Patrick Fassbind

Leiter Kesb Basel-Stadt: «Immer mehr Familien sind wegen der Pandemie überfordert»

Patrick Fassbind, Leiter KESB Basel-Stadt

Patrick Fassbind, Leiter KESB Basel-Stadt

Patrick Fassbind, Leiter Kesb Basel-Stadt, spricht im Interview über Fremdplatzierungen, Schulschliessungen und die aktuellen Herausforderungen.

Immer mehr Kinder und Jugendliche brauchen professionelle Hilfe, weil die Corona-Ausnahmesituation auf die Psyche schlägt. Auch die Kindes- und Erwachsenenschutzbehörde (Kesb) Basel-Stadt ist mit zunehmenden Gefährdungsmeldungen konfrontiert, wie der Leiter im Interview sagt.

Patrick Fassbind, gerade Kinderpsychiatrien schlagen Alarm (die bz berichtete), weil immer mehr Kinder und Jugendliche wegen der Pandemie in schwierigen Verhältnissen stecken. Führt das zu mehr Fremdplatzierungen seitens der Kesb?

Patrick Fassbind: Fakt ist, dass immer mehr Familien überfordert sind. Seit ein paar Jahren steigen deshalb die Gefährdungsmeldungen rasant an. Interessant ist, dass die Massnahmen nicht proportional dazu zunehmen. Das heisst, wir bekommen immer mehr Meldungen, die Anzahl Massnahmen ist aber nur leicht angestiegen. 

Wieso?

Das ist darauf zurückzuführen, dass das Ziel des Kindeschutzes nicht ist, zwangsweise in Familiensysteme einzugreifen, sondern mit Familien gemeinsam Lösungen zu finden. Das gelingt meistens sehr gut. Corona führte sicher dazu, dass mehr Familien, Hilfe benötigten. Aber es gibt nicht «Die Coronagefährdungsmeldung».

Wie viele Fremdplatzierungen musste die Kesb konkret vornehmen?

Ende 2019 waren 76 Kinder durch die Kesb platziert. Aktuell sind es 80. Pro Jahr müssen wir etwa 20 Kinder neu platzieren und rund so viele können zurück zu ihren Familien oder werden volljährig. Insgesamt sind in Basel, Bettingen und Riehen gegen 400 Kinder platziert. In den meisten Fällen passiert das freiwillig, das heisst im Einvernehmen mit den Eltern und Kindern. Dabei ist zu beachten, dass die Dunkelziffer im Bereich von Gewalt an Kindern gross ist, obwohl jährlich rund 1000 Gefährdungsmeldungen bei uns eingehen. Nur ein geringer Teil davon mündet dann in einer Kesb-Massnahme. Das ist in der Öffentlichkeit leider zu wenig bekannt.

Stapeln sich seit Corona bei der Kesb die Aktenberge?

Durch den Lockdown wurde die übliche Sozialkontrolle stark eingeschränkt. Anfangs hatten wir gar einen Rückgang an Meldungen. Dann normalisierte sich die Situation und es kam zu einem Nachholeffekt. Die Schule nahm den Präsenzunterricht wieder auf und konnte ihrer sozialen Funktion wieder uneingeschränkt nachkommen. Abklärungen wurden schwieriger, weil man weniger direkten Kontakt mit den betroffenen Familien haben durfte. Ein Verfahren geht bei uns durchschnittlich drei bis sechs Monate. Das hat sich nicht merklich erhöht.

Psychologen und Psychiater sagen gegenüber der bz teilweise etwas anderes.

Wie es bei diesen Hilfsangeboten aussieht, kann ich nicht beurteilen. Das hat mit der Kesb nicht direkt etwas zu tun. Klar ist, Wartezeiten können wir uns bei der Kesb nicht leisten. Ist eine Meldung dringend, muss sie unverzüglicher behandelt werden.

Ist auf Weihnachten hin mit einer erneuten Zuspitzung der Situation zu rechnen?

Es ist immer so, dass Ende November, Anfang Dezember bis kurz vor Weihnachten viel läuft bei uns. Die Erwartungen an Weihnachten, der Stress zuvor, führen zu mehr Krisen in Familien. Die Fallzunahme bei der Kesb endet zu Weihnachten, dann ist es relativ ruhig und Mitte Januar wird es dann wieder hektischer. Nach den Sommerferien zeichnet sich ein ähnliches Bild. Die Probleme bleiben in der Familie und nach dieser Zeit kommt vieles aus. 

Wie denn?

