Theater Basel
«Love. State. Kosovo»: Basler Regiesseurinnen lernen den jungen Staat kennen

Am renommierten Zürcher Theater Spektakel feiert am kommenden Donnerstag auch eine Basler Produktion seine Uraufführung: «Love. State. Kosovo» von Antje Schupp und Beatrice Fleischlin. Später wird es auch durch den Kosovo touren.

Susanna Petrin
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Beatrice Fleischlin und Antje Schupp proben mit Astrit Ismaili und Labinot Rexhepi (von links) auf dem Dreispitz ihr Kosovo-Stück.

Beatrice Fleischlin und Antje Schupp proben mit Astrit Ismaili und Labinot Rexhepi (von links) auf dem Dreispitz ihr Kosovo-Stück.

Kosovo. Das Wort klinge nach «Krisenherd und zahnlosen Alten», nach Trostlosigkeit, beginnt der Pressetext zu einem neuen Theaterstück. Kosovo. So nah – und doch so fern wie der Mond.

Ein europäisches Land, das trotzdem kaum ein Schweizer aus eigener Reiseerfahrung kennt. Dabei ist Prishtina nur 130 Easy-Jet-Minuten von Basel entfernt. Doch wer weiss, wo es genau liegt? Wie die Menschen dort wirklich sind? Was dort aktuell so läuft?

«Wir waren neugierig und wollten mehr erfahren», sagen die in Basel wohnhaften Theaterschaffenden Beatrice Fleischlin und Antje Schupp.

Sie flogen hin, lernten Land und Leute persönlich kennen, recherchierten monatelang die Geschichte, die Politik, die sozialen Strukturen des Kosovo. «Letzten Sommer haben wir begonnen. Wir haben versucht, unseren eigenen Weg durch das Land zu finden», erzählen sie. «Es war ein langer Prozess.»

Die beiden «Baslerinnen» (Schupp hat streng genommen die deutsche Staatsbürgerschaft) trafen bei ihren Erkundungen zwei junge kosovo-albanische Theaterschaffende, die gut zum Projekt passten: den Performer Astrit Ismaili und den Tänzer Labinot Rexhepi.

Zu viert erarbeiten sie nun das Theaterstück über den Neustart eines Staates, über Selbstfindungs- und Identitätsfragen und über ihr gegenseitiges Kennenlernen. Es heisst «Love. State. Kosovo.»

Energie und Optimismus

Die beiden künstlerischen Leiterinnen haben sich ein wenig in den Kosovo verliebt. Fremde Menschen zeigten sich dort spontan bereit, sie tagelang in der Gegend herumzuchauffieren. Statt Schwere und Depression fanden sie Energie und Optimismus. Statt kopftuchtragenden Alten sexy junge Frauen. «Ich fühlte mich so underdressed», sagt Beatrice Fleischlin.

Erstaunt waren sie auch über die vielen modernen Cafés, Festivals, Clubs – und all die jungen Leute! Der Altersdurchschnitt im Kosovo ist 27. «In Pristina sind alle etwa in unserem Alter», sagt Schupp.

Im Alltag merke man es kaum. Aber natürlich ist auch der Krieg noch präsent, natürlich ist vieles problematisch. «Ich war sieben Jahre alt während des Kosovo-Kriegs», sagt Performer Astrit Ismaili, «aber ich erinnere mich noch an fast alles, auch wenn ich nicht alles verstanden habe. Wir haben aber aufgehört, über den Krieg zu sprechen.» Wir wollen «keine traurige Geschichte» erzählen, sagt er. «Der Kosovo ist keine traurige Geschichte mehr.»

Aber immer noch eine komplizierte. «Es wäre unmöglich, ein objektives Stück über die Politik im Kosovo zu machen; dafür bräuchten wir mindestens acht Stunden», sagen Fleischlin und Schupp.

Statt eines politischen hat das Team einen mehrheitlich persönlichen Ansatz gewählt. Sie nähern sich über ihre eigenen Geschichten einander an. «Wir möchten die Gefühle der Zuschauer wecken und die Welt über Gefühle darstellen; das ist die Sprache, die jeder versteht», sagt Ismaili.

Den ganzen Juni haben die vier in Prishtina geprobt. Sie verständigen sich auf Englisch, obschon Antje Schupp erstaunlich viel Albanisch aufgeschnappt hat. Jetzt feilen sie in Basel weiter an ihrer Performance.

Am 29. August ist die Uraufführung am Zürcher Theater-Spektakel, im Oktober folgen Aufführungen an der Kaserne Basel und im Kosovo. Der bz haben die vier im heissen Proberaum auf dem Dreispitz-Areal eine Kostprobe ihres Theaters gegeben.

Von null anfangen – wie der Kosovo

«Leider noch ohne Kostüme», sagt Fleischlin. «Ich hab meins dabei», sagt Astrit Ismaili. Es ist seine Unterhose. Die zieht er, kaum hat die kurze Probe begonnen, unter Protestrufen der anderen auch noch aus. «Ich möchte wirklich von null anfangen», sagt er. Von vorn, wie der Kosovo also.

Mit seinem Charme kann der 22-jährige Kosovare fast alles wettmachen. Überhaupt spürt man bereits bei den Proben die Neugier, Frische und Lust der vier Theatermacher am Thema. Ismaili hängt sich zwei Holzplatten um die Hüfte: «Meine Grossmutter war ein Tisch», erzählt er, «mit 17 Jahren heiratete sie einen Mann, den sie zuvor nie getroffen hatte.

Ihr ganzes Leben lang musste sie Menschen bedienen. Sie ist jetzt 97. Aber sie hat nie aufgehört zu träumen.» Der Enkel hat sie nun beim Singen gefilmt und projiziert diesen Film auf der Theaterbühne. Ein Traum der Grossmutter wird nun wahr. Ein berührender Moment.

Labinot Rexhepi preist die Qualitäten der kosovarischen Männer an. Beatrice Fleischlin nimmt als Ausgangspunkt für ihre Annäherung an den Kosovo die Geschichte ihrer Kindheit mit acht Geschwistern auf einem Bauernhof und der Flucht aus dieser für sie zu engen Welt. Antje Schupp ist für die seriösen Fakten über den Kosovo zuständig: Sie klärt auf über die Ethnien, Sprachen, die Flagge, die Geografie.

Genau so, wie die vier sich langsam näher kommen – im Leben und auf der Bühne –, sollen die Stereotypen über den Kosovo und seine Einwohner einem differenzierteren Bild weichen. Rexhepi und Ismaili waren geschockt, als sie erst kürzlich vom schlechten Ruf der Kosovaren hierzulande erfuhren. «Plötzlich musste ich mich für Sachen verteidigen, von deren Existenz ich zuvor nicht einmal gewusst hatte», erzählt Ismaili.

Und was hat die beiden Kosovaren eigentlich an der Schweiz erstaunt? Dass Tram, Bus und Autos auf derselben Strasse verkehren und es trotzdem kaum zu Stau und anderen Problemen komme, sagt Labinot Rexhepi. Und dass die öffentlichen Toiletten so sauber seien.

Etwas habe ihn ganz besonders erstaunt, sagt Ismaili und zeigt aus dem Fenster auf die Oslostrasse: «Die Aussicht auf der Baustelle hier!» Da komme er aus einem Land, das ständig «under construction» sei und finde sich in der Schweiz auf einer enormen Baustelle wieder. Die vier lachen.

Love. State. Kosovo. Theater-Spektakel Zürich, 29. August Uraufführung.
Kaserne Basel, 18.–25. Oktober