Neulich habe ich sie wieder gesehen. Mit wackeligen Schritten stolperte sie von der Clarakirche in Richtung Lindenberg. Es ist zwar 30 Jahre her, aber ich habe meine Religionslehrerin sofort erkannt. Sie mich zum Glück nicht. Die Ordensschwester hätte bestimmt einen Herzinfarkt bekommen. Ich war nicht gerade ein Musterschüler in ihrem Unterricht. Als ich mal auf die Frage, was Maria in Bethlehem gemacht habe, antwortete, sie habe einen fahren lassen, landete ich vor der Tür. Eine ehemalige Schulkollegin erinnert mich immer wieder gern daran.

Ich war frech, ich gebs zu.

Aber die Heileweltgeschichten vom Jesuskind waren mir zuwider. Die Bibelkrimis über Inzest und Mord mochte ich lieber. Diese erzählte mir mein Vater vor dem Einschlafen, und ich hörte gespannt zu.

Ich komme aus einer religiösen Katholikenfamilie. Die Sonntagsmesse war Pflicht. Und für mich manchmal eine Qual. Die mächtige Orgel auf der Empore der Clarakirche beeindruckte mich zwar, die Kirchenlieder fand ich aber schrecklich. Das Gerede des Pfarrers langweilte mich und bei den Hostien musste ich mich überwinden. Wer isst schon gerne Karton? Stillsitzen und der Andacht lauschen war nicht so mein Ding. «Mach kein Theater», flüsterte mir mein Mami manchmal zu und verzweifelte fast. Da waren wir schon zwei.

Die Reformierten dürfen in der Kirche Theater machen. Das habe ich kürzlich in der Zeitung gelesen. Auf diese Art feiern sie 1000 Jahre Münster und erzählen die Geschichte von der Münsterweihe bis hin zur Reformation und zum Friedenskongress der europäischen Sozialdemokraten von 1912. Klingt doch spannender als eine heilige Messe?

Gerade ist in Basel das Thema Kirchenumnutzung neu entflammt. Der Kirche laufen die Schäfchen davon, die Konfessionslosen sind in der Überzahl. Ich finde auch, es ist an der Zeit, die Verhältnisse zu überdenken. Mehr Partys, weniger Gottesdienste. So stelle ich mir das vor. Für meine knapp vierjährige Tochter sind Kirchen noch ein Mysterium. «Papi, was ist das für ein Schloss?», fragte sie mich kürzlich, als wir zusammen aus dem Fenster aufs Münster hinausschauten. Ich bin froh, dass sie von Religion bis jetzt eine so romantische Vorstellung hat.