Nun ist es amtlich: Martin Lüchinger tritt als Präsident der Basler SP auf deren Jahresversammlung Ende April zurück. Dies hat er gestern Abend an der Sitzung des Parteivorstands mitgeteilt. Typisch Lüchinger: Der 56-Jährige nimmt so Abschied, wie er die wählerstärkste Basler Partei die letzten vier Jahre geführt hat: ruhig, ohne grosse Inszenierung und mit einer gewissen Eigenwilligkeit. Der gebürtige Aargauer lässt sich weder von seinen Parteikollegen noch von den Medien die Agenda diktieren.

Nach dem Wahlerfolg am 28. Oktober 2012 hatte Lüchinger einen Entscheid über seine Zukunft auf Ende Jahr in Aussicht gestellt. Als dann der 31. Dezember verstrichen war und der SP-Chef noch immer nicht informiert hatte, fragten sich nicht nur Medien, sondern auch Parteifreunde: «Wann entscheidet er sich denn?»

Keiner, der auf den Tisch klopft

Lüchinger hätte den Schwung der gewonnenen Wahlen ausnutzen und noch ein oder zwei Jahre anhängen können. Doch nun sagt Lüchinger zur bz: «Vier Jahre sind eine gute Zeit, um seine Ziele zu verwirklichen.» Er möchte neuen Kräften ermöglichen, sich mindestens während einer vollen Legislatur mit kantonalen und nationalen Wahlen zu profilieren. «Meinem Nachfolger oder meiner Nachfolgerin übergebe ich die Partei in gestärktem Zustand.»

Zu Beginn seiner Zeit als SP-Chef gab es Irritationen: Der leise Umweltingenieur in Staatsdiensten preschte nicht mit forschen Positionen vor, sondern trat in erster Linie als Moderator auf; den Exponenten liess er viel Raum, sich selber zu profilieren. «Auf den Tisch zu klopfen, ist nicht mein Stil», hat Lüchinger seit Amtsantritt immer wieder betont.

Für seine Kritiker verkörperte Lüchinger eine SP, die aufgrund ihrer Stärke satt und träge geworden ist. Dass im Laissez-faire Qualitäten liegen, sahen selbst Parteifreunde spät. Zum Beispiel schenkte Lüchinger den Juso das Vertrauen und liess ihnen viele Freiheiten. Resultat: Die abtretende Juso-Chefin Sarah Wyss konnte sich mit öffentlichkeitswirksamen Aktionen profilieren und ist am 28. Oktober prompt in den Grossen Rat gewählt worden. Auch weitere Juso-Mitglieder schnitten damals gut ab und haben beste Chancen, irgendwann in der am 1. Februar beginnenden Legislatur nachzurücken. «Martin hat viel für uns Junge gemacht und uns viel ermöglicht», lobt Wyss den abtretenden Präsidenten. Zudem hat die Jungpartei in den letzten Jahren stark an Mitgliedern zugelegt.

Steuerabstimmung ohne Lüchinger

Lüchingers Zurückhaltung machte sich auch in der Referendumsabstimmung über die Unternehmenssteuern im letzten Juni bezahlt: Mancher Politbeobachter sah Ungemach auf die Sozialdemokraten zukommen, weil diese kurz vor den Wahlen gegen ihre eigene Finanzdirektorin Eva Herzog in den Abstimmungskampf zogen. Lüchinger bezog damals kaum öffentlich Stellung; seine Rolle beschränkte sich darauf, die SP trotz der Meinungsverschiedenheiten öffentlich nicht als gespaltene Partei dastehen zu lassen. Der Rest ist eine Erfolgsgeschichte: Die SP legte bei den Wahlen um 2,5 Prozentpunkte zu und erzielte das zweitbeste Ergebnis seit 1947; Eva Herzog wurde trotz Niederlage in der Steuerabstimmung mit dem besten persönlichen Resultat aller Kandidierenden im Amt bestätigt. Als Erfolg verbuchen darf Lüchinger auch die Wahlen 2011 in den Bürgergemeinderat und die Gerichtspräsidien, bei denen die SP mit historischen Höchstresultaten abschnitt.

Lüchingers Gelassenheit wirkte zudem dämpfend auf die Kritik des linken SP-Flügels, die eigenen Regierungsräte verfolgten einen zu bürgerlichen Kurs. «Ich finde es wichtig, dass die grösste Partei ein gutes Einvernehmen zur Regierung pflegt», sagt Lüchinger. Bei den Nationalratswahlen im Herbst 2011 wurde die Gelassenheit allerdings zur Hypothek: «Wir haben zu wenig Elan an den Tag gelegt», analysiert Lüchinger die Wahlen, die in einem Wählerverlust von 6,6 Prozentpunkten gipfelten. Die SP stieg damals mit zwei Bisherigen ins Rennen, die Aussichten auf einen dritten Sitz waren gering. Deshalb war die interne Konkurrenz gering.

