Dreiland
Maire von Huningue: «Campus Novartis könnte binational werden»

Jean-Marc Deichtmann träumt von der Weiterentwicklung des Campus Novartis nach Huningue. Für das trinationale Projekt Dreiland, einer neuen Stadt zwischen Klybeckinsel in Basel, Weil am Rhein und Huningue, will er die Industriezone seiner Stadt nicht ganz aufgeben.

Peter Schenk
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Huningue hat 6800 Einwohner. Sie dürfen sich an vielen Blumen und Grünanlagen freuen.

Huningue hat 6800 Einwohner. Sie dürfen sich an vielen Blumen und Grünanlagen freuen.

Kenneth Nars

Jean-Marc Deichtmann, wie steht es um das Vorhaben Dreiland?

Jean-Marc Deichtmann: Bis Ende 2013 müssen die drei Partner dem Masterplan zustimmen und ihn unterzeichnen. Als Nächstes wird jeder der drei einen Architekten auswählen, um zu sehen, wie sich die Vision bei sich auswirkt. Wir haben uns für die Pariser Architektin Odile Decq entschieden, die mit der Behörde Voie Navigable de France (VNF) zusammenarbeitet. Letztere ist für den Erhalt und die Entwicklung der Binnenwasserstrassen in Frankreich zuständig. Der VNF gehört das Gelände am Rhein und entlang des Hüninger Kanals. Das nächste halbe Jahr werden wir mit der Architektin klären, was von der Vision realisierbar ist. Manches geht gut, anderes erheblich weniger gut.

Zur Person

Jean-Marc Deichtmann (54) ist seit 2008 Maire von Huningue. Der Ort grenzt an Basel und den Rhein und hat 6800 Einwohner. Deichtmann gehört keiner Partei an und ist als bürgerlich einzustufen. Er ist seit 1989 im Stadtparlament von Huningue und war ab 1995 als Adjoint für die Finanzen zuständig. Von Beruf ist er Grundschullehrer und seit 1989 Direktor der Primarschule von Huningue. Dort gehen Schülerinnen und Schüler im Alter von 6 bis 11 Jahren zur Schule. Ihre Schulzeit dort dauert fünf Jahre. (psc)

Was geht schlechter?

Das Diamant-Quartier. Der Name stammt nicht von mir, sondern vom holländischen Architekten Winy Maas, der die Vision entwickelt hat. Das Quartier hat starke Auswirkungen auf unsere Industriezone Süd. Ein Wohnviertel in einer Industriezone bedeutet aber, dass die Industrie weg muss. BASF, TFL, das Biotechnikum von Novartis, der Novartis-Betrieb für Tiergesundheit und Delpharm stellen über 1200 Arbeitsplätze – das ist immer noch sehr viel, selbst wenn mit der Schliessung von Clariant 264 Stellen verloren gingen.

Wie wichtig sind für Sie diese Betriebe?

Derzeit machen die Gewerbesteuereinnahmen samt einer Kompensation des Staates 64 Prozent unseres Budgets von jährlich 13 Millionen Euro aus.

Wie könnte sich das Industriegebiet im Rahmen von Dreiland entwickeln?

Pharmafirmen wie das Biotechnikum oder Delpharm stören nicht, schwieriger wird es mit BASF, das in Bezug auf das industrielle Risiko als sehr gefährlich eingestuft wird. Ich kann mir das Quartier Diamant durchmischt mit wirtschaftlichen, sportlichen Aktivitäten und Wohnungen vorstellen, aber mit der Fabrik von BASF ist das nicht möglich. Positiv ist, dass die Veränderungen nicht schnell gehen; wir reden von einem Zeitrahmen von 30 bis 40 Jahren. Für BASF könnte das eine Herausforderung sein, die klassische, industrielle Produktion innovativ umzustellen. Vielleicht ist das nur ein Traum, aber der Standort ist hervorragend, und die Firma könnte damit werben, dass sie wirtschaftliche Aktivitäten mitten in der Stadt ausübt. Das wäre gut für ihr Image.

Für Clariant, die neben dem Campus Novartis liegt und geschlossen wurde, haben Sie auch einen Traum.

Erst mal war das ein Trauma. Es ist uns in Huningue noch nie passiert, dass wir 262 Arbeitsstellen verloren haben. 1999 hat mit der Firma Plasco, die Plastik herstellte, schon einmal ein Betrieb mit 180 Jobs dichtgemacht. Leider wird das Gelände immer noch nicht anderweitig genutzt.

Bei Clariant könnten Sie sich eine Ausweitung des Campus vorstellen.

Natürlich ist das ein Traum, aber er ist realer – wenn auch nicht kurzfristig, denn noch braucht Novartis dieses Gelände gar nicht für seinen Campus. Clariant liegt aber so, dass Novartis rund um das Gelände Eigentümer ist: nördlich davon mit dem Biotechnikum, südlich mit dem Campus, westlich mit den Sportanlagen und östlich mit der Kläranlage, die gerade geschlossen und saniert wird. Ich träume davon, dass das Gelände von Clariant eines Tages von Novartis gekauft wird und die Novartis ihren Campus von der Schweiz binational Richtung Frankreich weiterentwickelt. Aber es ist klar, dass das nur funktioniert, wenn die Arbeitnehmer auf der französischen Seite nach dem Schweizer Arbeitsrecht angestellt sind.

Das ist auch ein wichtiges Thema für den Euro-Airport. Dort einigten sich Frankreich und die Schweiz, dass im Schweizer Sektor auch das Schweizer Arbeitsrecht gilt.

