Kulturförderpreis

Lukas Huber: «Ich möchte den vertrauten Boden zum Beben bringen»

Lukas Huber hinterfragt als Teamplayer die angestammte Rolle des klassischen Komponisten.

Lukas Huber hinterfragt als Teamplayer die angestammte Rolle des klassischen Komponisten.

Der Komponist und Medienkünstler Lukas Huber erhält am 2. Mai den Basler Kulturförderpreis 2017. Wir haben mit ihm über seine Arbeit gesprochen.

Lukas Huber macht es sich nicht einfach. Als Komponist könnte er eigentlich den Alleinherrscher spielen. Was er schriebe, müsste gespielt werden. Sein Bleistift wäre Gesetz. Doch diese Herangehensweise hält er für falsch. Er ist nicht der Typ, der schöne Melodien im Kopf hört und diese dann aufschreibt.

Vielmehr möchte er mit den typischen Rollenverteilungen brechen. Für den gebürtigen Breitenbacher gibt es nicht «meine» oder «deine» Idee. Alles entsteht im gegenseitigen Austausch, im kollektiven Prozess, wie in einer Rockband eben.

Der Dialog ist ihm wichtig, das fällt auch im Gespräch mit ihm auf. Fragen beantwortet er nicht absolut. Er sucht vielmehr permanent nach Antworten, wägt seine Worte ab, versichert sich beim Gesprächspartner: «Kann man das so sagen?» Lukas Huber ist weit entfernt vom egozentrischen Komponisten-Klischee im stillen Kämmerlein.

Wer sich seiner Wohnung im Kleinbasel nähert, hört schon von Weitem die dröhnenden Bässe. Es ist ein sonniger Tag, das Fenster im Erdgeschoss ist angelehnt, drinnen ist die Anlage aufgedreht. Huber hört Evelin Trouble und sprudelt vor Energie. Er will draussen am Rhein sitzen und sucht hektisch seine Sachen zusammen. Am Abend muss er noch nach Lausanne, dort soll in wenigen Tagen am Théâtre Vidy das «Fleischstück» gespielt werden, wie er es nennt.

Kritik für Provokation

«Requiem for a piece of meat» ist das jüngste Projekt, bei dem Lukas Huber mitgewirkt hat. Es wurde Anfang April auch im Gare du Nord gezeigt. Für Konzept, Regie und Choreografie ist Daniel Hellmann verantwortlich. Lukas Huber war für Musik und Sound-Design zuständig.

Das Stück soll auf die Rechte von Tieren aufmerksam machen und wurde recht kritisch aufgenommen. Die NZZ stellte fest, Hellmann versuche «Leiden am Leben in hässliche, provokative Szenen, wilden Tanz und schönen Gesang zu fassen», und summiert die Aussage des Stücks lakonisch: «Fleisch sind wir alle, schreit das Stück. Na – und?».

Das Theater Chur ebenso wie das Nationaltheater Mannheim, die das Stück erst mitproduziert haben, nahmen es nach der Premiere in der Gessnerallee aus künstlerischen Gründen vom Spielplan. Die Provokationen gingen wohl zu weit.

Die Schamgrenze war überschritten. Huber sieht das Problem im Kontext: «Im Stadttheater-Rahmen funktioniert das Stück nicht.» Entmutigt sieht er sich dadurch ganz und gar nicht. Solche Erfahrungen gehören für ihn dazu, wenn man, wie er, nach neuen Wegen sucht. Trial and Error.

Man muss zuhören

Auch im letzten Jahr hat er bereits etwas Ähnliches erlebt. Er erhielt einen Kompositionsauftrag von der Basel Sinfonietta, ein Werk für grosses Orchester zu schreiben. Dabei sah er sich in eine Rolle hineingedrängt und mit Erwartungen konfrontiert, die er zu erfüllen versuchte, was jedoch nicht wirklich gelang.

Er beschreibt rückblickend: «Ich sollte da etwas ausführen, was ich eigentlich gar nicht kann. Und als das Stück dann aus der Taufe gehoben wurde, habe ich gemerkt, dass ich falsch vorgegangen bin. Ich habe nämlich versucht, eine Form des etablierten Komponistenhandwerks zu imitieren, was mit mir eigentlich gar nichts zu tun hat. Daraufhin habe ich beschlossen, dass ich so nicht mehr arbeiten möchte.»

Das kollektive Arbeiten, wie es Theaterschaffende in wochenlangen Probenprozessen praktizieren, gefällt ihm besser. Von den Reflexen einiger Musiker, nur nach Noten zu spielen und sich dabei kaum noch gegenseitig zuzuhören, zeigte er sich schockiert.

Ihm liegt daran, die Ensembles und Chöre, für die er schreibt, in einen echten Dialog einzubinden. Statt schriftlichen Partituren bereitet er für sie zum Beispiel Audio-Partituren vor, damit sie von Beginn an ihr Gehör benutzen. Schliesslich ist er selbst auch über das Hören und das intuitive Musizieren in Rockbands überhaupt erst an die Musik herangeführt worden, beschäftigte sich erst später mit klassischer Musik und Komposition und studierte schliesslich an der Hochschule der Künste Bern.

Seine Bereitschaft zum partnerschaftlichen Arbeiten und sein permanentes Hinterfragen der Rolle des Komponisten haben die Jury des Kulturförderpreises überzeugt. Lukas Huber möchte «vertrauten Boden zum Beben bringen», wie er sagt, und scheut nicht davor zurück, dabei auch selbst durchgeschüttelt zu werden.

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