Teilweise fehlte das Feinsensorium

Klar ist: Eine grosse, staatstragende Partei wie die SP zu führen, ist kein Zuckerschlecken. Die Ansprüche an den Präsidenten sind hoch: «Die Basler SP muss Antworten haben, wenn es in der Stadt irgendwo brennt. In dieser Verantwortung stehen wir.» Allerdings fehlte es ihm selber bei Stellungnahmen zu heiklen Themen teilweise am politischen Feinsensorium: So forderte Lüchinger mitten im Abstimmungskampf um die Theater-Subventionen aus dem Baselbiet, bei einem Nein müsse man über höhere Ticketpreise für ausserkantonale Theaterbesucher reden. Im emotionalen Abstimmungskampf war das wenig hilfreich für die Sache der Theater-Befürworter.

Oder als Lüchinger 2010 damit drohte, bei einem Nein zu höheren Kaserne-Subventionen dem Ausbau des Kunstmuseums die Unterstützung zu versagen, handelte er sich den Vorwurf ein, einen Keil zwischen der bürgerlich etablierten und der alternativen Kultur treiben zu wollen. Die wenigen kontroversen Stellungnahmen sagen einiges aus über den Menschen Martin Lüchinger: Ein angepasster Cüpli-Linker ist aus ihm trotz Aufstieg in der Politik nicht geworden. Auch mit 56 beweist Lüchinger Nähe zur Umweltschützer- und Alternativszene, welcher er entstammt. Diese eigene Einschätzung fasst die politische Tätigkeit Lüchingers gut zusammen: «Ich bin mir selber immer treu geblieben.»

Noch nie war eine Frau Präsidentin der Basler SP - Die bz nennt vier mögliche Kandidatinnen 

• Stärken: König politisiert seit acht Jahren im Grossen Rat. Parteiintern ist sie beliebt, engagiert und politisiert voll auf der Parteilinie. Letzten Sommer führte sie erfolgreich die Abstimmungskampagne gegen Steuererleichterungen für Firmen. König gibt Ende Legislatur das Präsidium der Geschäftsprüfungskommission ab, was Ressourcen freimacht.• Handicap: Mit 55 Jahren gilt König sicher nicht als Nachwuchshoffnung. Als Mitglied des Ratsbüros aspiriert König zudem als nächste Grossratspräsidentin der Genossen, was kein Hinderungsgrund fürs Parteipräsidium, aber doch ein Handicap ist.• Chancen: Sehr gut. DominiqueKönig geniesst in der Partei breiten Rückhalt und hat kaum Feinde. Ihre Wahl würde allgemein begrüsst.

Dominique König-Lüdin, Grossrätin, Noch-Präsidentin der GPK

• Stärken: König politisiert seit acht Jahren im Grossen Rat. Parteiintern ist sie beliebt, engagiert und politisiert voll auf der Parteilinie. Letzten Sommer führte sie erfolgreich die Abstimmungskampagne gegen Steuererleichterungen für Firmen. König gibt Ende Legislatur das Präsidium der Geschäftsprüfungskommission ab, was Ressourcen freimacht.• Handicap: Mit 55 Jahren gilt König sicher nicht als Nachwuchshoffnung. Als Mitglied des Ratsbüros aspiriert König zudem als nächste Grossratspräsidentin der Genossen, was kein Hinderungsgrund fürs Parteipräsidium, aber doch ein Handicap ist.• Chancen: Sehr gut. DominiqueKönig geniesst in der Partei breiten Rückhalt und hat kaum Feinde. Ihre Wahl würde allgemein begrüsst.

• Stärken: Als Fraktionspräsidentin im Grossen Rat sitzt sie bereits heute im Machtzentrum der Basler SP. Das Wort derJuristin hat Gewicht. Soland ist zudem hervorragend vernetzt. Sie gehört mit Sicherheit zu den profiliertesten SP-Exponentinnen im Stadtkanton. Sie gilt als gewieft, machtbewusst und ambitioniert.• Handicap: Ist eher eine Strategin als eine Repräsentantin. Die 37-Jährige kann auch mal hart und undiplomatisch auftreten. Mit ihrer launischen Art gegenüber den Medien ist sie schon mehrmals ins Fettnäpfchen getreten. Sie könnte das Präsidium eher als Last empfinden.• Chancen: Gut – sofern für sie das Amt der Parteipräsidentin überhaupt infrage kommt.

