Martinskirche

Manfred Honeck dirigiert in Basel ein Konzert mit Dvořáks Sinfonie

Manfred Honeck hat als stiller Schaffer den Schritt aufs Dirigentenpodium gewagt.

Manfred Honeck hat als stiller Schaffer den Schritt aufs Dirigentenpodium gewagt.

Honeck dirigiert das Konzert «Aus der Neuen Welt» und einem Klavierkonzert von Beethoven. So richtig ernst genommen wird Honeck erst, seit er 2008 Musikdirektor des Orchesters aus Pittsburgh wurde. Der der österreichische Dirigent sagt: «Es braucht musikalische Weisheit. Und mit zwanzig Jahren kannst du diese Geheimnisse in der Musik noch nicht erfahren haben.»

«Aus der Neuen Welt»: So taufte Antonín Dvořák die Sinfonie, die er ab 1892 während seiner Jahre, die er in Amerika lebte, komponierte. Ein indianisch angehauchtes Lied ist die Keimzelle des langsamen Satzes, die Synkopen der «Negro Spirituals» prägen manche Themen der schnellen Sätze. Umgekehrt aber ist vieles in dieser Musik auch gezeichnet von Dvořáks Sehnsucht nach der böhmischen Heimat. Die Sinfonie wurde zu Dvořáks populärstem Werk.

«Aus der Neuen Welt» könnte als Titel auch über der Karriere von Manfred Honeck stehen. Nicht, dass der österreichische Dirigent amerikanische Wurzeln hätte, im Gegenteil. Honeck wuchs in Wien auf und lebt heute in Vorarlberg, wo er 1958 auch auf die Welt kam.

Aber so richtig ernstgenommen wird Honeck als internationaler Spitzendirigent erst, seit er 2008 Musikdirektor des Orchesters aus Pittsburgh wurde. Das ist zwar keines der traditionsreichen «Big Five» der amerikanischen Spitzenliga (Chicago, New York, Philadelphia, Cleveland, Boston), aber eine erstklassige Adresse, seit Lorin Maazel und Mariss Jansons als Chefdirigenten in der amerikanischen Stahlstadt wirkten.

Technik allein ist nicht alles

In ihre Fusstapfen trat 2008 Honeck, der zuvor eher als stiller Schaffer wahrgenommen wurde. Er war Kapellmeister am Opernhaus Zürich, Musikdirektor der Stuttgarter Oper, wirkte in Oslo und Stockholm. Er war Chefdirigent der Tschechischen Philharmonie, aber keiner, den man auf den glamourösen Podien erwartet hätte. Das liegt auch daran, dass Honecks Dirigentenkarriere spät begonnen hatte. Er spielte vorerst als Bratschist bei den Wiener Philharmonikern, bevor er – im Alter von 33 Jahren – den Schritt auf das Dirigentenpodium wagte.

Kein Nachteil, findet er: «Keine Frage, eine Sinfonie zur Aufführung bringen, das können Achtzehnjährige umwerfend. Wir können die Technik erlernen, aber wenn das alles bleibt, was ein Dirigent zu bieten hat, dann ist es auf Dauer eben zu wenig.» Es könne geschehen, dass man in ein Loch falle oder sich an den Erfolg gewöhne. «Daher hat mich die Frage immer interessiert, was ich als Dirigent denn eigentlich brauche?» Ihm sei klar geworden, dass es so etwas wie musikalische Weisheit brauche. «Und mit zwanzig Jahren kannst du diese Geheimnisse in der Musik noch nicht erfahren haben.»

Aber nicht nur der späte Beginn hat Manfred Honecks Dirigentenkarriere geprägt. Er nimmt sich auch sehr viel Zeit zum Studieren. Sein Repertoire sei auch heute noch vergleichsweise klein, sagt er selber: «Aber ich werde mich eher auf die wichtigen Dinge konzentrieren und mit meiner gewonnenen Erfahrung in kürzerer Probenzeit die Dinge so bekommen, wie ich sie hören möchte. Menschenkenntnis ist ja enorm wichtig für einen Dirigenten.»

Es könne durchaus sein, dass ein junger Dirigent sich nicht getraue, gewisse Dinge anzusprechen. Mit zunehmender Erfahrung falle es einem leichter, die Hürden der Angst zu nehmen. «Das war so, als ich Dvořáks Achte mit der Tschechischen Philharmonie aufführte. Das Orchester kennt diese Musik auswendig, trotzdem bin ich hingegangen, um sie auf ihre eigene Identität, auf den tschechischen Klang aufmerksam zu machen. Ihnen das zu vermitteln, was den Charakter dieser Musik ausmacht.»

In Pittsburgh fand Honeck nicht nur ein Orchester in bester Verfassung vor, er konnte diesen hohen Standard auch auf dem CD-Markt unter Beweis stellen: Beethoven, Dvořák, Bruckner, Richard Strauss – die «Hausgötter» Honecks also, und zahlreiche Grammy-Nominationen waren der Lohn. 2018 klappte es endlich mit den grossen internationalen Auszeichnungen: ein Grammy für Schostakowitschs Fünfte und ein «Artist of the Year» des International Classical Music Award. Die Beharrlichkeit hat sich ausgezahlt.

Flexibler Umgang mit Traditionen

Umgekehrt ist Honeck ein neugieriger Musiker geblieben: Zu sehen, wo es neue Einflüsse gebe, und neue Komponisten kennen zu lernen, sei ihm wichtig geworden. «Von Gustav Mahler stammt der Satz: ‹Die Tradition ist die Bewahrung des Feuers und nicht die Anbetung der Asche.› Das hat mich nie losgelassen: Wenn ich an der Tradition klebe und das Feuer verliere, dann macht Tradition überhaupt keinen Sinn. Daher muss ich bereit sein, Traditionen zu verändern und aus diesem Bewusstsein heraus vielleicht auch eine neue Flexibilität zu entwickeln.»

In Basel gastiert Manfred Honeck morgen nicht mit seinem Pittsburgh Symphony Orchestra, sondern mit dem Gstaad Festival Orchestra. Das Residenz-Orchester des Menuhin-Festivals Gstaad wird aus Musikern der führenden Schweizer Orchester sowie Studenten zusammengestellt. Solist im fünften Klavierkonzert Beethovens ist der junge koreanische Pianist Seong-Jin Cho, 2015 Preisträger des berühmten Chopin-Wettbewerbs in Warschau.


Manfred Honeck dirigiert das Gstaad Festival Orchestra in Dvořáks Sinfonie Nr. 9 Aus der Neuen Welt und dem fünften Klavierkonzert von Beethoven mit Seong-Jin Cho als Solisten.

Martinskirche Basel, Donnerstag, 13. Februar, 19.30 Uhr.

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