Diskussion

«Let’s get political»: Büetzerbueben, Rammstein und der Soundtrack zur Rebellion

«Mitten in der Woche»: Martina Stadelmann, Marcel Colomb, Donat Kaufmann, Jennifer Perez, Sandro Bernasconi (v.l.). (zvg / B. Hunziker)

«Mitten in der Woche»: Martina Stadelmann, Marcel Colomb, Donat Kaufmann, Jennifer Perez, Sandro Bernasconi (v.l.). (zvg / B. Hunziker)

Im Rahmen der Reihe «Mitten in der Woche» diskutierte die Basler Musikszene über das Verhältnis von Kunst und Politik.

Das Eröffnungsvotum kommt von Nina Simone: «Es ist als Künstlerin schlicht unverantwortlich, sich nicht politisch zu äussern.» Die Sängerin, die in den Sechzigerjahren ihre Karriere vorübergehend zum Erliegen brachte, weil sie sich politisch radikal geäussert hatte, erscheint überlebensgross auf der Leinwand. Vor ihr sitzen vier Vertreter der Basler Musikszene sowie Sandro Bernasconi, Musik-Chef der Kaserne, der kurzfristig als Moderator eingesprungen ist.

Die Diskussion im gut besuchten Rossstall der Kaserne beginnt am Mittwochabend mit Abgrenzungen zu den politisch aktiven Musikern früherer Generationen: Heute suche man politische Musiker vom Kaliber eines Bob Marley vergebens, heisst es. Die Medienstruktur habe sich gewandelt, weswegen nicht mehr einzelne Figuren so hochstilisiert würden. Dann weitet Martina Stadelmann (Musikredaktorin) den Fokus: Die Klimabewegung sei zwar gross, aber ihr fehle der «Soundtrack zur Rebellion». Marcel Colomb (Bassist der Bitch Queens, politisch aktiv bei Operation Libero und SP) stimmt ihr zu: «Es kommt aktuell viel Bewegung von unten, leider aber nicht aus der Musikszene.»

Donat Kaufmann (Musiker bei One Sentence Supervisor) führt Klimaaktivistin Thunberg an: «Greta ist unser Jimi Hendrix.» Bernasconi, der mit seinen Einwürfen der Gesprächsrunde einen guten Drive verleiht, schlägt vor: «Vielleicht eher unsere Janis Joplin?»

Fehlende Reflexion und eine Regenbogenflagge

Jennifer Perez alias La Nefera ist die Musikerin auf dem Podest, deren politisches Wirken sich wohl am deutlichsten auch in ihrer Kunst manifestiert. Sie wisse, sagt sie, dass sie sich damit angreifbar mache, aber sie könne nicht anders, als über jene Themen zu singen, die sie auch im Alltag beschäftigen. Als Musikbeispiel für ein Vorbild hat sie einen Clip des mosambikanischen Rappers Azagaia im Gepäck. Für ihre Übersetzung des Textes über Korruption und Wassernotstand erntet sie Szenenapplaus.

Stadelmann hat mit Rammsteins «Deutschland» ein Negativbeispiel mitgebracht. Sie erkenne schlicht zu wenig Reflexion in diesem «krass zweideutigen» Song. Colomb widerspricht vehement: Rammstein hätten in Russland unlängst eine Regenbogen-Flagge gehisst: «Das ist eine sehr raffinierte linke Punkband.» Stadelmann kontert, sie glaube nicht, dass viele Fans so reflektiert seien. Einig ist man sich dagegen bei den «Büetzerbueben» Göla und Trauffer, die mehrfach genannt werden und in der Runde auf wenig Gegenliebe stossen. Das Duo führe immerhin vor Augen, so Colomb, was man gerne vergesse: «Musik ist nicht per se links.»

Mehr noch als in Songtexten sehen die Gesprächsteilnehmer nach 90 kurzweiligen Minuten die Wahl der Spielorte als Mittel zur politischen Einflussnahme. Perez erinnert sich an einen Auftritt, bei dem sie vor Ort bemerkt habe, dass das Festival vom Rohstoffhändler Glencore gesponsert sei: «Wir haben trotzdem gespielt – aber mit einem Scheiss-Gefühl.»

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