«Ich wollte eigentlich nie Mutter werden», sagt Lucia – und zieht ihrer Tochter die rosa Stiefelchen an. Es ist 7 Uhr. Die zweijährige Lucy ist alles andere als ein Morgenmuffel. Sie spielt mit ihrem ‹Bäbi› und versucht sich mit ihrem Leuchtmikrofon als Sängerin, während die Mama ihre widerspenstige Lockenpracht mit einem Spray bändigt und sie dann zu einem Zopf bindet.

Früh aufzustehen, ist für Mutter und Tochter Alltag. Täglich bringt Lucia die kleine Lucy ins Tagesheim, um sich in Ruhe um eine Lehrstelle bemühen zu können. Lucia besucht Kurse des Vereins Amie, zusammen mit Müttern, die wie sie jung sind und keine Ausbildung haben. Hätte man ihr vor zwei Jahren gesagt, dass sie einmal in dieser Situation sein werde – sie hätte gelacht. Lucia ist zwanzig Jahre alt. Sie lebt mit Lucy, einem guten Freund und vier Katzen in der Baselbieter Kantonshauptstadt Liestal. Es ist eine Wohngemeinschaft mit Einkaufsliste am Eingang und getrennten Bädern.

Lucia zog erst vor kurzem hierher, in Basel fand sie keine Wohnung. Lucys Vater hat die kleine Familie verlassen, als sie noch ein Säugling war. «Es war ihm zu viel», sagt Lucia. Dreieinhalb Jahre waren sie und Lucys Vater ein Paar. Sie hatten sich über eine gemeinsame Freundin kennen gelernt, es funkte sofort. Trotz Distanz hielt die Liebe. Er besuchte Lucia oft in Basel, sie fuhr regelmässig zu ihm nach Nordrhein-Westfalen.

Wünscht sich Nähe zum Vater

Lucia hofft, dass ihr Ex-Freund seine Meinung eines Tages ändern und wenigstens den Kontakt zur gemeinsamen Tochter suchen wird. Sie will nicht, dass ihre Kleine wie sie selbst ohne Nähe zum Vater aufwächst. Überhaupt wünscht sie sich eine bessere Kindheit und Jugend für Lucy, als sie sie selbst hatte. Sie möchte ihrer Tochter Geborgenheit geben und sie unterstützen. «Die Zeit, die wir zusammen verbringen können, möchte ich richtig auskosten.»

Es ist ein steiler Hang, der zum Tagesheim führt. Lucia stösst den Kinderwagen routiniert vor sich her und redet dazu, ohne zu keuchen. «Wenn die Kinder im Tagesheim frei spielen dürfen, fährt Lucy ihre Puppe im Stubenwagen umher», erzählt sie. «Die Puppe muss immer bei ihr sein.» Es ist stockdunkel und kalt.

Auf dem Kinderwagen-Parkplatz hebt sie Lucy aus dem Wagen und nimmt sie bei der Hand. Sie betreten das Tagesheim durch den Keller, wo sich die Garderobe befindet. «Füsschen bitte», sagt Lucia und zieht Lucy die Stiefelchen aus. Ihre Finken liegen schon parat. «Schlüpf hinein.» Lucy tut, was die Mama sagt. Oben vor dem Spielzimmer übergibt die junge Mutter ihr Kind einer gleichaltrigen Frau.

Wird für Betreuerin gehalten

«Mit den Angestellten verstehe ich mich gut», sagt Lucia, «bloss mit den anderen Eltern kann ich nicht viel anfangen.» Als sie Lucy zum ersten Mal hierhergebracht hat, fragte ein Vater: «Sind Sie neu hier?» Er dachte, Lucia sei eine Angestellte. «Ich passe nicht ins Bild, aber das stört mich nicht.» Zum Abschied gibt Lucy ihrer Mutter ein Küsschen auf die Wange.
Lucia hätte sich gegen das Baby entschieden. Aber es war zu spät. «Ich habe erst im siebten Monat erfahren, dass ich schwanger bin», sagt sie. Vorher habe sie gespürt, dass etwas anders war. «Ich wollte es aber nicht wahrhaben.» Die Periode sei nie ausgeblieben, bloss das Gefühl sei anders gewesen. «Kaum war klar, was los ist, wurde mir übel – und der Bauch, der wurde auch plötzlich ganz rund.»

Lucia wuchs ohne Vater auf. Die Eltern haben sich getrennt, als die Kinder klein waren. Sie sahen sich nur selten. «Trotzdem hätte ich mir gewünscht, dass mein Vater seine Enkelin wenigstens einmal im Arm gehalten hätte.» Doch er starb, bevor es so weit kam. «Wenigstens hat er ein Foto von Lucy gesehen, bevor er ging.» Die schwangere Tochter sah er indes nie. Das letzte Telefongespräch mit ihrem Vater führte Lucia an ihrem achtzehnten Geburtstag. Sie sagte ihm nichts von der Schwangerschaft. Kurz nach dem Geburtstag wurde sie wegen Komplikationen frühzeitig ins Spital eingeliefert. «Ich konnte nur noch mit dem Rollstuhl auf die Toilette», erinnert sie sich.