Tanja Soland, Grossrätin, SP-Fraktionspräsidentin

• Stärken: Als Fraktionspräsidentin im Grossen Rat sitzt sie bereits heute im Machtzentrum der Basler SP. Das Wort derJuristin hat Gewicht. Soland ist zudem hervorragend vernetzt. Sie gehört mit Sicherheit zu den profiliertesten SP-Exponentinnen im Stadtkanton. Sie gilt als gewieft, machtbewusst und ambitioniert.• Handicap: Ist eher eine Strategin als eine Repräsentantin. Die 37-Jährige kann auch mal hart und undiplomatisch auftreten. Mit ihrer launischen Art gegenüber den Medien ist sie schon mehrmals ins Fettnäpfchen getreten. Sie könnte das Präsidium eher als Last empfinden.• Chancen: Gut – sofern für sie das Amt der Parteipräsidentin überhaupt infrage kommt.

• Stärken: Profitiert vom Überfliegerbonus: Schaffte am 28. Oktober die Wahl in den Grossen Rat, in dem sie künftig die jüngste Vertreterin sein wird. Als Präsidentin der Juso gab sie der Jungpartei ein unverwechselbares Profil. Wyss ist ambitioniert und verfügt über viele prominente Fürsprecher – zum Beispiel Grossratspräsident Daniel Goepfert.• Handicap: Ist in der Vergangenheit mit aufsehenerregenden Aktionen teilweise über das Ziel hinausgeschossen. Wyss eckt vielerorts an. Wyss steht in der Partei weit links. Mit 24 Jahren zu jung für das Amt.• Chancen: Eher gering. Zum jetzigen Zeitpunkt wäre eine Wahl von Sarah Wyss kühn – was viele Genossen wissen. Ist aber sicher die grosse Nachwuchshoffnung in der Partei.

Sarah Wyss, Neo-Grossrätin, Noch-Juso-Präsidentin

• Stärken: Profitiert vom Überfliegerbonus: Schaffte am 28. Oktober die Wahl in den Grossen Rat, in dem sie künftig die jüngste Vertreterin sein wird. Als Präsidentin der Juso gab sie der Jungpartei ein unverwechselbares Profil. Wyss ist ambitioniert und verfügt über viele prominente Fürsprecher – zum Beispiel Grossratspräsident Daniel Goepfert.• Handicap: Ist in der Vergangenheit mit aufsehenerregenden Aktionen teilweise über das Ziel hinausgeschossen. Wyss eckt vielerorts an. Wyss steht in der Partei weit links. Mit 24 Jahren zu jung für das Amt.• Chancen: Eher gering. Zum jetzigen Zeitpunkt wäre eine Wahl von Sarah Wyss kühn – was viele Genossen wissen. Ist aber sicher die grosse Nachwuchshoffnung in der Partei.

• Stärken: Die Neo-Grossrätin und Präsidentin der SP-Fraktion im Bürgergemeinderat wird in den Medien und von Parteikollegen immer wieder als Geheimtipp gehandelt. Die 44-Jährige ist noch nicht so tief in parteiinterne Auseinandersetzungen verwickelt. Hat ein gewinnendes, freundliches Naturell.• Handicap: Im Vergleich zu anderen SP-Frauen eher wenig bekannt. Ihr politisches Profil ist deshalb unscharf. Kaufmann hat nach eigenen Angaben keine Ambitionen auf das Präsidium.• Chancen: Sehr klein. Kaufmann verneint glaubhaft, selber ein Interesse am Präsidium zu haben. Bei anderslautenden Berichten in den Medien sei sie falsch zitiert worden. Priorität habe für sie, sich in den Grossratsbetrieb einzuarbeiten.

Danielle Kaufmann, Neo-Grossrätin, Bürgergemeinderätin

• Stärken: Die Neo-Grossrätin und Präsidentin der SP-Fraktion im Bürgergemeinderat wird in den Medien und von Parteikollegen immer wieder als Geheimtipp gehandelt. Die 44-Jährige ist noch nicht so tief in parteiinterne Auseinandersetzungen verwickelt. Hat ein gewinnendes, freundliches Naturell.• Handicap: Im Vergleich zu anderen SP-Frauen eher wenig bekannt. Ihr politisches Profil ist deshalb unscharf. Kaufmann hat nach eigenen Angaben keine Ambitionen auf das Präsidium.• Chancen: Sehr klein. Kaufmann verneint glaubhaft, selber ein Interesse am Präsidium zu haben. Bei anderslautenden Berichten in den Medien sei sie falsch zitiert worden. Priorität habe für sie, sich in den Grossratsbetrieb einzuarbeiten.