Basler Fasnacht 2018
Make Glaibasel great again! – Guggen nehmen das Comité beim Wort

Die Guggenmusiken sichern ihr Überleben. Das zeigte sich am Dienstagabend beim Sternmarsch. Vom Messeplatz aus nahmen die zwei Dutzend Formationen den Weg zu ihren Konzertbühnen unter die Zoggeli.

Benjamin Wieland
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Zyyschtig Basler Fasnacht. Gugge Sternmarsch. Grunz-Gaischter.
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Zyyschtig Basler Fasnacht. Gugge Sternmarsch. Rätsch-Beeri.
Zyyschtig Basler Fasnacht. Gugge Sternmarsch. Pumperniggel.
Zyyschtig Basler Fasnacht. Gugge Sternmarsch. Krach-Schnygge.
Zyyschtig Basler Fasnacht. Gugge Sternmarsch. Märtfraueli.
Zyyschtig Basler Fasnacht. Gugge Sternmarsch. Stachelbeeri.
Zyyschtig Basler Fasnacht. Gugge Sternmarsch. Schränz-Gritte.
Zyyschtig Basler Fasnacht. Gugge Sternmarsch. Krach-Schnygge.
Zyyschtig Basler Fasnacht. Gugge Sternmarsch. Barbarossa.
Zyyschtig Basler Fasnacht. Gugge Sternmarsch. Barbarossa.
Zyyschtig Basler Fasnacht. Gugge Sternmarsch. Stachelbeeri.

Zyyschtig Basler Fasnacht. Gugge Sternmarsch. Grunz-Gaischter.

Roland Schmid

Die Fasnacht im Kleinbasel wurde schon einige Male für tot erklärt. Kaum sei jeweils der Cortège vorbei, lautet die Klage, würden sich nur noch wenige Aktive ins mindere Basel verirren. Sogar die Einheiten, die im Kleinbasel ihr Lokal hätten, zögen das Grossbasel vor. Zurück blieben zwischen Wettsteinplatz und Kaserne, Messeplatz und Claraplatz nur verwehte Räppli, leere Kartonschachteln und zermanschte Orangen.

Am Dienstagabend aber ist alles anders. Dann sind die Guggenkonzerte, und damit die teilweise riesigen Formationen mit bis zu 70 Aktiven überhaupt geordnet zu ihrer Bühne gelangen können, gibt es den Sternmarsch – mitten durchs Kleinbasel.

So war es auch am Dienstagabend. Ab 18 Uhr versammeln sich die Guggen am Messeplatz. Auf der linken Seite in Marschrichtung betrachtet, also beim Congress Center, die Mitglieder der FG Basel, der Freye Guggemuusige. Auf der anderen Seite, vor dem «Alten Warteck», die Guggen, die zur IG gehören, das ist die Interessengemeinschaft fasnächtlicher Guggen-Musiken.

Punkt 18.30 Uhr laufen als Erstes die IG-Guggen los, das hat einen guten Grund: Sie haben eine etwas längere Strecke. Ihr Ziel ist die Bühne auf dem Seibi. Nach den IG-lern setzten sich die Freye Gugge in Bewegung. Sie treten auf der Marktplatz-Bühne auf. Erst bei der Hauptpost trennen sich die Wege der Freye und der IG-ler.

Menschen dicht an dicht

Nicht nur die Guggenkonzerte sind Publikumsmagnete, auch der Sternmarsch selber zieht die Massen an. In der Clarastrasse steht das Publikum dicht an dicht – trotz Eiseskälte sind kaum weniger Menschen auf den Strassen anzutreffen als am Cortège.

Auch den Aktiven gefällt die Route. Die Clarastrasse und die Greifengasse bilden eine Klangröhre. «Mit den Häusern auf beiden Seiten entsteht eine Art Kanalwirkung», sagt Patrick Müller, Obmann der IG Gugge. «Das gibt einen super Sound!»

Der Kompromiss von 1962

Dass der Dienstagabend ganz den Guggen gehört, ist aber noch gar nicht so lange her. 1962 kam es zu einem grossen Kompromiss, welcher der Basler Fasnacht gut getan hat. Auf jenen Fasnachtsjahrgang hin einigten sich die Guggenmusiken und die Cliquen auf eine neue Demarkationslinie, besser gesagt: auf ein Demarkationsdatum. Der Morgestraich gehörte ab sofort alleine den Cliquen. Die Guggen durften sich dafür am Dienstagabend breit machen. Dann verkrümeln sich die Pfeifer und Trommler in die engen Gassen der Altstadt, überlassen die Einfallachsen und grossen Plätze den Pauken und Trompeten.

Vier Jahre nach der Einigung, 1966, kam es zum ersten Sternmarsch. Am Dienstagabend war es also das 52. Mal, dass sich die Guggen auf dem Messeplatz versammelten, um zusammen loszumarschieren.

Die IG und die FG vereinen 27 Guggen, darunter traditionelle und riesige Formationen. Am Dienstag gingen die Stachelbeeri und die Schränz-Gritte dem Zug voran. Gerade die Schränz-Gritte beeindruckt auch optisch: Gegen 70 Alti Dante in orangefarbenen Reifenröcken. Bei so einem Tatzelwurm fragt man sich, wie die hintereste Reihe mitkriegt, was in der vordersten gespielt wird.

Das dritte grosse Guggenkonzert ist auf dem Claraplatz – es ist ein Fixpunkt der Fasnacht im Kleinbasel. Auf dieser Bühne treten «wilde» Guggen auf, solche, die sich keinem der beiden Dachverbände angeschlossen haben, etwa die Uelischränzer oder die Claraschnoogge.

Auch dem Fasnachts-Comité ist nicht entgangen, dass sich die Fasnacht langsam, aber sicher unserem Sonnensystem angleicht: Alles kreist sich um das zentrale Gestirn, die Grossbasler Altstadt, mit dem heissen Kern Rümelinsplatz-Schnabelgasse-Münzgasse-Schneidergasse.

Daneben können sich zwar einzelne Planeten behaupten, etwa die Steinenvorstadt oder der Aeschenplatz, doch die Sonne saugt zunehmend alles auf. Völlig verschwunden ist die Fasnacht in den Quartieren. Und dem Kleinbasel bleiben, neben dem Claraplatz, nur noch ein paar Meteoriten und fahle Monde – ausser eben am Dienstag.

Comité-Obmann Christoph Bürgin rät deshalb: «Geht auch abends ins Kleinbasel!» Im Interview mit der bz sagte er Anfang Februar, es wisse auch nicht, warum das Kleinbasel zur Peripherie werden konnte. Das Beizenangebot sei ja gut. Ein Tiefpunkt für die Kleinbasler Fasnacht war der Entscheid der Comité-Bängg im Jahr 2014, im Kleinbasel nur noch das Café Spitz zu besuchen. Mittlerweile hat das Comité mit dem «Rhywyera» wieder eine zweite Station auf der anderen Seite der Brücke aufgenommen.

Schaut man sich alle Lokale an, die von den sechs Schnitzelbangg-Gesellschaften in diesem Jahr besucht werden, so liegen sieben von 28 im Kleinbasel. Ein Viertel. Berner würden sagen: gäng sövu! Auf das grosse Fasnachts-Revival muss sich das Kleinbasel also noch etwas gedulden. Aber die Talsohle scheint durchschritten.

Und wer weiss – vielleicht spricht es sich ja irgendwann herum in der schrecklichen Druggede rund um das Hotel Basel: Geht doch über die Brücke! Dort hats noch Platz!