Es brauch ja immer jemanden, der bei der Kesb eine Meldung macht. Und wenn bei einem Streit nicht gerade die Polizei gerufen wird, bleiben uns die Probleme oft verborgen. Das war im Lockdown auch so. Viele Krisen ergaben sich mit dem Alltag dann aber auch wieder.

Wie meinen Sie das?

Schulen sind für viele Kinder ein wichtiger Ort der Zuflucht mit Ansprechpersonen. Deshalb war man sehr zurückhaltend mit weiteren Schulschliessungen, meines Erachtens zurecht. Wenn die Präsenzsschule wegfällt, wird es mittelfristig kindesschutzrechtlich problematisch. 

In Deutschland sind die Schulen noch geschlossen.

Da wäre es mir nicht wohl als Kindesschschützer.

Sind Sie in Kontakt mit Kollegen in Deutschland?

Nein. Dieser Austausch wäre aber interessant. Im Nachhinein wird es sicher viele wissenschaftliche Erkenntnisse dazu geben. Mit dem Kinder- und Jugenddienst und der Schulsozialarbeit standen wir aber immer in engem Kontakt. Die Dunkelziffer ist das Problem des Kindesschutzes. Der Kindsschutz hat aber nicht den Anspruch, jede Krise zu verhindern, sondern Familien zu unterstützen, bei denen es grundsätzliche Probleme gibt und bei denen die Entwicklung der Kinder gefährdet ist. 

Wie wird über eine Fremdplatzierung entschieden?

Das geschieht vor allem dort, wo Eltern keine Einsicht haben, dass eine schwerwiegende Gefährdung besteht und sie nicht bereit sind, dieser Gefährdung entgegenzuwirken. Bei der Kesb geht es nicht um Schuld oder Strafe. Wir sind für Schutz, Hilfe und Unterstützung zuständig.

Haben Sie nie Angst, falsche Entscheidungen zu treffen?

Jedem, der schon einmal miterlebt hat, wenn man ein Kind aus seiner Familie nehmen muss, geht das nahe. Das ist für alle sehr belastend. Man hinterfragt sich. Die Entscheide werden immer wieder überprüft, auch mit externen Partnern. Oft sind die Entscheidungen relativ klar. Auch wenn es immer Graubereiche gibt. Es kann ausserdem auch immer falsch sein, nichts zu tun. Schlaflose Nächte bereiten mir manchmal unsere Entscheidungen, nicht einzugreifen. Stellt sich danach heraus, dass etwas passiert ist, dann ist das nur schwer erträglich. 

Haben Sie das schon erlebt?

Glücklicherweise nicht. Klar ist: Unsere Gesellschaft praktiziert keine Fehlerkultur mehr. Nehmen Sie den Fall Flach, man kann nicht alles voraussehen. Die Einschätzung im Nachhinein ergab, dass niemand hätte vorhersagen können, dass eine Mutter ihre beiden Kinder erstickt, damit sie nicht fremd platziert werden. Das ist unser Berufsrisiko.

Wieso tun Sie sich das an?

Es gibt aus meiner Sicht kaum einen spannenderen Beruf, wo man so viel Denkbares und Undenkbares sieht. Wir sehen das Gesamtbild von Familien, Wechselwirkungen, wer hat welche Rolle. Die Fehler machen immer wir. Wenn es aber gut kommt, ist es der Verdienst der Betroffenen. Das müssen wir akzeptieren, denn Erfolg im Kindesschutz hängt zum grössten Teil von den Betroffenen selbst ab. Dieser Beruf verlangt Demut und Zurückhaltung.

Die Kesb wird immer wieder öffentlich kritisiert. Wie gehen Sie damit um?

Das Image der Kesb ist nicht gut, weil man immer nur von angeblichen Skandalen in sehr strittigen Angelegenheiten hört. Die machen aber nur einen winzigen Teil unserer Arbeit aus. Die Kritik gehört zu unserer Arbeit. In Familien einzugreifen ist immer ein sensibler Bereich. Der Staat, das Zivilgesetzbuch gibt uns den Auftrag, das nach bestem Wissen und Gewissen nach klaren Voraussetzungen zu tun. Es gehört dazu, dass Medien solche Geschichten aufnehmen, sie sind spannend. Wir können aber nicht den Sachverhalt öffentlich auf den Tisch legen. Und die Kesb ist der einzige Beteiligte, der das Gesamtbild hat.

Hilfe finden Betroffene auch unter www.dureschnufe.ch

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