Flüchtlings-Drama
Lewands erste Reise: Weshalb Kinder allein fliehen

Der Syrer floh als Kind vor dem Militär. Nach einer mehrwöchigen Schlepperreise kam er in Basel an. Er lebt im Heim, geht zur Schule und sehnt sich nach seiner Mutter.

Martina Rutschmann
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Hier im Wohnheim schaut Lewand oft aus dem Fenster. Was er beim Blick ins Grüne denkt, behält der stille Junge meistens für sich.

Hier im Wohnheim schaut Lewand oft aus dem Fenster. Was er beim Blick ins Grüne denkt, behält der stille Junge meistens für sich.

Kenneth Nars

Der Fernseher bleibt in diesen Tagen aus. Einzig über Facebook informiert sich Lewand* sporadisch über die Geschehnisse in seiner Heimat Syrien. Medienberichte dazu will er nicht sehen. Die Wirklichkeit schmerzt zu sehr.

Sein Vater sei im Gefängnis oder tot, vermutet der 16-Jährige. Er zuckt langsam mit den Schultern, schaut auf seine Hände, die in seinem Schoss liegen. Als er seinen Vater zum letzten Mal sah, drückte ihm dieser ein Bündel mit Kleidern und Geld in die Hand: «Geh, Junge, geh in die Türkei, dort warten sie auf dich.» Lewand ging. Zu Fuss, ohne Begleitung, ohne Glücksbringer. Er war 14 Jahre alt. Hinter der Grenze, die er voller Angst passierte, nahm er einen Bus nach Istanbul. Dort empfingen ihn die Schlepper.

Sie brachten ihn in eine Wohnung, wo bereits weitere kurdische Flüchtlinge aus Syrien und dem Irak auf die Fortsetzung ihrer Reise warteten. Lewand war zuvor noch nie im Ausland gewesen. Familien mit Kindern waren in der Wohnung, Alte; und Leute wie er: Buben, die allein unterwegs sind, um nicht vom Militär eingezogen und in den Krieg geschickt zu werden. Sie kochten gemeinsam, schliefen auf engem Raum, warteten. Lewand weiss nicht, was sein Vater den Schleppern bezahlt hat. Er weiss nur: Für die ganze Familie hätte es niemals gereicht.

Eingepfercht in Booten und Lastern

Er ist das Älteste von fünf Kindern. Mit 14 war er im richtigen Alter für das Militär. Inzwischen ziehen sie auch jüngere Knaben und Mädchen ein. Das erzählt ihm seine Mutter, wenn das Telefonnetz in Syrien gerade funktioniert. Sie erzählt ihm, dass die älteste Schwester inzwischen im Irak geheiratet habe. Sie erzählt ihm, dass die drei kleinen Kinder nicht mehr aus dem Haus gehen können, weil sie auf der Strasse vom Militär eingezogen würden. Lewand kann sich vorstellen, wie es ist, in Angst zu leben. Er hat es selber erfahren. Seine Mutter hingegen hört Geschichten aus einer fremden Welt, wenn ihr Sohn vom Wohnheim (Text rechts) berichtet, wo er zusammen mit Gleichaltrigen aus Sri Lanka, Eritrea und Afghanistan lebt. Lewand teilt sich ein Zimmer mit dem einzigen anderen Syrer. Mit ihm spricht er Kurdisch, mit den anderen Jungen Deutsch.

In Istanbul wartete er 45 Tage, bis er mit Dutzenden anderen Flüchtlingen ein Boot in Richtung Athen bestieg. Die griechische Polizei fing das Schiff ab und schickte es zurück. Beim zweiten Versuch gelang die Flucht. Ob ihm Athen gefallen habe. «Syrien ist schöner. Aber jetzt ist es kaputt.» Er sagt ihn oft, diesen Satz: «Es war schön in Syrien, dann kam der Krieg.» Wie der in seiner Stadt aussah, was er fühlte, wie sich das Leben veränderte – darüber mag Lewand nicht sprechen. Auch über die Flucht erzählt er wenig. «Ich bekam nicht alles mit, ich sah ja kaum etwas.»