Ich verfolge mit grossem Interesse, was dort geschieht, aber der Fortschritt ist noch nicht sehr gross. Wenn man wirklich eine Bresche in das französische Arbeitsrecht schlagen könnte, wäre das ein Vorbild für einen binationalen Campus. Laut Herrn Brenneisen, Chef Novartis Schweiz, und Herrn Vasella wäre Novartis sehr an einem derartigen Campus interessiert. Was sie davon abhält, ist das französische Arbeitsrecht, das sehr viel einschränkender als das schweizerische ist. Frankreich müsste bei seinen Regulierungen etwas flexibler sein. Winy Maas, der Architekt von Dreiland, fände einen französischen Campus eine gute Idee und Vittorio Lampugnani, der den Masterplan des Campus für Novartis entwickelt hat, hat eine Ausweitung Richtung Frankreich vorgesehen.

Ist das Arbeitsrecht-Problem auf dem Flughafen geregelt?

Ich bin nicht überzeugt, dass das Arrangement zwischen Frankreich und der Schweiz vor einem Gericht Bestand hätte, falls es wieder zu einem Prozess käme. Das französische Arbeitsrecht geht weiter vor und müsste angewendet werden. Man kann natürlich mit dem Feuer spielen, aber in der derzeitigen schwierigen Situation wäre es dramatisch, Tausende von Arbeitsplätzen zu verlieren. Die 35-Stunden-Woche des französischen Arbeitsrechts und die Schweizer Kaufkraft haben nebeneinander keinen Bestand. Man muss wissen, was man will, kann nicht alles haben.

Mit dem zentralen Abbatucci-Platz hat Huningue eine riesige Baustelle. Wie weit sind Sie?

Ende Februar sollte alles fertig sein. Es ist mit einer Investition von 16 Millionen Euro das grösste Projekt, das wir in Huningue je realisiert haben; 13,5 Millionen davon hat die Stadt gezahlt. Fast 25 Jahre haben wir in strukturierende Projekte wie eine Altentagesstätte, einen Kindergarten, ein Kulturzentrum, eine Sportanlage und eine Wildwasser-Kanuanlage investiert, aber eben nichts ins Stadtzentrum. Letzteres wurde immer trister, die kleinen Geschäfte haben eins nach dem anderen zugemacht. Mit der Baustelle haben wir jetzt das Parking-Problem gelöst, weil es in Zukunft unter dem Platz knapp 200 Parkplätze gibt.

Die Franzosen gehen massenweise über die Dreiländerbrücke im Rheincenter einkaufen. Haben Sie nicht ein Problem mit dem Detailhändler-Angebot?

Das stimmt natürlich. Ein Rheincenter können wir nicht bieten, wir haben aber andere Möglichkeiten. Ich bin überzeugt, dass der Abbatucci-Platz nach der Restaurierung sehr viel angenehmer sein wird. Er erhält eine andere Beleuchtung und seine historische Bedeutung wird hervorgehoben. Wir versuchen jetzt, neue Geschäfte anzulocken. Ich denke da vor allem an Lebensmittel wie Wein, Käse, Brot und auch an Restaurants. Ausserdem verfügen wir mit dem leer stehenden alten Gericht über ein Gebäude mit 700 Quadratmetern, das ein kleines Einkaufszentrum werden könnte. Ferner wird es im neuen Gebäude am Platz ein Restaurant und einen Salon de Thé geben. Es geht darum, das Angebot auszubauen.

Was ist auf der französischen Seite der Dreiländerbrücke geplant? Da tut sich ausser dem Bau eines kleinen Hochhauses seit Jahren nichts.

Das liegt auch daran, dass alles VNF gehört. Wir sind jetzt mit der Behörde im Gespräch, um am Rheinufer ein Drei- oder Viersternhotel zu bauen. Dazu könnte auch ein Restaurant gehören. Ausserdem sind weitere Wohngebäude vorgesehen, in denen auch Geschäfte unterkommen könnten. Um Platz zu gewinnen, wollen wir ausserdem bis 2016 den Campingplatz Richtung Hafen verschieben, der sowieso nur 20 bis 25 Personen beschäftigt und nur für Lageraktivitäten genutzt wird. Das könnte man auch weiter nördlich im Hafen von Ottmarsheim machen.

Ist die Dreiländerbrücke ein Problem, weil Ihnen die Leute weglaufen.

Zum Glück gibt es sie. Ich habe nichts dagegen, wenn die Franzosen in Deutschland einkaufen, weil es dort billiger ist. Nun aber geht es auch darum, die Entwicklung umzukehren und das Zentrum von Huningue attraktiver zu machen. Verstärkt werden könnte dies durch den neuen Rheinuferweg, der das Zentrum von Basel bis Ende 2014 mit Huningue und der Dreiländerbrücke verbinden wird. Es hat zwar drei Jahre gedauert, aber jetzt ist endlich auch der französische Staat mit dem Projekt einverstanden – nachdem BASF auf seinem Gelände Arbeiten vorgenommen hatte.

Im Grunde hängt alles zusammen.

Das Projekt Dreiland kommt für uns zum richtigen Zeitpunkt.

Interessant ist die Aufteilung: 20 Hektaren liegen in Basel, 40 in Weil am Rhein und 100 in Huningue, beim kleinsten Partner.

Das stimmt, normalerweise müsste das andersrum sein. Ich bin überzeugt, dass es für die 20 Hektaren in Basel eine sehr grosse Nachfrage geben wird. Der Schweizer Teil wird umso besser funktionieren, wenn die beiden anderen Seiten komplementär sind und nicht überall das Gleiche gemacht wird. Am Anfang war der französische Teil nur als grüne Lunge des Projekts gedacht, aber die mageren 286 Hektaren, die Huningue hat, dürfen nicht nur dafür genutzt werden. Wenn es nur darum geht, Unternehmen durch Grünflächen zu ersetzen, kann ich nicht dafür sein.