Am Theater Basel ist Sommerpause. Acht Dernieren wurden im Juni noch gespielt. Jetzt sind die Schauspielerinnen und Schauspieler, die Theaterleiter, Dramaturgen und PR-Damen in die Ferien abgerauscht. Im Haus ist es aber nicht still. Beispielsweise im Malsaal: Seit sieben Uhr morgens wird hier gearbeitet.

Der riesige Raum unter den Glaspyramiden bei der Elisabethenkirche wird von Tageslicht durchflutet. Nach der Sommerpause stehen Premieren an. Insgesamt 29 in der Spielzeit 2018/19. Da können nicht alle gleichzeitig Ferien machen.

Andrea Mercan-Eisenring streicht mit einem breiten Pinsel Bretter, die auf Böcken liegen. Daneben eine Batterie von Farbtöpfen und ein Karton mit Farbmustern. «Das ist ein Teil des Bühnenbilds für die Oper ‹Pelléas und Mélisande› von Claude Debussy. Am Ende sollen die Bretter so aussehen, als ob sie von einer verwitterten Stallwand irgendwo im Engadin stammen.»

Hier, in dieser Illusionswerkstatt, geht es um Imitation, darum, Wirklichkeit vorzutäuschen. Ein Handwerk, dass es nur noch an Theater- und Opernhäusern, oder in grossen Filmstudios gibt: das Handwerk der Theatermalerin.

Theater als Family-Affair

Andrea Mercan-Eisenring arbeitet seit 29 Jahren in diesem Malsaal. Angefangen hat es mit einer Postkarte. 1989 besuchte sie als junge Frau noch den Vorkurs der Kunstgewerbeschule in Basel. Auf der Suche nach einem Studentenjob schrieb sie das Theater Basel an. Nicht per Bewerbungsschreiben, sondern eben per Postkarte. Die Antwort kam prompt: Es seien zwar keine Aushilfestellen frei. Aber vielleicht habe sie, als Besucherin des Vorkurses, ja Interesse an einer Lehrstelle im Malsaal. «Schon während der Schnupperwoche war mir klar: Das ist Liebe auf den ersten Blick», erzählt die heute 49-Jährige.

Sie absolvierte die Lehre (siehe Kasten) – und blieb bis heute. «Ich hatte Glück, eine Stelle wurde frei.» Die Postkarte war letztendlich das Eintritts-Ticket zum Traumberuf – und zum idealen Lebensmodell. Von Beginn an konnte Mercan-Eisenring Teilzeit arbeiten. Sie wurde jung Mutter, zog zwei Töchter gross. Ihr Mann, Mahmut Mercan, arbeitet seit 25 Jahren nebenan: als Theatertechniker im Schichtbetrieb. Mittlerweile stehen auch die erwachsenen Töchter auf der Lohnliste des Hauses. Die eine als Ankleiderin, die andere beim Ticketservice. Theater als Family-Affair.

Teil des Gesamtkunstwerks

Beinah jede Oberfläche, die wir Zuschauer im Theater sehen, ging durch die Hände der Theatermalerinnen und -maler. Seien es üppige Verzierungen im Königspalast, Marmorböden, orientalische Wandteppiche oder einfach nur schwarze Wände. Das braucht gutes Handwerk und Wissen. «Man muss sattelfest sein in Kunst-, Stil- und Designgeschichte», sagt Mercan-Eisenring.
In Basel arbeiten zehn Leute im Malsaal. Theaterplastiker und -maler teilen sich 780 Stellenprozent. Die Plastiker liefern den Untergrund, die Maler behandeln die Oberfläche. Gemeinsam bauen sie Illusionswelten aus Styropor, Holz, Metall und Farbe. Die Pläne liefern die Bühnenbildner. «Es gibt nicht mehr viele, die mit Pinsel, Farbe und Stift arbeiten. Die meisten Vorlagen kommen aus dem Fotoshop», erzählt die Malerin. «Wir machen dann Vorschläge, die Bühnenbildner nehmen diese ab. Im besten Fall sind sie dafür auch persönlich da», sagt sie.

Die Malerin hat in den 29 Jahren so manches Bühnenbild umgesetzt und mit vielen Künstlern zusammengearbeitet. Lieblinge will sie nicht unbedingt benennen. «Vielleicht Anna Viebrock, die Bühnenbildnerin von Marthaler. Sie interessiert sich für das Handwerk; sie will wissen, wie ihre Schimmelflecken auf’s Täfer gemalt werden.»

Dass es innerhalb des Gesamtkunstwerks Theater öfters auch «chroset im Getriebe» ist normal. Die Malerin hat Gelassenheit gelernt. Es kann schon mal passieren, dass eine fein marmorierte Wand kurz vor der Premiere simpel grau werden muss, wenn es die Künstler so wollen. Es macht ihr auch nichts aus, dass ihre Werke letztendlich auf dem Müll landen. Bei unserem Rundgang schauen wir kurz zu, wie das Bühnenbild der «Dreigroschenoper» auseinandergesägt wird und in der Mulde landet. «Klar. Das ist Materialverschleiss. Nicht gerade nachhaltig. Aber mir gefällt es, immer wieder bei Null anzufangen.»

Es bleibt spannend

«Früher haben wir den Wald an die Wand gemalt. Heute bauen wir einen Wald.» Mit diesen Worten umschreibt Mercan-Eisenring die Entwicklung des Bühnenbilds in den letzten 30 Jahren. Alles sei grösser geworden, aufwendiger und komplexer. «Die Elektronisierung hat die Sehgewohnheiten verändert. Der Videoscreen ist fester Bestandteil geworden.» Aber gerade das sei interessant. «Heute malen wir beispielsweise eine Struktur, die dann vom Video vervollständigt wird. Das ist sehr spannend.» Wenn man sie so hört, merkt man: Die Liebe auf den ersten Blick hält an.