Bei Dunkelheit war er in einem Boot eingepfercht und dann, nach weiteren Wochen des Wartens und der Ungewissheit, kauerte er zwei Tage ohne Pause zwischen Warenlieferungen in einem Lieferwagen neben anderen Jungen. Das erste, was er nach Langem sah, waren Häuser, Schafe, Hunde. Lewand landete nach einer zweimonatigen Reise im Niemandsland in Norditalien. Die dritte Schleppergruppe wartete bereits.

Coiffeur traut er sich zu, Uni nicht

In seiner Freizeit spielt der Junge Fussball, er ist Mitglied in einem Club und hat Spass am Sport. Besonders gut sei er aber nicht, sagt er von sich. «Mittelgut vielleicht». Daher sei eine Fussballerkarriere ausgeschlossen. Auch ein Studium traut sich Lewand nicht zu; er glaubt, sein Deutsch werde nie so gut, dass es für die Uni reichen könnte. Sein Wunsch: «Eine Coiffeurlehre wäre toll, das traue ich mir zu, das ist nicht so schwierig.»

Mit dem Taxi seien er und zwei andere Teenager über die Grenze ins Tessin gefahren worden, sagt er – und präzisiert im nächsten Satz: «Eigentlich war es kein Taxi, wie man es hier kennt, sondern ein normales Auto.» In Syrien bezeichne man jegliche Form von Transporten in Autos als Taxi, das Wort sei Gewohnheit. In der Auffangklasse im Leonhard-Schulhaus hat er inzwischen aber gelernt, dass Taxis in der Schweiz Autos sind, die einem nur gegen Bezahlung chauffieren. Das war streng genommen auch so, als ihn die Schlepper über die vorerst letzte Grenze seiner Reise brachten. Bloss hatte der Vater die Fahrt lange im Voraus bezahlt.

Kurz nach Lewands Flucht verschwand der Vater. Seither hat niemand etwas von ihm gehört, niemand hat ihn gesehen. Auch die Mutter nicht. Sollte sie die Erlaubnis erhalten, ihrem Sohn zusammen mit den anderen Kindern in die Schweiz zu folgen, täte sie dies ohne ihren Mann. Lewands Betreuer haben ein Gesuch gestellt. Jeden Morgen geht Lewand zum Briefkasten, jeden Morgen ist er enttäuscht: Das erhoffte Schreiben lag bisher nicht darin. Er wünscht sich, die Mutter bald zu sehen, ihr seine neue Heimat zeigen zu können. Denn er weiss: In der eigentlichen Heimat wird er sie in absehbarer Zeit nicht umarmen können.

«Jeder hat sein Schicksal»

Basel war keine zufällige Wahl. Ein Onkel Lewands lebt mit seiner Familie schon länger hier. Seine Wohnung ist klein, selbst für die eigenen Kinder ist es zu eng. Als Lewand in Basel ankam, holte ihn der Onkel am Bahnhof ab und brachte ihn ins Empfangszentrum. Andere Verwandte leben in Dänemark und Deutschland. Lewand hat sie nicht gesehen, seit er ein kleines Kind war. Mit seinem Aufenthaltsstatus darf er nicht ins Ausland reisen. Ein normaler Pass fehlt ihm.

Auf seiner Reise bekam er immer wieder einen Pass in die Hand gedrückt. «Es waren Fotos von Kindern drin, die mir ähnlich sahen», erzählt er. Die Grenzwächter im Tessin hätten ihn aber nicht danach gefragt. Lewand würde gern einmal einem Grenzwächter den Pass zeigen; seinen eigenen. Er wünscht sich das Stück Papier, wie sich Schweizer Kinder ein iPhone oder teure Turnschuhe wünschen. Ungerechtigkeit empfindet er bei der Tatsache nicht. «Jeder hat sein Schicksal», sagt er. Und klingt ein bisschen so, als glaube er an Gerechtigkeit.

*Name geändert