Die Entscheidung, wie es mit der Tiefengeothermie weitergehen soll, ist auf Ende Jahr verschoben. Bevor die ersten Maschinen im jurassischen Haute-Sorne anfahren, will sich die Regierung eine ausgiebige Bedenkzeit lassen. Dem Regierungsrat liegen nämlich zwei Berichte über das Erdbeben von Pohang vor.

In Südkorea zitterte die Erde am 17. November 2017. Dabei waren erhebliche Schäden entstanden: 57'000 beschädigte Gebäude, 300 Millionen US-Dollar volkswirtschaftliche Kosten, 135 Verletzte. Am 20. März 2019 hat die koreanische Regierung bestätigt, dass das Erdbeben von 5,5 auf der Richterskala durch ein Tiefengeothermie-Projekt ausgelöst wurde.

Der Verdacht fiel schon wenige Tage nach dem Erdbeben auf das Bohrloch in Pohang. Bereits am 20. November 2017 hat der Kanton Jura die Firma Geo-Energie Suisse beauftragt, einen Bericht darüber zu erstellen. Die Schweizer Firma war mit anderen europäischen und koreanischen Konzernen beratend am Projekt in Korea beteiligt. Sie ist auch verantwortlich für die zukünftige Baustelle im Jura, wo ein 4000 bis 5000 Meter tiefes Loch entstehen soll.

Ziel des Unterfangens ist es, Wasser in die warmen Erdschichten zu pumpen. Das Wasser kommt dann wieder zur Oberfläche zurück und wird zur Energieerzeugung verwendet. Geo-Energie Suisse ist ein Konsortium mit wichtigen Akteuren der Energie-Branche, auch die Elektra Baselland und die IWB sind mit dabei.

Nun ist die Zukunft des Projektes ungewiss. Die jurassische Regierung will zunächst den Bericht von Geo-Energie Suisse sowie denjenigen der koreanischen Expertenkommission vom schweizerischen Erdbebendienst prüfen lassen. Die Regierung steht nämlich unter Druck, da die Opposition zunimmt.

Aufschrei der Bevölkerung

Dabei stand dem Projekt zu Beginn scheinbar nichts im Weg. 2014 hatte der Bund das Projekt gutgeheissen, am 15. Juni 2015 wurde der Vertrag zwischen Kanton, der Gemeinde Haute-Sorne und Geo-Energie Suisse unterschrieben.

Widerstand kam zuerst von der Zivilbevölkerung. Eine Gruppe namens Citoyens Responsables Jura um Jack Aubry lancierte 2016 eine Initiative, um Geothermie zu verbieten. Sie sammelten 4250 Unterschriften. Die Initianten befürchten Erdbeben und misstrauen den Berichten der Geothermie-Experten.

Die Initiative kam nie vor das Volk. Rechtsprofessor Etienne Grisel erachtete den Text als verfassungswidrig, weil er gegen das übergeordnete Gesetz, die Energiestrategie 2050 des Bundes, verstosse. Er schrieb auf Auftrag von Geo-Energie Suisse ein Rechtsgutachten, das den Parlamentariern zugesendet wurde. Zwei davon legten Einsprache ein und das Verfassungsgericht folgte Grisels Schlussfolgerung: Es ist verboten, Geothermie zu verbieten. Auch die Einsprüche von Anwohnern des Projektes wurden vom Bundesgericht im November 2018 abgeschmettert.

In den vergangenen Monaten hat der Widerstand dennoch die Politik erreicht. Das Parlament hat am 27. März 2019 eine Motion des Sozialisten Loïc Dobler angenommen, die vorschreibt, dass vor den Bauarbeiten eine breiträumige Bestandsaufnahme von Gebäuden in den umliegenden Gemeinden vorgenommen werden muss. Die Regierung schätzt, dass dies bis zu zehn Millionen Franken kosten würde.

Geo-Energie Suisse betrachtet diese Vorgabe als unmachbar. Zuvor hatte die Legislative am 18. Dezember 2018 beschlossen, dass das Projekt begraben werden solle, doch die Kompetenz einer solchen Entscheidung steht der Exekutive zu. «Volk und Parlament wollen das Projekt nicht mehr», sagt Grossrat Christian Spring (CVP).

Selbst Umweltminister David Eray distanziert sich: «Ich bin nur insofern ein Träger des Projekts, als dass es dem Willen der Bevölkerung entspricht.» Auf Gemeindeebene herrscht ebenfalls Aufruhr. Gérald Steiner (CVP), Präsident des Conseil Général der Gemeinde Haute-Sorne (Legislative), ist fest entschlossen, das Projekt zu verhindern. «Ich will nicht, dass der Kanton Jura für beunruhigende Experimente genutzt wird.»

Das Projekt der letzten Chance

Am Projekt Haute-Sorne hängen alle weitere Vorhaben, mit dieser Technik Strom aus Erdwärme zu erzeugen. Geo-Energie Suisse ist das einzige Unternehmen in der Schweiz, das sich damit beschäftigt. CEO Peter Meier sagte im September dem «Tages-Anzeiger»: «Bei einem Misserfolg werden wir wohl nicht weitermachen.»