«Ah, die Bahn für echte Männer.» Lukas Linder schaut fachmännisch auf das kleine Stück Reifen, das aus dem Boden ragt. Davor steht ein hohes Gitter mit einer kleinen Öffnung. Da muss der Ball durch. Das zu treffende Loch ist meilenweit entfernt. Es ist die härteste Minigolfbahn der ganzen Anlage im Birspark Aesch. Aber Lukas Linder kennt keine Angst. «Die ist was für mich.» Er platziert den kleinen Ball auf dem Reifen. Die Fotografin geht in Position. Dann holt er aus.

Lukas Linder ist Minigolfprofi. Zumindest hat er es so angekündigt. «Mein Handicap ist hervorragend», stand im E-Mail und die Ehrfurcht stieg. Denn selbst ohne Minigolfkenntnisse hat Lukas Linder in letzter Zeit schwerst beeindruckt. Grund dafür ist sein erster Roman, der mit Leichtigkeit und Witz durch die doch oft etwas schwer anmutende Schweizer Literaturwelt tänzelt.

«Der Letzte meiner Art» erzählt die Geschichte von Alfred von Ärmel, dem Spross einer Berner Adelsfamilie, dessen glanzvolle Zeiten langsam aber sicher vorbei sind. Der Vater ein etwas langsamer (Alfred nennt es: Flucht in die geistige Umnachtung) Inhaber einer Wimpelfabrik, die Mutter eine bildschöne, von Verehrern regelrecht belagerte Grande Dame, die Grossmutter ursprünglich ebenso, jetzt aber nur noch leidenschaftlich boshaft. Die Brüder auch geflüchtet, nicht in die geistige Umnachtung, aber anderswohin. Und schliesslich Alfred, der Protagonist. Mittelmässig begabt, dafür immer guter Dinge und mit geradezu unzerstörbarem Enthusiasmus bereit, in die Fussstapfen seiner heldenhaften Urahnen zu treten.

Erst der Tonfall, dann das Buch

Das klingt nach Slapstick und tatsächlich gibt es Menschen, die dem Buch fehlende Ernsthaftigkeit vorwerfen. «Es gab ein paar wenige, die den Roman zu lustig fanden. Tja, was soll ich sagen», sagt Linder dazu, zieht kurz die Schultern hoch und widmet sich dann wieder seiner Bratwurst.

Kleine Stärkung vor dem Spiel. Zuerst sei der Tonfall gewesen, erzählt er, danach kam die Geschichte um Alfred. Alles sei aus diesem Tonfall heraus entstanden. Man weiss genau, welcher Tonfall er meint, er ist auf jeder Seite des Buches spürbar: lustig, melancholisch, souverän ironisch. Slapstick ja, aber keineswegs belanglos.

Halt so wie Lukas Linder. Es ist ein einfacher Vergleich, aber er greift: Linder hat einen grandiosen Humor, aber ohne sich permanent als Ulknudel aufdrängen zu müssen. Er spricht leise und schnell, zum Beispiel von seiner Kindheit in Uhwiesen, einem kleinen Dorf zwischen Schaffhausen und Zürich. Zwei Brüder, man habe sich oft geprügelt. In der Pubertät dann die Innenkehr: Er sei viel herumspaziert und seinen eigenen Gedanken nachgehangen. «Das ist bei den Leuten in Dorf nicht besonders gut angekommen. Jemand der ohne Ziel und Grund einfach so rumläuft – da werden die schnell skeptisch. Deshalb musst du immer was dabei haben um sie milde zu stimmen. Eine simple Einkaufstasche reicht.»

Autor aus der Gruft

Als es ihm in Uhwiesen zu eng wird, beschliesst Linder, nach Basel zu kommen. Seit zehn Jahren wohnt er jetzt hier, immer noch in derselben Eineinhalbzimmerwohnung, in der die Tapete von der Decke runterblättert. Linder nennt sie liebevoll seine «Gruft». «Oder nein, eigentlich ist es edler. Ein Mausoleum. Ein lebendiges Mausoleum.»

Wenn er nicht hier ist, besucht er seine Frau, eine Theaterwissenschaftlerin, die an einer polnischen Universität unterrichtet. Seine Arbeit leidet nicht unter der Pendlerei, es lässt sich gut vereinen. Linder schreibt als freier Theaterautor wundervoll bizarre Texte, unter anderem für das Theater Basel, das im November 2017 seine Interpretation des Gogol-Komödienklassikers «Der Revisor oder: das Sündenbuch» zeigte.

Und jetzt auf die Bahn. Linder schlägt sich ganz ok, aber ein Profi sieht anders aus. Das letzte Mal sei er halt als Kind auf einer Minigolfanlage gewesen, sagt er zu seiner Verteidigung, und das habe sich definitiv professioneller angefühlt.

Das versteckte Talent kommt dann doch noch zum Vorschein. Natürlich: Auf der Bahn für echte Männer. Linder holt aus und schlägt den Ball ganz in die Nähe des Loches. «Gewusst wie!» sagt er lachend. «Naja, ein Einer war das nicht!», erwidere ich. Aber er hört es gar nicht mehr. Fröhlich läuft er auf den Ball zu, bereit zum zweiten Schlag. Lukas Linder in Aktion: Starker Anschlag, unbekümmertes Resultat. Von maulenden Zweitplatzierten lässt er sich nicht den Frohsinn verderben.

«Der Letzte meiner Art»
Lukas Linder, Kein & Aber, 271 Seiten.
Lesung am Sonntag, 20. Januar in Basel. Tickets unter: www.sofalesungen.ch