Was für ein Wochenende der Extreme in Basel und der Region: Auf der einen Seite gab es viel Traditionelles, Vertrautes, Heimeliges: den Stadtlauf, den Weihnachtsmarkt, zahlreiche Konzerte und Vernissagen. Die Nebengeräusche waren aber nicht zu überhören: Rechte und linke Überzeugungstäter, beziehungsweise Fetischisten des ungepflegten Strassenkampfes, schufen sich Platz im öffentlichen Raum, um sich mit hetzerischen Parolen und ein paar Steinwürfen ihr Mütchen zu kühlen. Die liberale Mitte der Gesellschaft hielt, zwar zahlenmässig klein, aber tapfer, mit einer Kundgebung dagegen.

Ein noch stärkeres Zeichen gegen den immer lauter werdenden Extremismus und Populismus setzen jedoch die baselstädtischen Stimmbürgerinnen und Stimmbürger: Erwartet wuchtig wurde – auch im Baselbiet - die sogenannte Selbstbestimmungsinitiative verworfen und ein überraschend kräftiges Ja gab es für die geplante städtebauliche Transformation des Lysbüchel-Areals im Westen der Stadt. Dass die Läden nicht länger geöffnet haben dürfen, ist schade, aber letztlich eine Fussnote im Entwicklungsprozess, den Basel derzeit durchläuft.

Was haben nun «fremde Richter» mit einem Basler Industrieareal zu tun? Ziemlich viel. Ein Blick auf die Landkarte genügt: Lysbüchel liegt nur ein paar Meter von der französischen Grenze und somit einen Steinwurf entfernt von diesem Europa, das die eidgenössischen Nationalromantiker mit Inbrunst hassen. Sie marschieren im geistigen Gleichschritt mit polnischen, italienischen oder ungarischen Nationalisten gegen den Multilateralismus, der in den vergangenen 70 Jahren Frieden und Prosperität gebracht hat.

Die grosse Mehrheit der Menschen in der Region Basel sieht das zum Glück anders – trotz des medialen Sperrfeuers, welches sie durch die SVP-nahe «Basler Zeitung» jahrelang über sich haben ergehen lassen müssen. Fortschritt ist in der Isolation nicht zu haben. Die Region Basel und die hier angesiedelten Unternehmen leben von Kooperationen und von klar geregelten Verhältnissen zu den europäischen Partnerländern, deshalb wird hier auch ein Rahmenabkommen mit der EU vehement unterstützt.

Ein Blick auf die grossen Infrastrukturprojekte der Region beweist diese enge Verflechtung: Das Herzstück für die S-Bahn wäre ohne Einbezug der deutschen und französischen Nachbarn absolut sinnlos, ebenso der Bahnanschluss des Euro-Airports oder der Rheintunnel, der einen Teil des Autobahnverkehrs von der Stadt fernhalten könnte. Und würde etwa die Roche auf einen weiteren Ausbau ihres Hauptsitzes setzen, sollte völlig unklar sein, ob überhaupt noch Fachkräfte nach Basel kommen könnten oder kommen wollten?

Auch die Lysbüchel-Vorlage trug diesen Kern der Spaltung in sich: Der baselstädtische Gewerbeverband weiss seit langem nichts anderes, als Wohnbaupolitik gegen Gewerbeförderung auszuspielen. Das Prinzip heisst: Wir (David) gegen die anderen (Goliath). Das ist viel zu einfach. Gute Stadtentwicklung ist wesentlich komplexer, ein Geben und Nehmen, ein Spiel des Ausgleichs. Die Stimmbürger haben das längst begriffen. Es wäre einer sachlichen Diskussion in Basel nur dienlich, würden sich der Gewerbeverband und sein Direktor bei der Stadtentwicklung wie in früheren Zeiten auf differenziertere Positionen einlassen.

So erfreulich das vergangene Abstimmungswochenende auch verlaufen ist und so kräftig die Koalition der Vernunft erscheint: Die gewalttätigen Demonstrationen und die teils platten Argumentationsmuster im Bereich der Stadtentwicklung zeigen deutlich, dass sich der politische Diskurs auch in der Region längst verschärft hat. Die Position des Rückzugs und der Isolation findet zahlreiche Anhänger, ob auf extremer rechter oder extremer linker Seite. Weltoffenheit ist für Basel aber nicht einfach ein Attribut aus dem Bereich des Standortmarketings. Sondern ein entscheidender Teil der Identität und des Erfolgs.

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