Marcelo Diaz, Sie haben einmal gesagt, nach der Karriere gerne als Journalist arbeiten zu wollen. Für die erste Frage dürfen Sie es bereits jetzt. Welche Frage, die Ihnen noch nie gestellt wurde, würden Sie als Journalist an Sie richten?

Marcelo Diaz: (überlegt lange): Ich glaube, in Chile wurde ich so ziemlich alles gefragt, was es über mich zu wissen gibt. Als Schweizer Journalist würde ich von mir wissen wollen, wie ich mich in Basel eingelebt habe.

Und?

Besser, als ich es mir je erträumt habe. Ich habe damit gerechnet, dass es wegen der neuen Sprache und der neuen Kultur sehr lange dauert, bis ich mich hier zurechtfinde.

Warum ist es anders gekommen?

Meine Teamkollegen und alle Menschen, die irgendwie mit dem FC Basel zu tun haben, helfen mir, wo sie können. Sie probieren, mit mir Spanisch zu sprechen und erklären mir, wie das Leben hier funktioniert.

Viele Fussballer arbeiten nach der Karriere als Fernsehexperten. Ist es das, was Sie anstreben?

Nein, nein. Ich will nach der Karriere richtigen Journalismus studieren. Mein Traum ist eine eigene Fussballshow in Chile. Ich mag es, vor der Kamera zu stehen. In Chile ist es als ehemaliger Fussballer einfach, zum Fernsehen zu kommen. Momentan werden dort etliche Sportsendungen geschaffen. Die Menschen lieben es, ihre Idole am Bildschirm zu sehen.

In lateinischen Ländern geniesst der Fussball eine riesige Aufmerksamkeit. Ist das anstrengend?

Nein, solange die Menschen anständig sind (lacht). Die Dimension ist eine ganz andere als hier. Bei Universidad (Diaz’ ehemaliger Klub; d. Red.) gibt es jede Woche eine Pressekonferenz, an der sämtliche TV-Stationen, Radios und Zeitungen teilnehmen.

Wie erleben Sie die Medien in der Schweiz?

Sie sind viel anständiger als in Chile und wahren die Distanz. Haben wir mit Universidad ein Spiel verloren, haben die Journalisten sprichwörtlich mit dem Hammer auf uns eingeschlagen. Dann wurden ohne Gnade künstlich Probleme gesucht.

Ihr Starstatus äussert sich auch in der Tatsache, dass Ihnen fast 50000 Menschen auf Twitter folgen.

So viele folgen mir erst, seit wir mit Universidad in der letzten Saison grossen Erfolg hatten. Wenn du bei der besten Mannschaft Chiles gut spielst, interessieren sich alle für dich. Twitter und Facebook sind in Chile ein wichtiger Teil des Lebens, fast jeder hat ein Profil. Für mich ist es eine gute Möglichkeit, mit meinen Freunden und der Familie Kontakt zu halten.

Sie sind mit Basel in eine Fussballstadt gekommen. Können Sie bezüglich der Begeisterung einen Vergleich mit Ihrer Heimat ziehen?

Natürlich. Die Menschen unterstützen uns auch dann, wenn wir mal schlecht spielen.

Aber Sie können in Basel durch die Stadt bummeln, ohne dauernd angequatscht zu werden.

Ich erinnere mich an letzten Frühling: Damals traute ich mich in Santiago nicht aus dem Haus, jeder wollte etwas von mir. Hier führe ich ein ganz anderes Leben. Ich kann mit meinem Sohn auf der Strasse spielen, das wäre in Chile undenkbar.

Wie finden sich Ihre Frau und Ihr Sohn in Basel zurecht? Sie sind als Fussballprofi oft unterwegs und lassen die Familie alleine zurück.

Spielerfrauen haben es grundsätzlich schwer. Während ich mich über das Team integriere, muss sie es selber machen. So ist das halt, dafür bringe ich das Geld nach Hause. Meine Frau hat bereits Freunde gefunden. Sie wird hier bleiben, wenn ich nächstens zur Nationalmannschaft fliege, weil mein Sohn in den Kindergarten muss.

