Kunde spürt, dass es einem nur ums Verkaufen geht, kommt er nicht wieder. Es sollte möglich sein, dass man Modelle einfach mal begutachten oder sogar auf der Strasse testen kann. Ich sehe mich nicht als Verkäufer, sondern als persönlichen Berater. Das ist unsere Philosophie, und diese wird sich auf Dauer auszahlen. Zugute kommt uns auch, dass Fotografie in aller Munde ist.

Wie meinen Sie das?

Wir leben in einer extrem bebilderten Welt. Es wird geschätzt, dass heute pro Sekunde so viele Bilder ins Internet hochgeladen werden wie in den ersten 150 Jahren Fotografiegeschichte gesamthaft entstanden sind. Eine verrückte Bildmenge. Dadurch, dass heute jeder mit dem Handy jederzeit fotografieren kann, steigt auch die Chance, dass sich jemand für Fotografie an sich interessiert. Und davon profitieren letztendlich die Fachgeschäfte.

Fotografieren Sie ab und an auch mit dem Handy?

Es lässt sich nicht vermeiden (lacht).

Da hört man viel Widerwille!

Ich habe meist irgendeine Kamera dabei. Mit dem Handy fotografiere ich vielleicht mal ein Dokument. Oder mache hin und wieder ein Selfie. Mehr aber auch nicht.

Welches ist Ihre Lieblingskamera?

Oh, das ist jetzt wirklich eine schwierige Frage! Ich habe zuhause einen ganzen Schrank voller Kameras (überlegt)... Die Fuji X100F habe ich sicher am meisten dabei, die ist relativ kompakt und ermöglicht trotzdem Profiqualität. Ich habe auch ein Faible für klassische mechanische Modelle, von Leica zum Beispiel.

Zurück zu Ihrem Laden. Dieser wurde jahrelang von Rolf Hämmerlin geprägt. Was wird unter Ihrer Ägide anders?

Im Geschäft im Erdgeschoss wird nicht viel geändert. Auch das Sortiment wird ähnlich bleiben – allerdings mit dem Fokus, die junge Generation in den Laden zu locken, weil sie ist die Zukunft. Angedacht ist, Studenten Prozente zu geben. Im ersten Stock gibt es viel ungenutzte Fläche mit Potenzial. Es könnten hier zum Beispiel Workshops zum Thema Fotografie stattfinden. Oder vielleicht Fotoausstellungen... Mal sehen. An Ideen mangelt es mir jedenfalls nicht.

Verwandtes Thema:

Autorin

Rahel Koerfgen

Rahel  Koerfgen

Meistgesehen

Artboard 1