Zu diesem Zeitpunkt war für sie klar, dass sie das Baby direkt nach der Geburt in eine Pflegefamilie geben würde. Alles war schon aufgegleist, die Pflegefamilie freute sich auf den Familienzuwachs. «Als Lucy aber da war, blies ich alles ab. Ich hätte sie niemals weggeben können. Das Gefühl, das eigene Kind im Arm zu halten, ist unbeschreiblich. Unbeschreiblich schön.» Die Pflegefamilie sei nicht erstaunt gewesen über ihre Entscheidung.

Lehrstellen-Suche im Detailhandel

Lucia sagt über sich selbst, sie sei ein wilder Teenager gewesen. «Ich fiel schon mit dreizehn durch mein Äusseres auf», erzählt sie. Blau gefärbtes Haar, Piercings im Gesicht, dunkle Kleidung. In der Schule in Basel sei sie gemobbt worden. «Ich habe sehr gelitten, bloss hat das niemand in meinem Umfeld gemerkt.» Sie habe alles mit sich selbst ausgemacht, sich abgegrenzt, wenige Freundschaften geschlossen. «Ich war eine Aussenseiterin.» Als die Mutter mit ihr und ihren beiden Brüdern in ein Dorf bei Luzern zog, wurde es nicht besser. «Die hatten noch nie jemanden wie mich gesehen. Ich glaube, sie fanden mich unheimlich.»

Inzwischen trägt Lucia die Haare schwarz und wirkt mit ihrer zierlichen Figur und dem Kind an der Hand alles andere als unheimlich. Die Piercings hat sie von zehn auf acht reduziert, neulich hat sie sich ihr erstes Tattoo stechen lassen. «Lucy», steht auf ihrem Bauch. «Dieses Tattoo werde ich nie bereuen», sagt sie. Täglich hofft Lucia auf einen positiven Bescheid. Doch bisher hat sie noch nichts gehört. Vor einigen Wochen hat sie in einem Schuhgeschäft geschnuppert – das erste Mal überhaupt geschnuppert. Der Detailhandel entspreche ihr, weil da immer was los sei. «In einem Büro hingegen würde ich eingehen», sagt sie. Trotz zahlreicher Bewerbungen wurde sie erst zu zwei Gesprächen eingeladen.

«Ich denke, alleinerziehende Mütter gelten als unzuverlässig, weil alle meinen, sie müssten sich ständig um das kranke Kind kümmern und würden oft fehlen. Leider habe ich bisher kaum die Gelegenheit bekommen, mich zu erklären.» Im kommenden Sommer will sie um jeden Preis eine Lehre beginnen.

Lucias Mutter ist mit zweiundvierzig Jahren selbst noch nicht alt. Entsprechend sieht sie sich auch nicht als klassische Grossmutter. «Wenn ich ihre Hilfe wirklich brauche, ist sie da», sagt Lucia. Während der Schnupperwoche etwa habe sie Lucy vom Tagesheim abgeholt und sie ins Bett gebracht. «Diese Tage waren nicht leicht für mich, ich sah Lucy ja kaum.» Ihr sei aber klar, dass sie sich bei einer allfälligen Lehre im Detailhandel an solche Situationen gewöhnen muss. «Es geht leider nicht anders.»

Schnell weg von der Sozialhilfe

Lucia ist keine naive Träumerin, Träume hat sie dennoch. Gern würde sie sich eines Tages zur Piercerin ausbilden lassen und mit einer Freundin ein Studio eröffnen. Ihre Freundin ist Tätowiererin. Ein eigenes Geschäft mit ihr zusammen – das wäre für Lucia das Grösste. «Realistischerweise werde ich in zehn Jahren aber in einem Laden angestellt sein, um mich und Lucy selbst versorgen zu können», sagt sie. Der Sozialhilfe ist sie dankbar, dass sie ihr jetzt hilft, unangenehm sei diese Abhängigkeit aber dennoch. Andere Frauen in derselben Situation zu kennen, mache es leichter.

Freunde haben sich abgewandt

Von den wenigen Freunden, die Lucia hatte, haben sich die meisten von ihr abgewandt, als Lucy zur Welt kam. «Ich verstehe nicht, weshalb jemand wegen so etwas den Kontakt abbricht – gleichzeitig pfeife ich auf solche Leute», sagt sie. Ihre einstige Aussenseiterrolle hat Lucia stark gemacht. Sie strahlt Ruhe aus bei allem, was sie tut. Sie ist eine liebende Mutter.
Lucia, die nie Kinder wollte, könnte sich inzwischen sogar vorstellen, eines Tages wieder schwanger zu werden – gewollt. «Für Lucy wäre es bestimmt schön, mit einem Geschwisterchen aufzuwachsen», sagt sie. Doch dafür brauche es den richtigen Mann. «Im Moment habe ich kaum Zeit für eine Beziehung», sagt sie. «Aber das eilt ja nicht. Ich bin schliesslich erst zwanzig Jahre alt.»