Arbeitet Ihre Frau?

Bald. Sie hat Recht studiert, ihr fehlt noch das Anwaltsdiplom. Dann will sie selber Geld verdienen.

Hatten Sie schon die Gelegenheit, die Schweiz zu entdecken?

Einmal waren wir an einem freien Wochenende in Zürich, was mir sehr gefallen hat. Die Schweiz ist ähnlich wie der Süden in Chile, mit viel Grünflächen und sauberen Strassen.

Sprechen wir über Fussball. Sie wurden für viel Geld, man spricht von knapp fünf Millionen Franken, geholt und sollen das neue Herzstück des FCB werden.

Ich bin auf dem Weg dahin. Ich muss mich glücklich fühlen, um gut zu spielen. Mein Ziel ist es, der Mannschaft auf dem Platz zu helfen. Es klappt schon recht gut, aber da ist noch viel Luft nach oben.

Fühlen Sie sich in einem Punkt unglücklich?

Nein, so habe ich das nicht gemeint. Ich brauche einfach Zeit.

In Chile waren Sie ein torgefährlicher Spieler. Warum haben Sie beim FCB (noch) nicht diesen Einfluss auf die Offensive?

Bei Universidad habe ich Elfmeter, Freistösse und Eckbälle geschossen. Ich muss mich beim FCB noch mit meinen Mitspielern absprechen, ob ich mehr Standards ausführen kann.

Manchmal macht es den Eindruck, als spielen Sie mit wenig Risiko.

Ja, aber das ist mein Stil. Ich sehe mich als technischen Spieler, der den Kollegen den Ball in den Fuss spielt. So fühle ich mich sicher.

Hat Ihre Zurückhaltung auch damit zu tun, dass der Fussball in der Schweiz schneller ist als in Chile?

Ich muss mich noch daran gewöhnen, dass hier körperbetonter und aggressiver gespielt wird. Schauen Sie mich an, ich bin klein und dünn (lacht). In Europa sehen die Fussballer wie Maschinen aus.

Haben Sie erwartet, sich derart umstellen zu müssen?

Ich muss ehrlich sagen, das hat mich schon überrascht. Die Liga in der Schweiz ist auch viel ausgeglichener als in Chile. Das Niveau ist hoch, das gefällt mir.

Ein Grund, dass Sie nach Basel gekommen sind, waren die Auftritte des FCB letzte Saison in der Champions League. Heuer wurde die Königsklasse verpasst. Wie gross ist Ihre Enttäuschung?

Genauso wie die meiner Mitspieler. Meine Motivation für die Europa League ist nicht kleiner als für die Champions League. Ich freue mich auf jedes Spiel mit dem FC Basel.

Die Champions League ist das Grösste in Europa.

Klar will ich dahin. Dafür müssen wir jetzt erst einmal Meister werden.

Sie hatten im Frühling Angebote anderer Klubs. Von wem?

Persönlich im Gespräch war ich mit Flamengo Rio de Janeiro, in Italien mit Catania und Lazio Rom.

Warum dann doch der FC Basel?

Erstens: Basels Auftritte in der Champions League. Zweitens: Heiko Vogel hat mit aller Kraft versucht, mich zu überzeugen. Drittens: Weil Basel ein gutes Angebot gemacht hat. Viertens: Weil mir Ivan Zamorano (Chilene, ehemals FC St. Gallen; d. Red.) geraten hat, in die Schweiz zu gehen.

Zamorano hat in St. Gallen seine Weltkarriere lanciert. Verfolgen Sie auch längerfristige Ziele? Stichwort Topliga.

Ich will als Spieler wachsen, darum bin ich aus Chile weggegangen, wo ich alles erreicht habe. An einen anderen Klub verschwende ich keinen einzigen Gedanken, dafür fühle ich mich hier zu wohl. Wenn es nach mir geht, könnte ich bis zum Karriereende in Basel bleiben.