Was wäre bei einer Fusion beider Basel sinnvollerweise die Hauptstadt des neuen Kantons? Diese Frage ist zehn Wochen vor der Volksabstimmung vom 28. September zwar nicht die bedeutendste, aber eine der am emotionalsten diskutierte. Der Liestaler Stadtpräsident Lukas Ott hat in ein Wespennest gestochen: «Eine kluge und anerkennenswerte Geste wäre, wenn in einem allfälligen Kanton Basel die Hauptstadt-Funktion Liestal zukommen würde», sagte er in einem Interview mit der «Basler Zeitung». Die Kritiker waren rasch zur Stelle – darunter auch Fusionsbefürworter aus dem Baselbiet. Es sei naheliegend und natürlich, dass das wirtschaftliche und kulturelle Zentrum der Region – Basel – auch Hauptort des gleichnamigen Kantons sei, sagte etwa der Baselbieter GLP-Präsident Hector Herzig.

Zentrum muss nicht Hauptort sein

Lukas Ott – als Mitglied des bikantonalen Trägervereins «Ein Basel» ebenfalls ein engagierter Fusionsbefürworter – hält dagegen: «Das Zentrum einer Gebietskörperschaft muss nicht zugleich deren Hauptstadt sein», betont Ott und fügt die Beispiele der Hauptstädte Bellinzona (Kanton Tessin), Wiesbaden (Bundesland Hessen) und Albany (Bundesstaat New York) an. Um Missverständnissen vorzubeugen, fügt er an: «Mir ist klar: Die Hauptort-Frage stellt sich streng genommen noch gar nicht.

Trotzdem ist es für mich als Stadtpräsident von Liestal wichtig, Stellung zu beziehen, wenn ich danach gefragt werde.» Die Idee des Liestaler Stadtpräsidenten kommt in Basel überraschend gut an, vor allem in wirtschaftsnahen Kreisen. Die Frage nach dem Hauptort gelte es frei von Vorurteilen zu prüfen, teilt die Handelskammer beider Basel auf Nachfrage mit. Unmissverständlich ist die Haltung des Basler Gewerbeverbandes: Eine Kantonsfusion müsse unternehmerisch umgesetzt werden, das künftige Staatswesen schlank und effizient sein, sagt Patrick Erny, Projektleiter Politik. Soweit möglich sei die bestehende Infrastruktur zu nutzen. Daraus leitet Erny ab: «In Basel soll die Verwaltung der neu zu schaffenden Stadt Basel, in Liestal jene des vereinigten Kantons Basel angesiedelt werden.»

Modell der Niederlande reizvoll

Beim Gewerbeverband hält man eine Konzentration der Verwaltungstätigkeit in der Stadt für wenig sinnvoll: «Bei einer Fusion muss in Basel zusätzlich eine Stadtverwaltung aufgebaut werden. Wenn die Kantonsverwaltung dann ebenfalls in Basel angesiedelt wird, würde dies zur paradoxen Situation führen, dass die Stadt etliche neue Verwaltungsgebäude bauen muss, während in Liestal ganze Komplexe leer stünden.» Beim Gewerbeverband erhofft man sich, dass «die Überschaubarkeit Liestals auf das staatliche Handeln abfärbt», wie es Erny ausdrückt.

Gleichzeitig stellt er klar: «Uns geht es nicht um die emotionale Frage, welches die Hauptstadt eines fusionierten Kantons ist.» Der formelle Hauptort könne auch Basel sein, sagt Erny und bringt das Modell der Niederlande ins Spiel, wo Amsterdam als offizielle Hauptstadt und Den Haag als Verwaltungszentrum und Regierungssitz fungiert.

Derselben Meinung ist der Basler CVP-Nationalrat Markus Lehmann: «Die Hauptstadtfrage ist ein Luxusproblem, das mich nicht interessiert.» Etwas anderes sei die Frage nach dem Standort der Verwaltung: «Diese gehört raus aus der Stadt in ein Zentrum, wo alles beieinander ist. Am besten stadtnah auf freiem Feld. Die Aussage Lehmanns hat Daniel Ordás in einer bz-Kolumne bereits konkretisiert: Der unkonventionelle Basler SP-Politiker und Anwalt plädiert für die Schaffung eines speziellen Verwaltungsdistrikts ähnlich dem District of Columbia in der US-Hauptstadt Washington.

Ordás schwebt ein Gebiet in der Rheinebene auf Baselbieter Boden vor, wo die kantonale Verwaltung von Grund auf neu entworfen werden kann. In dem neutralen Verwaltungsdistrikt sollen ausschliesslich staatliche Einrichtungen sowie Dienstleister untergebracht werden; wohnen (und wählen!) soll dort niemand.

Basel würde kaum geschwächt

Neben solch hochtrabenden Visionen muten die Ideen von Lukas Ott geradezu bodenständig an. Liestal könnte als Hauptort eines Kantons Basel sowie Sitz einer effizienten Verwaltung markant aufgewertet werden, ohne dass dadurch Basel viel weggenommen werde. «Der Kanton und seine Verwaltung sind für Liestal im Rahmen einer Arealstrategie, welche die beanspruchte Fläche klar begrenzt, nicht etwa ein Hemmer für die Entwicklung, sondern im Gegenteil ein Frequenzbringer.»

Mit anderen Worten: Die Tausenden Kantonsangestellten tragen massgeblich zum guten Angebot in Detailhandel und Gastronomie sowie zur Bedeutung Liestals als öV-Knoten bei. Zöge umgekehrt die Verwaltung weg, wäre das mit einem Aderlass und einer Schwächung des Arbeitsmarktes für Liestal verbunden, gibt Ott zu bedenken. Was bei der ungleich grösseren und wirtschaftlich potenten Stadt Basel kaum der Fall wäre.