Frau Gbowee, Sie haben 2011 den Friedensnobelpreis erhalten. Wie hat dieser Ihr Leben verändert?

Leymah Gbowee: Seit der Preisverleihung habe ich viel mehr zu tun. Früher habe ich vor allem in Afrika gearbeitet, hatte keine Beziehung zum Nahen Osten. Heute bin ich auf allen Kontinenten unterwegs. Der Preis hat meine Welt und meine Weltsicht erweitert.

Was heisst Frieden für Sie? Mehr als nur die Abwesenheit von Krieg?

Frieden ist, wenn jeder sein Leben voll ausschöpfen kann. Ein Leben in Würde, ohne Gewalt, Diskriminierung und Unterdrückung. Wenn jeder Bürger in jedem Land seine Träume realisieren kann, unabhängig von Alter, sozialem Status, Glauben oder sexueller Orientierung – das ist Frieden.

Also gibt es eigentlich kein Land, das wirklich Frieden erreicht hat.

Richtig. Die Schweiz wird zwar vom Krieg verschont. Aber auch hier soll man sich fragen: Hat jeder Schweizer Zugang zu Gerechtigkeit? Kann jeder Schweizer morgens aufwachen und einen Traum für seine Zukunft haben, den er auch umsetzen kann?

Den Friedensnobelpreis haben Sie zusammen mit Ellen Johnson-Sirleaf gewonnen, die nun Präsidentin von Liberia ist. Wollen Sie auch irgendwann in die Politik einsteigen?

Ich denke schon, dass ich eine politische Zukunft habe. Aber ich bin jetzt 43 Jahre alt, ich bin noch zu jung für die Politik. Aber noch viel wichtiger ist, dass ich meine jetzige Arbeit liebe. Ich liebe es, mich für soziale Gerechtigkeit zu engagieren. Das hält mich jung.

Sie sagten einst, dass man keine Änderung im Leben der Menschen hervorrufen kann, wenn man sich nicht auf eine höhere Kraft verlässt. Wieso ist Religion dafür wichtig?

Es geht weniger um die Religion als um den Glauben. Wer die Nachrichten schaut, sieht Kriege und Flüchtlingskrisen und möchte am liebsten gar nicht mehr hinhören. Jeden Tag muss man damit klarkommen. Woher nimmt man die Hoffnung, mit der man darüber hinwegkommt?

Als Aktivistin will ich den Menschen, die leiden, Hoffnung weitergeben. Um das zu können, muss ich selber Hoffnung in mir haben und daran glauben. Das verstehe ich unter dem Göttlichen. Für Frieden braucht es Glauben, aber der muss nicht religiös sein. Glauben ist eine persönliche Reise und folgt nicht logischen Regeln. Man kann genausogut an die Gleichheit der Menschen glauben und nicht an Gott.

Einverstanden. Aber Religion ist für viele Konflikte verantwortlich.

Egal, in welchen islamischen, christlichen, buddhistischen oder anderen Texten berühmter Religionen man nachschaut: Überall ist Nächstenliebe die Grundidee. Liebe die Menschen so wie dich selbst. Aber die Menschen leben zurzeit nicht danach. Manche nehmen diese Texte und drehen sie so um, dass sie den egoistischen Wünschen eines Teils der Menschheit dienen. Insofern wird die Religion missbraucht.

Ist die Welt ein besserer oder schlechterer Platz als früher?

Ich würde sagen, die Welt ist ein kritischer Ort. Trotz all der Konflikte zurzeit gibt es auch Positives. Ein Nebeneffekt der Globalisierung ist zum Beispiel, dass man sich über die Situation in weit entfernten Teilen der Welt informieren und sich dann entscheiden kann, ob man etwas gegen die Missstände unternehmen will, die man in den Nachrichten hört. Vor einigen Jahrzehnten war das noch nicht möglich.

Was sagen Sie zum Eingreifen Russlands in Syrien?

Ein Krieg ist eigentlich wie ein Brand. Und wie löscht die Feuerwehr einen Brand? Sie bekämpft das Feuer nicht mit Feuer, sondern mit Wasser, einer kühlen Substanz. Alle Parteien müssen zusammen an den Tisch sitzen.

Was braucht es, bis das passiert? Wieso hat es zum Beispiel in Liberia nach Jahren endlich funktioniert?

Das hat auch mit Erschöpfung zu tun. Irgendwann waren in Liberia wirklich alle vom Krieg betroffen, jeder hat jemanden verloren. Dann ist man zu erschöpft, um dem Kriegstreiben zuzusehen, und stellt sich dagegen. Irgendwann wird auch Europa von der ganzen Flüchtlingskrise erschöpft sein und sich stärker für Frieden in Syrien einsetzen.

Sie engagieren sich auch stark für Frauenrechte. In der Schweiz haben Frauen zwar die gleichen Rechte wie Männer. Doch kürzlich bei den Wahlen wurden wieder viel mehr Männer als Frauen gewählt. Wie erklären Sie sich solche Resultate?

Politik ist in der Praxis ganz anders als auf dem Papier. Ob in der Schweiz, Nigeria oder Ghana: Die Politik wird von denen bestimmt, die viel Geld in ihren Anzügen haben. Haben die Frauen die gleichen finanziellen Ressourcen wie die Männer? Haben die Frauen in ihrer Partei jeweils den gleichen Rückhalt wie die Männer?

Aber es gibt auch noch eine andere Seite: Die Frauen werden in einer Welt sozialisiert, die voller männlicher Politiker ist und in der Frauen nicht die gleiche Rolle zugesprochen wird. Selbst mir sagen immer wieder Frauen: ‹Warum bleibst du nicht zu Hause und schaust für deine Kinder?› Und mein Vater wurde immer wieder gefragt, ob er sich nicht schäme, dass seine Tochter so ein Störenfried sei.